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Running Man (1987) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Die 1980er-Jahre waren schon ein komisches Jahrzehnt. Politisch im Lichte der Achse Reagan-Thatcher-Kohl global gesehen eine der konservativsten Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, in welcher Neonlichter und Synthesizer-Pop einfach nur der Hammer waren, merkwürdige Frisuren Konjunktur hatten und das US-amerikanische Filmschaffen gefühlt lediglich aus Kriegsfilmen, Tanzfilmen, Slasherfilmen, Teenie-Komödien oder Actionfilmen mit aufgepumpten Hauptdarstellern bestand, welche gern einmal die sozial nachhaltig desaströse, neoliberale Reagan-Politik ideologisch stützten. Doch manchmal lohnt es sich genauer hinzuschauen, so sind beispielsweise Filme von Paul Verhoeven wie „RoboCop“ oder „Total Recall“ trotz ihrer oberflächlichen Gemeinsamkeiten mit genanntem Actionkino deutlich subversiver als der seinerzeitige Mainstream, auch Werke wie „Nico“ mit Steven Seagal oder „Predator“ mit Arnold Schwarzenegger erfüllen kaum die Tradition des damaligen rechtskonservativen Zeitgeistes. Und dann gibt es noch „Running Man“, ebenfalls mit Schwarzenegger, der ein wenig zwischen den Stühlen steht: Zwar hielt er in Gestalt seines Hauptdarstellers das mit der Reagan-Ideologie einhergehende Körperideal ein (Literaturhinweis: das Buch „Hard Bodies“ von Susan Jeffords geht dieser Frage genauer nach), wies jedoch zumindest in Ansätzen eine zwar plakative, aber nichtsdestotrotz vorhandene Medienkritik auf.

„Running Man“ basiert auf dem (im Original) gleichnamigen Roman von Stephen King, den er unter dem Pseudonym Richard Bachman schrieb und der in Deutschland unter dem Titel „Menschenjagd“ erschien. Es handelt sich hierbei um den nicht weniger als besten Roman des Horror-Großmeisters, der das Pseudonym nicht nur deshalb annahm, um zu prüfen, ob sich seine Bücher wegen seines Namens oder doch wegen ihres Inhaltes gut verkauften (Auflösung: sie waren auch unter Pseudonym ein Renner), sondern es ebenfalls nutzte, um eher in Richtung Thriller mit einem sozialkritischen Einschlag zu gehen. „Menschenjagd“ spielt in einer dystopischen Zukunft, in der die Gesellschaft im Sinne von „Brot und Spielen“ mit TV-Shows bei Laune gehalten wird, die letztlich auf den Tod ihrer Kandidaten ausgelegt sind (so gibt es etwa „Tretmühle zum Reichtum“, in der Menschen mit Herzfehler sich Cardio-Programmen aussetzen und so Geld gewinnen), um auf diese Weise soziale Unruhen zu verhindern. Ganz grundlegend wurde diese Prämisse durch den fünf Jahre nach dem Roman erscheinenden Film übernommen, mit Ausnahme der Namen der Hauptcharaktere hat die Verfilmung jedoch nicht mehr viel mit ihrer Vorlage gemein.

Protagonist des Buches ist Ben Richards, der sich bei der Show „Menschenjagd“ anmeldet, in deren Zuge er für das Fernsehen einen Monat von Auftragskillern durch die USA gejagt wird, wobei es eine Belohnung für Bürger gibt, die ihn melden und es damit schwerer für ihn machen. Jede Stunde, die er überlebt, erhalten seine Frau und seine chronisch kranke Tochter Geld, sollte er den vollen Monat überleben, gewinnt er den Hauptgewinn von einer Milliarde Dollar, was bislang noch niemandem gelungen ist. Das Genie von Autor King lag hierbei darin, dass er die Sensationsökonomie des Fernsehens (und später der „sozialen Medien“) vorwegnahm und sie in einen beängstigenden Status an Normalität überführte, der in solchen Zeiten, in denen Rettungskräfte durch mit ihrem Smartphone filmende Gaffer auf der Autobahn aktiv von ihrer Arbeit abgehalten werden, leider wieder aktuell erscheint.

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Im Film sind es hingegen (vermeintliche) Kriminelle, die in eine räumlich sehr weite, wenn auch geografisch begrenzte „Arena“ geschickt werden und dort nacheinander gegen übermäßig bewaffnete Gegner kämpfen müssen, ein wenig im Sinne der im Gaming üblichen „Bossfight“-Logik. Das Ganze wird im Fernsehen übertragen, wobei die Sympathie des Publikums nicht den jeweiligen „Kandidaten“, sondern den zur Show gehörigen und wie Superstars verehrten Kämpfern gehört. „Running Man“ atmet dabei regelrecht die 1980er-Jahre: Arnold Schwarzenegger in der Haupt- und Titelrolle des Ben Richards, der als zu Unrecht Gejagter, da Opfer eines politischen Komplotts einen gelben Spandex-Anzug tragen darf; die typischen Elemente einer Dystopie, so wie man sie damals nun einmal bebilderte: eine futuristische Großstadt, die meisten Menschen leben jedoch in umliegenden Slums und wärmen sich in der Regel an Fässern, in denen Feuer brennen, es ist meist dunkel und von irgendwoher kommt Rauch, der das Licht des Feuers sowie das von Autos und etwaigen Laternen etwas streut; neben Schwarzenegger treten einige 1970er- und 1980er-Jahre-teilweise-B-Movie-Größen auf, so beispielsweise Yaphet Kotto („Chicago Poker“, „Friday Foster“, „Nightmare on Elm Street 6“, aber auch „Alien“ oder „Blue Collar“) und Maria Conchita Alonso („Fear City“, „Predator 2“, aber auch „Colors – Farben der Gewalt“ oder „Ausgelöscht“); der Soundtrack von „Beverly Hills Cop“-Komponist Harold Faltermeyer ist der absolute Synthpop-Hammer; die Kostüme der gegen Richards antretenden Gladiatoren sind derart neonbunt-absurd-Over-the-Top, dass es schon fast Camp-Charakter hat und zuletzt ist auch die die Gewaltdarstellung nicht ganz ohne.

So dürfte jedem klar sein, dass Schwarzenegger selbstverständlich der erste sein wird, der lebend aus der Show rauskommt und der sich dementsprechend seinen Weg durch die TV-Show-Kämpfer schießt, hackt, sticht und brennt. Parallel muss der gegen sich gegen den autoritären Staat richtende Widerstand einen praktischerweise in der Arena befindlichen Sender zerstören, um die Wahrheit über das System ans Licht zu bringen und damit auch Richards zu rehabilitieren. Hier macht es sich das Drehbuch natürlich sehr einfach, in Anbetracht des hier gebotenen bunt-laut-knalligen Attraktionskinos stört das aber überhaupt nicht. Auch die für die damalige Zeit typischen One-Liner sind selbstverständlich vorhanden, die einzelnen Setpieces überbieten sich in ihrem charmanten Irrwitz gegenseitig, so muss Richards (und später auch die von Alonso gespielte Amber Mendez, die den Verantwortlichen der Show zu neugierig geworden ist) gegen Gegner antreten, die nacheinander mit einem Eishockeyschläger, einer Kettensäge, einem Blitze werfenden Anzug voller Glühbirnen?!? und einem Flammenwerfer bewaffnet sind. Dies dürfte wohl das mit Abstand aberwitzig-schrägste Antagonisten-Sammelsurium des 1980er-Jahre-Actionkinos darstellen, was nicht unerheblich zur skurrilen Faszination des Filmes beiträgt.

„Running Man“ ist einer der Fälle, in welchem man Buch und Film schlicht voneinander trennen muss, auch die Sozialkritik des Romans ist, wie erwähnt, zwar in Ansätzen vorhanden, aber deutlich weniger ausgeprägt als in der Vorlage. Hier steht das Spektakel im Vordergrund, die Freude am filmischen Exzess, an Farben, an elektronischen Klängen und an einer ganz gehörigen Portion überdrehter Absurdität, eine Melange, die „Running Man“ zu einem verdammt unterhaltsamen Film macht.

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Die Edition: capelight pictures hat sich mit „Running Man“ selbst übertroffen: Der Film erscheint im Rahmen der Mediabook-Reihe (dort enthalten auf Blu-ray und DVD) mit einem edlen matt-schwarzen Cover, auf das der Titelschriftzug silber-glänzend aufgedruckt ist. Parallel erscheint ein Steelbook mit schick gezeichnetem Cover, eine VHS-Retro-Edition und eine Single-DVD. Die Bildqualität ist fantastisch, auch beim Bonusmaterial hat man sich nicht lumpen lassen: Zunächst ist dieses auf Blu-ray und nicht auf DVD enthalten, wovon sich andere Labels eine Scheibe abschneiden können (hallo, Koch Media!), auch gibt es neben zahlreichen und sehr ausführlichen Interviews unter anderem mit Komponist Harold Faltermeyer, Plakatzeichner Renato Casaro und der im einleitenden Absatz genannten Filmwissenschaftlerin Susan Jeffords zwei jeweils 20-minütige, mehr oder weniger politische Features: „Lockdown on Main Street“ über den Status der Bürgerrechte seit den Anschlägen des 11. September 2001 sowie „The Game Theory“, das sich mit Reality-TV auseinandersetzt. Zusätzlich liegt der großartige Soundtrack als CD bei, so dass das Mediabook insgesamt vier Discs enthält.

Autor: Jakob Larisch

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