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Kindeswohl (2017/2018) Review

© Concorde Home Entertainment

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Die Verfilmung seines Romans „The Children Act“ plante Ian McEwan laut eigener Aussage bereits beim Schreiben des 2014 erschienenen Bestsellers. Als Regisseur favorisierte er von Beginn an seinen engen Freund Richard Eyre, der während seiner langen Karriere als Theaterregisseur nur wenige, von der Kritik aber durchaus positiv aufgenommene Ausflüge ins Filmgenre unternommen hat (zu den bekanntesten dürften „Iris“ und „Tagebuch eines Skandals“ zählen). McEwan war nämlich klar, dass eine Verfilmung von „The Children Act“ mit ihren Schauspielern stehen und fallen würde und Eyre traute er es aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung am Theater wie keinem anderen zu, diese zur Höchstform auflaufen zu lassen. Und tatsächlich beeindruckt „Kindeswohl“, der im August 2018 in den deutschen Kinos anlief und nun auf Blu-ray und DVD erscheint, vor allem mit seinen starken Darstellern, die ihre Figuren mit großer Eindringlichkeit spielen und die auf den ersten Blick vielleicht wenig aufregende Geschichte in ein bewegendes Drama verwandeln.

Fiona Maye (Emma Thompson) hat als angesehene Familienrichterin am High Court of Justice in London regelmäßig schwierige Urteile zu fällen, die das Leben von Kindern und Eltern gravierend beeinflussen. Entscheidungen über lebensgefährliche Operationen stehen ebenso auf ihrer Tagesordnung wie komplizierte Unterhalts- und Sorgerechtsstreitigkeiten. Fiona geht ihrem Job mit Hingabe, aber ohne jede Sentimentalität nach. Moralische oder emotionale Erwägungen haben für sie keine Relevanz, sie richtet sich allein nach dem Gesetz. Die sachliche Distanziertheit, die Fiona bei ihrer Arbeit als Richterin zugutekommt, hat sich jedoch auch auf ihre Ehe übertragen: Plötzlich offenbart ihr Ehemann Jack (Stanley Tucci), er sei so unzufrieden in der Beziehung, dass er beschlossen habe, eine Affäre mit einer Kollegin zu beginnen. Mit gepackten Koffern verlässt er die gemeinsame Wohnung. Fiona, die von der Frustration ihres Mannes nichts mitbekommen hat und dementsprechend völlig überrumpelt ist, hat jedoch keine Zeit, sich in Enttäuschung, Wut oder Trauer zu verlieren, denn auf ihrem Schreibtisch landet ein Fall von besonderer Dringlichkeit. Der 17-jährige Adam (Fionn Whitehead) ist an Leukämie erkrankt und benötigt so schnell wie möglich eine Bluttransfusion, die er und seine Eltern als Zeugen Jehovas aber strikt ablehnen. Auf der Grundlage des sogenannten Children Act muss Fiona darüber urteilen, ob sich das Krankenhaus aus Gründen des Kindeswohls über die religiösen Überzeugungen der Familie hinwegsetzen und Adam das Leben retten darf.

Wer sich von „Kindeswohl“ ein pathetisches Gerichtsdrama über die Abwägung zwischen (ohnehin umstrittener) religiöser Überzeugung und Leben erhofft, wird enttäuscht sein, denn Fiona braucht nur etwa 20 Filmminuten, um zu einem Urteil zu kommen (das überdies auch nicht besonders überraschend ist). Im Fokus stehen vielmehr die Beziehungen, welche die Welt der Richterin ins Wanken bringen: einerseits die langsam zerbrechende Beziehung zu Jack, andererseits das sich langsam entwickelnde und schwer zu beschreibende Verhältnis zum todkranken Zeugen Jehovas Adam.

Die Ehe der Richterin beschreiben McEwan und Eyre mit nur einer einzigen Szene direkt zu Beginn so anschaulich, dass sofort klar wird, dass und warum es in ihr kriselt. Jack versucht, sich mit der am Laptop sitzenden Fiona zu unterhalten, die jedoch weder das Tippen einstellt noch vom Bildschirm aufblickt und nur kurze, gedankenverlorene Antworten gibt. Das erste Mal wirklich sieht sie ihren Ehemann an, als er ihr von seiner geplanten Affäre erzählt. Anstatt Fiona aber einfach als Workaholic mit Tunnelblick abzustempeln, macht der Film mit wenigen, aber eindrucksvollen Szenen im Gerichtssaal klar, dass Fionas Beruf schlichtweg kaum Raum für irgendetwas anderes lässt. Außerdem werfen verschiedene kleine Momente die Frage auf, ob Fionas Mann und ihre High-Society-Freunde nicht vielleicht auch selbst dazu beigetragen haben, dass sie sich mehr und mehr zurückgezogen hat. Denn immer, wenn Fiona versucht, sich mitzuteilen, wird dies entweder ignoriert, missverstanden oder heruntergespielt.

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Vielleicht liegt hierin auch der Grund, wieso Fiona eine Bindung zu Adam aufbaut. Nicht nur, dass der Junge vor ansteckender Wissbegierde und Lebensfreude sprüht, obwohl er dem Tod ins Auge sieht, nein, er interessiert sich auch aufrichtig für das, was die Richterin über ihr Leben und ihre Gedanken zu erzählen hat. Mit seiner leicht überdrehten, aber auch sehr empathischen Art schafft Adam es, die Familienrichterin schon bei ihrem ersten Besuch an seinem Krankenbett zum Lachen zu bringen und ihr sogar einige Details über ihr Privatleben zu entlocken. Als Adam auch nach dem Urteilsspruch immer wieder Fionas Nähe sucht, indem er ihr Briefe und Mailboxnachrichten hinterlässt und ihr sogar auf eine Dienstreise nach Newcastle folgt, weist die Richterin ihn entschieden zurück („Dein Fall ist für mich abgeschlossen“). Adams Nachrichten, in denen er über Musik, Literatur und den Sinn des Lebens philosophiert, liest und hört Fiona jedoch stets interessiert und sichtlich berührt – und als er vorschlägt, bei ihr einzuziehen, meint man tatsächlich einen kurzen Moment des Zögerns in ihrem Blick zu erkennen, bevor sie ablehnt. Sieht Fiona in Adam vielleicht das Kind, auf das sie für ihre Karriere verzichten musste? Ist er für sie ein Seelenverwandter? Oder hegt sie am Ende sogar romantische Gefühle für ihn? Die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Charakteren lässt sich an keiner Stelle wirklich einordnen und ist gerade deswegen spannend.

Regisseur Eyre stellt seine Inszenierung klar in den Dienst der Erzählung, schafft es gleichzeitig aber auch, sein sicheres Gespür für Stil unter Beweis zu stellen. Seine harmonisch komponierten Bilder verbinden sich mit berührender Musik von Stephen Warbeck, die immer an den richtigen Stellen einsetzt und niemals zu aufdringlich wird. Das größte Lob gebührt jedoch den ausgezeichneten Darstellern. Emma Thompson („Eine zauberhafte Nanny“, „Saving Mister Banks“) hat wahrhaftig eine anspruchsvolle Rolle zu meistern. Da Fiona ihr Inneres stets vor anderen (und wohl auch vor sich selbst) zu verbergen sucht, kann Thompson für ihre Darstellung nicht auf große Worte und Gesten, sondern fast nur auf ihre Mimik zurückgreifen. Gekonnt spiegelt die Oscar-Preisträgerin – von der Eyre sagt, dass er den Film ohne sie niemals gedreht hätte – alle Emotionen Fionas in ihrem Gesicht wider, trägt dabei aber nie zu dick auf und lässt gerade so viel durchschimmern, dass man sich in ihre Figur einfühlen kann. Das Ergebnis ist das glaubhafte Porträt einer Frau, deren unerschütterlich anmutende Erhabenheit jederzeit in einen Nervenzusammenbruch umschlagen kann. Auch Stanley Tucci („Spotlight“, „Die Tribute von Panem“) macht seine Sache hervorragend – und das, obwohl seine Rolle als Fionas Ehemann eigentlich eine sehr undankbare ist. Jacks tiefe Unzufriedenheit ist angesichts von Fionas gleichgültigem Verhalten ihm gegenüber zwar durchaus verständlich, doch in seiner Frustration tut und sagt er einiges, das ihn schnell egoistisch und herzlos wirken lassen könnte. So will er sich zum Beispiel ernsthaft damit brüsten, dass er Fiona seine Affäre offen angekündigt hat, anstatt sie einfach hinter ihrem Rücken zu beginnen. Tucci spielt seine Rolle jedoch mit so viel Fingerspitzengefühl, dass Jack auch in den schwierigsten Szenen noch sympathisch wirkt. Fionn Whitehead („Dunkirk“) ist ebenfalls eine Erwähnung wert. Seine Figur Adam nimmt sich alles, was um sie herum passiert, so zu Herzen, dass ihre Stimmung rasend schnell von naivem Optimismus zu absoluter Hoffnungslosigkeit und von fast manischer Freude zu purer Verzweiflung werden kann. Whitehead schafft es, jedes Extrem eindrucksvoll und glaubwürdig darzustellen.

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Insgesamt ist „Kindeswohl“ vielleicht kein herausragendes, aber definitiv ein gelungenes Drama über eine durch Eheprobleme und eine ungewöhnliche Begegnung aus der Bahn geworfene Familienrichterin, das allein schon wegen seiner stilsicheren Inszenierung und seiner großartigen Darsteller sehenswert ist.

Autorin: Johanna Böther

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