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Trash Talk Reboot #13 Ad Astra

Ad Astra

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Manuel, Meggy und Torsten machen sich heute auf zu den Sternen und besprechen den neuen Film von James Gray.

Review: „Ad Astra“
00:00:00 – 00:30:00

Spoiler-Talk: „Ad Astra“
00:30:00 – 01:15:00

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Trash Talk Reboot #12 Es Kapitel 2

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Mamon, Meggy und Torsten lösen ihren Schwur ein und stellen sich Pennywise zum zweiten Mal.

Review: „ES Kapitel 2“
00:00:00 – 01:13:00

Besetzung: Mamon, Meggy und Torsten

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Greta (2018/2019) Review

© capelight pictures / Ascot Elite

© capelight pictures / Ascot Elite

Neil Jordan ist ein vielseitiger Regisseur, sein Oeuvre bewegt sich zwischen Fantasyfilmen („Die Zeit der Wölfe“, 1984), Vampirfilmen („Interview mit einem Vampir“, 1994; „Byzantium“, 2012), Thrillern („Mona Lisa“, 1986; „Jenseits der Träume“, 1999), politisch fundierten Filmen („The Crying Game“, 1992; „Michael Collins“, 1996), Komödien („High Spirits“, 1988) oder Rachefilmen („Die Fremde in dir“, 2007). Doch blieb er bei aller Anerkennung stets ein Maverick, ein letztlich filmischer Außenseiter, der weder kommerzielle noch Kritiker-Erfolge am Fließband produzierte und dessen neue Filme vermutlich nie mit einer solchen Spannung erwartet wurden wie die von einigen seiner Kollegen. Dies trifft auch auf seinen jüngsten Film „Greta“ zu, der trotz einer vortrefflichen Besetzung nahezu vollkommen unter dem öffentlichen Radar lief.

Der Film hat eine eigentlich ziemlich einfache Prämisse: Isabelle Huppert spielt die Titelfigur, die sich zunächst mit der Kellnerin Frankie (Chloë Grace Moretz) anfreundet, nachdem diese eine von Greta in der U-Bahn verlorene Handtasche zu ihr zurückbringt. Mit der Zeit wird Greta jedoch aufdringlich, zudem entdeckt Frankie eine ganze Reihe identischer Handtaschen in Gretas Wohnung, die nahelegen, dass sich ein System dahinter verbirgt und Greta sie absichtlich in der U-Bahn liegenlässt. Frankie versucht, die Freundschaft zu beenden, doch Greta entwickelt sich zu einer obsessiven Stalkerin, die es mit der Zeit nicht nur auf Frankie, sondern auch auf deren beste Freundin Erica (Maika Monroe) abgesehen hat.

© capelight pictures / Ascot Elite

© capelight pictures / Ascot Elite

Über diese einfache Prämisse geht „Greta“ dann auch leider nicht hinaus. Der Stalking-Thriller mit Anleihen beim Detektivfilm (wenn Frankie versucht, die Gründe für Gretas Verhalten in deren Vergangenheit zu suchen) fokussiert sich zum einen auf die Versuche von Greta, in Frankies Leben einzudringen bzw. ein Bestandteil ihres Lebens zu bleiben sowie zum anderen auf Frankies (und Ericas) Versuche, genau dies zu verhindern. Mit Ausnahme eines gegen Ende eingebundenen, erzählerisch durchdachten Moments, der gekonnt mit den Erwartungen spielt, wird das alles mit der Zeit ein wenig redundant und es ist der Performance der wie üblich exzellenten Isabelle Huppert zu verdanken, der es gelingt, einem sehr einfach geschriebenen Charakter durch ihr Spiel noch ein paar zusätzliche Facetten abzuringen, dass sich die Vorhersehbarkeit des Filmes nicht irgendwann vollkommen in den Vordergrund drängt. Denn es ist klar, dass es zu einem gewissen Zeitpunkt zur zentralen Konfrontation kommen muss, es ist klar, dass Greta immer neue Methoden und Tricks ausprobiert und es ist klar, dass der von Frankies Vater (Colm Feore) angeheuerte Privatdetektiv (Neil-Jordan-Dauergast Stephen Rea) keinen Erfolg haben wird. Wo ist eigentlich die Polizei, fragt man sich da, doch Neil Jordan beantwortet diese Frage mit einer sehr heftigen, plakativen und polemischen Kritik am Versagen staatlicher Organe, die auch schon „Die Fremde in dir“ gekennzeichnet hatte. Das hilft zwar dramaturgisch, da Greta auf diese Weise immer wieder weitermachen kann, doch ist der Film hierbei zu oberflächlich und zu plump, um tatsächlich als ernstgemeinte Kritik durchgehen zu können. Wo nicht nach den (gesellschaftlichen) Ursachen für so unterschiedliche Faktoren wie bestimmte rechtliche Vorschriften oder auch die Überlastung der Polizei gefragt wird, sollte man auch nicht einseitig auf die Symptome einschlagen. Dazu passt, dass die Erklärung für Gretas Verhalten arg küchenpsychologisch daherkommt. Für Ambivalenzen ist in diesem Weltbild offensichtlich kaum Platz.

Immerhin ist „Greta“ atmosphärisch kohärent, der Film spielt sich größtenteils in den Wohnungen der Protagonistinnen sowie in dem Restaurant ab, in dem Frankie arbeitet. Sowohl dort als auch auf den Straßen von New York gelingt es dem Regisseur, das Klima einer ständigen Bedrohung zu evozieren, nie kann man ganz sicher sein, ob Greta nicht doch hinter der nächsten Hausecke, im Fahrstuhl oder in der U-Bahn lauert. Nicht zuletzt ist „Greta“ mit Blick auf die darstellerischen Leistungen interessant, denn er zeigt leider sehr deutlich, dass Chloë Moretz letztlich schauspielerisch limitiert ist. Dies kommt nicht nur in den Szenen mit der ohnehin in einer eigenen Liga spielenden Isabelle Huppert, sondern insbesondere in den Momenten mit der großartig aufspielenden Maika Monroe zum Tragen: Während letztere ihre rotzig-liebenswürdige Figur mit einer bewundernswert starken Natürlichkeit spielt, so dass man sich am Ende fast wünscht, sie hätte die zweite Hauptrolle übernommen, wirkt Chloë Moretz stets bemüht und angestrengt, immer wieder mit den gleichen ein, zwei Gesichtsausdrücken durch das Bild laufend, was sich auch nicht ausschließlich durch ihre Rolle erklären lässt. Die mit eigentlich deutlich gröberen Pinselstrichen gezeichnete Erica wirkt somit nicht nur sympathischer, sondern hinterlässt zudem mit Blick auf die Figurenkonstellation als Ganzes bei deutlich weniger Screentime einen deutlich markanteren Eindruck.

© capelight pictures

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„Greta“ lässt sich am besten mit der Abwandlung einer Metapher zusammenfassen, die an einer Stelle von Frankie angebracht wird: Ihre Freunde würden ihr immer sagen, sie sei wie Kaugummi, erzählt sie zu Beginn: „I tend to stick around.“ Der Film weist hingegen andere Eigenschaften von Kaugummi auf: Er zieht sich etwas und auch der Geschmack ist im Endeffekt schnell verflogen.

Autor: Jakob Larisch

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No Mercy (2019) Blu-ray-Kritik

© Busch Media Group

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Kaum eine dramaturgische Prämisse ist derart stringent zu erzählen wie die des Selbstjustiz-Films. Man braucht lediglich ein nachvollziehbares Motiv, eine Hauptfigur, mit der man sich identifizieren kann und einen oder mehrere Antagonisten, denen man nichts lieber wünscht, als dass es ihnen an den Kragen geht. Dabei gibt es echte Klassiker und exzellente Vertreter dieses Kriminalfilm-Subgenres, die auch das eine oder andere Mal politische, gesellschaftliche oder soziale Fragen verhandeln. Und dann gibt es, aufgrund der Einfachheit der dramaturgischen Struktur, sehr viele Filme, die einfach nur eine entsprechende Grundsituation nehmen und diese dann gegen die Wand fahren. So wie es auch der koreanische Vertreter „No Mercy“ tut.

Die Rache nehmende Person ist dieses Mal Inae (Si-young Lee), die ihre jüngere Schwester Eunhye aus den Händen einer Gruppe von Menschenhändlern befreien will. Zufälligerweise ist sie Bodyguard, so dass das Zupacken, Zutreten und Zuschlagen kein Problem für sie darstellt. Hätte man das auch geklärt. Dass ihre Gegner sie dauerhaft unterschätzen, ist dabei noch das gelungenste Element des Filmes, ganz einfach, da man es als Zuschauer besser weiß. Ansonsten stimmt bei diesem Low-Budget-Reißer vorne und hinten nichts: Zwar scheint Darstellerin Si-young Lee tatsächlich das eine oder andere Mal auch den einen oder anderen Tritt bzw. Schlag selbst ausgeführt zu haben, so genau lässt sich das aber nicht sagen, da die entsprechenden Momente zum einen amateurhaft choreografiert sind und zum anderen teils heillos zerschnitten wurden. Hier hätte wenigstens ein gewisses Potenzial gelegen, die Kampfszenen mit einem zumindest geringfügigen Schauwert auszustatten. Doch nicht nur sind diese in der Regel schnell wieder vorbei, sie sind auch vollends unspektakulär. Der visuelle Look des Filmes sieht dabei so aus, als wäre er mit Freizeit-Camcordern gedreht, wobei das Color-Grading in der Postproduktion wohl vergessen wurde.

© Busch Media Group

© Busch Media Group

Die überkonstruierte Handlung ergibt vorn und hinten keinen Sinn: Die Stationen, die Eunhye durchmachen muss, sind vollkommen willkürlich durcheinander geworfen, zusätzlich ist der Film überflüssigerweise auch nicht chronologisch erzählt, so dass man von Flashback zu Flashback springt und die Erklärungen, die man gerade noch so braucht, um die Handlung nicht vollends in die Willkür abrutschen zu lassen, einfach immer wieder mal eingeschoben werden. Inaes Fähigkeiten, Schlüsse zu ziehen, während sie den Weg ihrer Schwester nachzuvollziehen versucht, sind teilweise äußerst bemerkenswert, da sie auch mal ohne nachvollziehbare Hinweise wichtige Adressen herausfindet, wobei immer die für sie richtigen Leute am richtigen Ort sind. Wer sich dann am Ende auch noch zusätzlich in den Entführungsfall mit welcher Motivation einmischt, ist schließlich komplett nach dem Zufallsprinzip gestaltet, so dass sich nicht mehr feststellen lässt, ob die letzten zwanzig Seiten des Skripts in der richtigen oder der falschen Reihenfolge verfilmt wurden. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde.

Man sollte „No Mercy“ meiden. Es gibt unglaublich viele deutlich bessere Selbstjustiz-Filme (insbesondere aus Korea, Park Chan-Wook lässt grüßen). Die für das Genre eigentlich konstitutive (und in der Regel sinnvolle) Stringenz wird einem hanebüchenen Plot geopfert, der verzweifelt dramaturgische Komplexität zu heucheln versucht, am Ende jedoch einfach nur Resultat eines miserablen Drehbuchs ist. In den 1980er-Jahren wäre dieses Machwerk Videotheken-Ware des hintersten Regals gewesen und es ist erstaunlich, dass es eine deutsche Synchronfassung dieses Filmes gibt, denn dies bedeutet, dass allen Ernstes eine der koreanischen Sprache mächtige Person die Mühe auf sich nahm, diesen völlig belanglosen Film zu übersetzen. Sachen gibt’s…

Autor: Jakob Larisch

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Gut gegen Nordwind (2019) Review

© Sony Pictures

© Sony Pictures

In Vanessa Jopps Romanze „Gut gegen Nordwind“ beginnt ein durch einen Schreibfehler beim Eintippen der E-Mail-Adresse hervorgerufener digitaler Briefverkehr, über den die beiden Schreibenden sich zusehends in das geschriebene Wort des anderen und somit in ihren Gegenüber selbst verlieben. Der Film versucht zweifelsohne große Gefühle zu evozieren und in die Fußstapfen eines Klassikers wie „E-Mail Für Dich“ (1998) mit Meg Ryan und Tom Hanks zu treten. Allein, er schafft es nicht. Und so entfaltet sich eine völlig standardmäßige und keineswegs besondere Liebesgeschichte vor den Augen des Zuschauers. Dabei ersetzt die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Glattauer den tatsächlich problematischen Buchladen-Subplot des gedanklichen Vorbilds durch die familiären Hintergründe der beiden Turteltauben. Diese erhalten tatsächlich sehr viel Raum und bieten den Charakteren so eine Profilschärfung. Gleichzeitig ist dieser Hintergrund auch Nährboden für viele Drama-Klischees, die man so schon sehr oft in anderen Vertretern des Genres gesehen hat.

Sie – musikstudierte Ehefrau eines Dirigenten und fürsorgliche Stiefmutter seiner zwei Kinder. Er – Dozent für Linguistik mit liebevoller Schwester, einer Mutter mit Bindungsängsten, die sie offensichtlich auf ihren Sohn übertragen hat und einer für den Zuschauer extrem nervigen On-Off-Exfreundin, die auch nicht weiß, was sie will. Die beiden Hauptdarsteller spielen ihre Rollen eigentlich charmant, Nora Tschirner als Emma „Emmi“ Rothner insbesondere. Jedoch: Würde Alexander Fehling den Leo Leike nicht gerade so charmant-introvertiert spielen, wäre diese Figur äußerst fraglich. Subliminal scheint der Film einen von Bindungsängsten gebeutelten Mann abbilden zu wollen, dem Romantik immer gelegen kommt, wenn es an der Zeit wäre, sich diesen Ängsten zu stellen. Zwar spricht der Film selbst diese Probleme zwar an, jedoch entscheidet sich das Drehbuch bis zuletzt gegen eine Bewertung oder Einordnung dieses Charakterzugs, schließlich möchte man ja eigentlich eine Romanze und kein tiefschürfendes Psychodrama erzählen, was bei den Charakteren allerdings das durchaus Spannendere gewesen wäre. Leider bleibt „Gut gegen Nordwind“ wie so viele andere Vertreter seines Genres nicht vor ermüdenden, den Plot verkomplizierenden Wendungen gefeit, um künstlich Spannung aufzubauen und den Film in die Länge zu ziehen. So verhindert das Drehbuch bis zum Schluss, dass die Protagonisten sich erblicken, ja es scheut sich regelrecht davor. Dabei grenzt es ja schon an ein Wunder, dass die beiden überhaupt in derselben Stadt leben!

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Das größte Problem der Story liegt in den Charakterzügen des Leo Leike begründet: Er kann sich nicht entscheiden, was er will. Er flüchtet sich vor echten Gefühlen, und blockiert im realen Leben echte Nähe. Er sucht Zuflucht in einer virtuellen Bekanntschaft, schreibt ihr aber oft tagelang nicht, und zwar immer dann, wenn es für ihn kompliziert wird. Symptomatisch für seine Unentschlossenheit und seine Angst vor Nähe ist insbesondere eine Szene: Gegen Ende des Films, nachdem seine Mutter stirbt, verabredet der aufgewühlte Leo sich mit Emma Rothner zu einem realen Treffen am Abend nach der Beerdigung. Als am Grab jedoch seine Exfreundin erscheint, schneidet der Film sofort zu einer sich fertig machenden Emma, die von ihm die Nachricht erhält, er müsse absagen. Dies geschieht allerdings so spät in der Handlung, dass man als Zuschauer nur genervt aufstöhnen kann, nahm man bis dahin doch eine Weiterentwicklung der Figur an. So fällt es dem Zuschauer schwer, Empathie zu ihm aufzubauen. Es ist das Glück des Films, dass das Drehbuch nach solchen Momenten immer eine Weile Emma folgt und Darstellerin Tschirner mit ihrer Performance durch diese schon dutzendfach gesehenen Plot-Elemente trägt.

Zwar beinhaltet der Film tatsächlich auch gelungene, romantische Szenen, wie zum Beispiel jenes schriftliche Gespräch zwischen den beiden, welches „Gut gegen Nordwind“ seinen Titel gibt, in dessen Verlauf die Grenze zwischen erzählter Realität und romantischem Traum aufgebrochen wird. Daneben visualisiert der Film schön die Nähe und gleichzeitige Distanz der beiden, wenn Fehlings Charakter auf seinem Dach Feuerwerkskörper zündet, die Emma von ihrem Dach aus sieht. Auch ist dem Streifen zugute zu halten, dass man wirklich viel Einblick in Emmas Eheleben erhält und versteht, warum sie mit ihrem Mann zusammen ist. Diese wenigen positiven Dinge täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass „Gut gegen Nordwind“ kein einziges Alleinstellungsmerkmal hat und durch eine konventionelle Erzählung einem ebenso lange im Gedächtnis bleiben wird, wie eine E-Mail im Spam-Ordner verweilt: Nach spätestens 30 Tagen automatisch gelöscht.

Autor: Nino Steffeck

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KurzCast #28 Angel Has Fallen

© Universum Film

© Universum Film

 

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Direkt nach der Sichtung des Filmes werfen wir in der gebotenen Kürze einen Blick auf Zeitgenössisches aus der Filmwelt. Heute geht es um miese visuelle Effekte, Schnittgewitter und das Alter von Morgan Freeman. Dies und weiteres in unserer Episode zu „Angelk Has Fallen“!

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Beale Street (2018/2019) Review

© DCM / Universum Film

© DCM / Universum Film

Barry Jenkins hat sich weiterentwickelt. Sein Oscar-Film „Moonlight“ war zwar unter rein genretheoretischen Gesichtspunkten ein überzeugendes Melodram, doch auf keinen Fall der filmische Heilsbringer, zu welchem er im öffentlichen Diskurs hochstilisiert wurde. Zu individualisiert war das Schicksal der Hauptfigur dargestellt, zu wenig wurde der (auch ökonomische) gesellschaftliche Kontext berücksichtigt, zu wenig wurden die thematisierten Konflikte auf einer strukturellen Ebene angesiedelt oder verortet, geschweige denn entschlüsselt. Bei Jenkins‘ aktuellem Langspielfilm „Beale Street“ ist dies nun anders. Viel verwurzelter in politischen und sozialen Fragen geht dieser Film das Thema Rassismus tatsächlich strukturell an, zeigt dieses Problem nicht nur als eine Art individuelle Verfehlung, sondern thematisiert auch dessen tieferliegende Ursachen.

„Beale Street“ basiert auf dem 1974 erschienenen Roman „If Beale Street Could Talk“ (so auch der englische Originaltitel) von Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivist James Baldwin. Das schwarze Pärchen Tish und Fonny (KiKi Layne und Stephan James) wird aus seinem Liebesglück gerissen, als Fonny fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt und verhaftet wird. Obwohl zahlreiche Ungereimtheiten den Fall begleiten, bleibt Fonny im Gefängnis, während (die schwangere) Trish und ihre Familie sich mit Hilfe eines Anwaltes daran machen, im anstehenden Gerichtsprozess seine Unschuld zu beweisen. Dabei werden ihnen jedoch von mehreren Seiten Steine in den Weg gelegt. Und genau darin liegt die Darstellung des strukturellen im Gegensatz zum individuellen Rassismus.

Mit Ausnahme des Polizisten Bell (Ed Skrein), auf dessen Aussage Fonnys Verhaftung (neben einer fragwürdigen polizeilichen Gegenüberstellung) maßgeblich basiert, und der eindeutig als Rassist gekennzeichnet wird, tauchen in diesem Film keine weiteren dementsprechenden Figuren auf. „Beale Street“ deckt vielmehr auf subtile Weise gesellschaftliche Funktionsmechanismen zur Zeit der 1970er-Jahre auf, die eine aktive Ungleichbehandlung schwarzer US-Amerikaner bedingten. Der Fokus liegt kaum auf der Ausarbeitung eines oder mehrerer Antagonisten, stattdessen stellt der Film vielmehr eine eindrückliche und emotionale Collage der Liebesbeziehung zwischen Fonny und Trish dar, mit allen Höhen und Tiefen. Ein wenig erinnert „Beale Street“ dabei an den ähnlich gelagerten „Loving“ (2016), dem es ebenfalls wichtiger war, positive Akzente zu setzen als sich auf die Konstruktion von Feindbildern zu verlassen. Man freut sich mit den beiden Hauptfiguren, wenn sie nach langer Suche endlich eine gemeinsame Wohnung finden, wobei gleich in der Schwierigkeit der Suche ein struktureller Faktor thematisiert wird: Die vielen absagenden Vermieter werden nur erwähnt, man bekommt sie nie zu Gesicht, es handelt sich somit nicht um ein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem, dass ein junges schwarzes Paar lediglich aufgrund allgemein herrschender, diskriminierender und nicht hinterfragter Normen keine Wohnung erhält. Eine düstere Vorahnung kommt auf, wenn Fonny direkt im Anschluss in eine nicht von ihm verschuldete Auseinandersetzung mit dem Polizisten Bell gerät, der zu diesem Zeitpunkt durch die anachronische Erzählweise bereits als der Motor hinter Fonnys Verhaftung etabliert wurde, womit eine kausale Verbindung zwischen den beiden Ereignissen markiert wird.

© DCM / Universum Film

© DCM / Universum Film

Auch die Rechtsprechung hilft den Figuren nicht: Gerichtsverhandlungen werden verzögert, juristische Prinzipien werden gedehnt oder gebrochen, der Fall wird verschleppt, die Polizei hilft nicht weiter und auch der (weiße) Anwalt sieht sich unter seinen Kollegen einer zunehmenden Ablehnung ausgesetzt, nachdem er Fonnys Fall übernommen hat. Auf diese Weise vermag es „Beale Street“ geschickt, seine Thematik auf eine allgemeine politische Ebene zu heben, denn auch hier: die Richter sieht man nicht, die Gespräche zwischen dem Anwalt und seinen Kollegen werden nicht gezeigt, auch die furchtbaren Zustände im Gefängnis werden nicht bebildert, sondern lediglich durch Fonny sowie dessen Freund Daniel angesprochen. Wie schon beim Problem der Wohnungssuche gilt auch hier: Es sind nicht (bzw. nicht nur) konkrete Individuen, die rassistische Verhaltens- und Kommunikationsmuster aufrechterhalten, diese Muster halten sich stattdessen kollektiv aufrecht, und genau das wird auch thematisiert. Alles andere wäre zu einfach und würde in einer simplifizierten Suche nach einzelnen Sündenböcken enden; geändert hätte sich damit jedoch nichts, wenn lediglich einzelne Schaltstellen beseitigt werden.

Der Film emotionalisiert zwar durchaus sein Publikum durch die Darstellung der Liebesbeziehung, hat es jedoch nicht nötig, in holzschnittartige dramaturgische Standards zu verfallen und auf eindimensionale Schurkenrollen zu setzen. Damit ist „Beale Street“ ein Film, der nicht ex negativo spaltend vorgeht und seine Hauptfiguren lediglich im Kontrast zu Antagonisten charakterisiert, sondern der seine Kraft aus einer positiven Darstellung an sich zu ziehen vermag. Die Ungerechtigkeiten, die den Figuren passieren, wirken somit viel langwieriger nach, da der Film nicht nur ein Fühlen, sondern zusätzlich ein Denken anregt und sich die Konflikte auch im Kopf festsetzen. Interessant ist dabei die wiederkehrende Ansprache der Zuschauer durch den häufigen Bruch der Vierten Wand. Immer wieder schauen die Figuren in die Kamera, als würden sie das Publikum dazu auffordern, sich selbst zu positionieren, selbst aktiv zu werden, selbst die Stimme zu erheben. Auch anderweitig werden keine dramaturgischen Konflikte forciert; so steht Trishs Familie trotz einer unehelichen Schwangerschaft uneingeschränkt hinter ihr, wohingegen Fonnys Mutter und seine zwei Schwestern ihre religiöse Pseudo-Integrität über die Familie stellen und etwas von „Gottes Wegen“ faseln, die zu seiner Verhaftung geführt hätten. Konsequenterweise tauchen sie nach einer Szene nicht mehr auf. Der beste Dialog des Filmes ist übrigens hier verortet: Fonnys Mutter versucht, eine Spitze gegen Trish zu setzen: „Meine Töchter würden nicht einfach so schwanger werden!“ Die Antwort von Trishs Schwester: „Das liegt daran, dass sie keiner flachlegen will!“ Öffnet die Tür und schmeißt die andere Familie hinaus. Großartig!

© DCM / Universum Film

© DCM / Universum Film

Lediglich die ökonomische Kopplung vermeidet Jenkins nach „Moonlight“ erneut. Zwar wird in einem Gespräch von Trishs und Fonnys Vater (der deutlich liberaler eingestellt ist als seine Frau und seine Töchter) einmal beiläufig erwähnt, dass es bei allen Problemen stets ums Geld gehen würde. Doch inwieweit struktureller Rassismus untrennbar an ein kompetitives Wirtschaftssystem gebunden ist, das automatisch (wenige) Gewinner und (viele) Verlierer produziert und was beispielsweise auch Martin Luther King erkannt hatte, das findet keine Erwähnung. So fehlt der letzte, entscheidende Schritt, in einem ansonsten beeindruckenden Film.

Autor: Jakob Larisch

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Trash Talk Reboot #11 Once Upon a Time in Hollywood

© Sony Pictures

© Sony Pictures

 

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Jakob, Mamon, Meggy und Torsten nehmen den neuesten (film-)historischen Ausflug des Meisterregisseurs unter die Lupe.

Review: „Once Upon a Time in Hollywood“
00:00:00 – 01:23:00

Besetzung: Jakob, Mamon, Meggy und Torsten

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KurzCast #27 Crawl

© Paramount Pictures / Sergej Radović

© Paramount Pictures / Sergej Radović

 

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Direkt nach der Sichtung des Filmes werfen wir in der gebotenen Kürze einen Blick auf Zeitgenössisches aus der Filmwelt. Heute geht es um intelligente Charaktere, gelungene (Sound-)Effekte und – ganz generell – das Genre des Tierhorrorfilms. Dies und weiteres in unserer Episode zu „Crawl“!

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KurzCast #26 Fast & Furious: Hobbs & Shaw

© Universal Pictures

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Direkt nach der Sichtung des Filmes werfen wir in der gebotenen Kürze einen Blick auf Zeitgenössisches aus der Filmwelt. Heute geht es um Panzer, U-Boote, erzählerische Längen und schnelle Sonnenaufgänge auf Samoa. Dies und weiteres in unserer Episode zu „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“!

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Stuber – 5 Sterne Undercover (2019) Review

© 2019 Twentieth Century Fox

© 2019 Twentieth Century Fox

Übermensch trifft auf Uber-Mensch. So will die stumpfe Sommer-Actionkomödie „Stuber – 5 Sterne Undercover“ uns ihre Prämisse zumindest verkaufen. Ein Film, der sich in Zeiten der Auflösung klassischer Geschlechterrollen mit dem Stereotyp des Männlichen beschäftigt.

Dafür vereint der Film zwei in Hollywood gerade sehr angesagte Darsteller: Ex-Wrestler Dave Bautista, der als einer der „Guardians of the Galaxy“ im „Marvel Cinematic Universe“ gerade ordentlich Kohle in Disneys klingelnde Kassen spült und Comedian Kumail Nanjiani, welcher kürzlich als Drehbuchautor und Hauptdarsteller von „The Big Sick“ mit der tragikomischen Verfilmung seiner realen Ehe einen Kritikerliebling produzierte. Der eine gibt den knallharten bulligen Cop beim LAPD namens Vic, der seinen Gegnern lieber erst in den Kopf schießt, bevor er sie verhaften kann. Allerdings fällt es ihm schwer, Gefühle zu zeigen, vor allem seiner eigenen Tochter gegenüber. Der andere spielt einen erfolglosen und sanftmütigen Schwächling, der auf den Namen Stu hört und sich mit seinem geleasten Elektroauto als Uber-Fahrer etwas dazuverdient. Schließlich hat er seiner besten Freundin, in die er heimlich verliebt ist, ein komplettes Fitnessstudio mitfinanziert, da er hofft, sie so für sich zu gewinnen.

Nach einem verpatzten Einsatz, bei dem die Zielperson entkommen kann und Vics Partnerin als Folge ihr Leben verliert, (in einer Gastrolle: Bautistas Co-Guardian Karen Gillan) lässt dem Polizisten der Fall keine Ruhe. Sieht er sich doch für ihren Tod verantwortlich, da der Täter aufgrund von Vics Sehschwäche entkommen konnte. Er lässt sich die Augen lasern und begibt sich fortan fast blind auf Gangsterjagd. Da er in diesem Zustand kein Auto fahren kann, gerät er an Stu. Das klingt im ersten Moment sehr konstruiert, wie der Film es aber erzählt, ergibt durchaus Sinn. Fortan hastet das ungleiche Duo in L.A. von Schauplatz zu Schauplatz und erledigt die Bösen so, wie das formelhafte Drehbuch es von ihnen verlangt.

© 2019 Twentieth Century Fox

© 2019 Twentieth Century Fox

Stuber ist eine typische überraschungsarme 08/15-Actionkomödie, die nur durch Nanjianis vereinzelt sitzende Pointen halbwegs erträglich ist. Der Humor des Films setzt sich zusammen aus Einzeilern von Stu und seinen Reaktionen auf die harte Welt der Kriminalität – und Slapstick, welcher aber genauso schlecht geschnitten ist wie die Action. Diese ist in „Stuber“ leider das große Manko. Man bekommt den Eindruck vermittelt, für gutaussehende Actionszenen war im Budget kein Platz mehr: eine wackelige Handkamera ist immer viel zu nah dran und die schnellen Schnitte verhindern dann vollends einen generellen Überblick über die Situation. Zwar ist Stuber in seiner Gewaltdarstellung ziemlich explizit, Kopfschüsse sind immer klar und deutlich im Bild. Dafür sehen diese (und vor allem das dabei spritzende Blut) aber leider so sehr nach CGI aus, dass man eine emotionale Distanz zum Geschehen auf der Leinwand entwickelt. In der Anfangssequenz erscheint es außerdem zunächst regelrecht unglaubhaft, dass irgendjemand Dave Bautista im körperlichen Zweikampf die Stirn bieten kann. Durch die visuelle Beeinträchtigung, die seine Figur kurz darauf erlebt, bessert sich das aber wieder. Sie funktioniert als Einschränkung seiner Kraft, seiner Männlichkeit.

Die Frage der Männlichkeit und was diese ausmacht, ist dem Film immanent. Für Vic sind Stärke und mentale Stabilität wichtig. Er sieht Stu nur als halben Mann, da er ihn für verweichlicht hält. Stu sorgt sich sehr um das Auto, er betont mindestens zehn Mal, dass es ja nur geleast ist. Außerdem ist er sehr darum besorgt, von möglichst vielen Fahrgästen eine 5-Sterne-Wertung zu erhalten, deswegen ist er überfürsorglich und freundlich, was für Vic Schwäche bedeutet. Besonders deutlich wird seine Haltung Stu gegenüber in den Diskussionen während der Autofahrten, an einer Stelle fragt er ihn: „What do you know about being a man?“ Natürlich ist die Moral, dass Vic lernen muss, dass es in Ordnung ist, sich selbst auch mal Schwäche einzugestehen und dass diese nicht gleichzusetzen ist mit Unmännlichkeit. Jedoch ist die Fortschrittlichkeit, die der Film damit suggerieren will, nur Behauptung: Die Lebenslektion nimmt Bautistas Figur nur an, nachdem sich Stu bewiesen hat und damit die Klischees eigentlich wieder bestätigt sind.

Frauenfiguren sind in diesem Film eher funktionaler Natur anstatt richtige Charaktere. Sie gieren nach Erfolg und Anerkennung von den männlichen Charakteren und definieren sich so nur über sie, so zum Beispiel Vics Tochter. Stu möchte in erster Linie mit seiner Freundin schlafen, weil er hofft, sie über diesen Weg emotional an sich zu binden. Der Film selbst deklariert diese Einstellung als armselig, lässt Stu über diesen Zustand hinauswachsen, nur um ihn am Ende wieder über seine Libido zu definieren, da er mit Vics Tochter zusammenkommt. Aus diesem Mix vermeintlich unterwanderter Klischees, gelegentlich witziger Gags und schwieriger Action entsteht ein mehr als halbgarer Film, der leicht verdaulich für ein Massenpublikum sein soll, darum letztendlich keinen eigenen Geschmack hat und schon bald wieder vergessen sein wird. Die Handlung ist formelhaft, traut sich keine unkonventionellen Wege zu und ist damit auch eigentlich feiger als alle Figuren, die sie erzählt. So bleibt „Stuber“ am Ende sicher nur „the stupid Uber-Film“ und bekommt keine 5-Sterne-Wertung. Sorry, Stu!

Autgor: Nino Steffeck

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Border (2018/2019) Review

© capelight pictures / Meta Spark & Kärnfilm AB

© capelight pictures / Meta Spark & Kärnfilm AB

Das skandinavische Filmschaffen hat international in den letzten Jahren insbesondere mit der Strömung des „Nordic Noir“ auf sich aufmerksam gemacht: düstere Kriminalgeschichten, welche meist die Abgründe des menschlichen Daseins thematisieren, erzählt in entsättigten Bildern und mit moralisch ambivalenten Protagonisten. TV-Serien wie „Die Brücke“, „Springflut“ oder die „Wallander“-Verfilmungen; Filme wie die „Millennium“-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson, die Verfilmungen der Romane von Jussi Adler Olsen („Erbarmen“, „Schändung“, „Erlösung“, „Verachtung“); Filme wie „Headhunters“, „Easy Money“ oder „Der Eid“ wären Beispiele. Auch der schwedische Film „Border“ lässt sich in diese Strömung einordnen, fügt dem Ganzen jedoch eine sonst kaum anzutreffende übernatürliche Ebene hinzu. So scheint es zumindest.

Die titelgebende Grenze ist dabei doppelt zu verstehen. Zum einen arbeitet die Protagonistin Tina (Eva Melander) beim schwedischen Zoll und überwacht damit die Landesgrenze. Zum anderen geht es aber auch um die Grenzen des Menschseins, die Frage, ob Menschheit und Menschlichkeit eigentlich zwingend miteinander einhergehen müssen. Tina sieht anders aus als die Menschen um sie herum, ihr Gesicht ist auf ungewöhnliche Weise deformiert. Sie kann negative Gefühle riechen; das macht sie für den Zoll so wertvoll, da sie in der Lage ist, Kriminelle aufzuspüren. Sie wird akzeptiert und geschätzt, Freunde hat sie jedoch eigentlich keine. Bis sie an der Grenze eines Tages Vore (Eero Milonoff) begegnet, der so aussieht wie sie. Vore hat etwas Animalisches, etwas Gefährliches, das die ruhige Tina fasziniert. Und ab hier sollte man nichts mehr über die Handlung verraten.

Denn Vore weiß mehr, als er zu Beginn preisgibt. Tina und mit ihr die Zuschauer werden immer wieder vor neue Rätsel gestellt (was hat er vor? wozu braucht er die Gerätschaften, die er mit sich führt?), erhalten allerdings lange Zeit keine Erklärung. „Border“ ist hierbei ein zweischneidiges Schwert. Bei aller Ungewöhnlichkeit der Prämisse ist das Drehbuch erstaunlich konventionell, zumal die Lösung des Rätsels, warum Tina und Vore eigentlich anders sind und die im gleichen Atemzug die Frage beantwortet, ob es sich um einen Film mit übernatürlichen Elementen handelt oder nicht, sehr lange auf sich warten lässt. Zu lange eigentlich. Immer wieder werden neue Hinweise gestreut, neue Indizien zutage gefördert, dazwischen ab und an gar ein wenig Leerlauf. Das dauert, das zieht sich etwas. Und dann wird die Auflösung quasi nebenbei einfach in einem Dialog ausgesprochen. Es ist, als hätte jemand eine große Nadel in den Luftballon namens Spannungsaufbau gestochen. Das mit einer gewissen Subtilität etablierte Mysterium um Tinas Existenz wird ganz und gar nicht subtil aufgelöst. Doch da ist der Film noch nicht vorbei. Mit diesem Wissen wird nun wiederum ein Konflikt aufgebaut, den man strukturell so oder so ähnlich schon öfter gesehen hat. Grundlegend geht es um die Frage nach der moralischen Aufrichtigkeit der Menschen und die beiden Positionen: nicht alle Menschen sind schlecht (Tina) vs. die Menschen müssen bestraft werden (Vore). Damit ist „Border“ in gewisser Weise eine ambitionierte Version der „X-Men“. Mit erwartbarem Ausgang, auch wenn auf dem Weg dahin noch einige Wendungen auf den Zuschauer losgelassen werden, die sich als harte Schläge in die Magengrube entpuppen. Denn parallel entfaltet sich, typisch für den „Nordic Noir“, noch ein (ziemlich widerwärtiger) Kriminalfall, der immer wieder in die Handlung eingerückt wird, was relativ eindeutig darauf hinweist, dass hier eine Verbindung zur persönlichen Ebene der beiden Hauptfiguren besteht.

© capelight pictures / Meta Spark & Kärnfilm AB

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Inszenatorisch ist Regisseur Ali Abbasi allerdings kein Vorwurf zu machen. Der Film zeichnet sich durch einen immer wieder interessanten Fokus auf Details aus; Großaufnahmen von Tinas schnüffelnder Nase beispielsweise oder ihrer unruhigen Hände, wenn sie nachts im Bett liegt. Gerade die Naturaufnahmen haben einen teils fast schon entrückten Charakter, insbesondere dann, wenn Tina mit Tieren kommuniziert, auf die sie (mit Ausnahme von Hunden) eine gewisse Anziehungskraft zu haben scheint. Auch wenn hier kein Fuchs mit dem Satz „Chaos regiert!“ hinter dem Baum hervorschaut, so finden sich doch immer wieder Anflüge von trockenem Humor, etwa wenn Tina einen neben ihrem Haus stehenden Elch jovial mit „Hey“ begrüßt und wie eine alte Freundin neben ihm stehenbleibt. Diese Einschübe bleiben jedoch die Ausnahme, alles andere hätte mit Blick auf den Rest des Films auch unpassend gewirkt.

© capelight pictures

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Letztlich ist „Border“ ein Plädoyer für die Wichtigkeit der Konturen des eigenen Selbst: Man muss wissen, wo man herkommt und verstehen, wer man ist, um sein zu können, wer man sein will. Gleichzeitig wirft der Film ein Schlaglicht darauf, wie die Gesellschaft eigentlich mit Individuen umgeht, die nicht ins System passen, die sich der Norm entziehen. All dieses politische bzw. sozialkritische Potenzial weiß „Border“ jedoch nur in Ansätzen zu verwerten. Zu wenig werden diese Frage wirklich tiefgreifend verhandelt, zu sehr verhakt sich die Dramaturgie teils in ihren verschiedenen Ansätzen. Das ist schade, denn die skurril-spannende Prämisse hätte es eigentlich verdient, auch länger in Erinnerung zu bleiben.

Autor: Jakob Larisch

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Adel verpflichtet (1949) Blu-ray-Kritik

© STUDIOCANAL

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Produzent Michael Balcon übernimmt 1938 die englischen Ealing Studios und holt ein Team von Regisseuren heran, das bis zur Studioschließung 1955 dessen meiste Filme inszenieren soll: Alberto Cavalcanti, Charles Crichton, Basil Dearden und Robert Hamer. Diese vier inszenieren auch „Dead of Night“ (dt. „Traum ohne Ende“), ein fantastisches Horror-Kleinod mit expressionistischem Finale, der Teil einer Reihe von Versuchen ist, an deren Ende Ealing 1949 mit „Hue and Cry“ (dt. „Auf ihn mit Gebrüll“) wieder zur Komödie zurückfindet. Bis zur Schließung der Studios Mitte der 1950er-Jahre folgen dann auf diesem Erfolg aufbauend zahlreiche Komödien mit dem jungen Alec Guinness, der dort seinen Durchbruch erlebt. Die erste und vermutlich bekannteste der Guinness-Ealing-Komödien ist Robert Hamers „Adel verpflichtet“ (im Original: „Kind Hearts and Coronets“) von 1949, der nun durch Studiocanal eine deutsche Blu-ray-Veröffentlichung erfährt.

Die Mutter des Protagonisten Louis (Dennis Price) ist Erbin der gräflichen D’Ascoyne-Familie. Doch nach ihrer ungebührlichen Heirat mit einem Opernsänger (mit Schnurrbart: Dennis Price) wird sie aus der Familie verbannt und aus der gräflichen Linie der Nachfolge ausgeschlossen. Louis, ursprünglich nach seiner Mutter nächster in der Linie, setzt sich nach ihrem Tod, motiviert, dem ärmlichen Exil zu entkommen und seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) zu beeindrucken, in den Kopf, alle D’Ascoynes, die zwischen ihm und der Grafschaft stehen, ausfindig zu machen und umzubringen. Die mit schwarzem britischem Humor durchsetzte Komödie geht von einer Rahmenhandlung aus, in der Louis vor seiner Hinrichtung, in der Gefängniszelle sitzend, ein Geständnis verfasst. Rückblickend schildert er mit lakonischer Wortgewandtheit die Morde an den acht verbleibenden D’Ascoynes (Alec Guinness, Alec Guinness, Alec Guinness, Alec Guinness, Alec Guinness, Alec Guinness, Alec Guinness und, überraschend in einer Frauenrolle, Alec Guinness).

Neben dem vielgepriesenen Guinness in mehrfacher Verkleidung glänzen hier vor allem Joan Greenwood als naiv-verführerische Jugendfreundin und Price in der Hauptrolle. Sein Voice-Over, das uns durch die Handlung begleitet, gibt dem Film zusammen mit der eleganten Kameraarbeit (von Douglas Slocombe, der sich später für die Bildgestaltung der „Indiana Jones“-Filme verantwortlich zeigen würde) und den üppigen Kostümen einen lakonisch untergrabenen aristokratischen Charme. Humor funktioniert hier vor allem über exzellent austarierte Sprache, durch deren wohlgesitteten Duktus immer wieder abgrundtiefe Schwärze blitzt. An diesen präzisen Stil konnte Ealing mit den kommenden Komödien zwar nie wirklich anknüpfen, er steht aber dennoch als ein eigenständiger britischer Gegenentwurf zum amerikanischen Slapstick-Humor von beispielsweise Howard Hawks‘ Cary-Grant-Komödien und beeinflusste maßgeblich die britische Film- und Theaterszene der kommenden Jahre.

© STUDIOCANAL

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Die Edition: Die Blu-ray-Veröffentlichung von Studiocanal enthält ein alternatives Ende, einen filmhistorischen Audiokommentar, eine Einführung von John Landis, Trailer, Bildergalerie sowie mehrere Dokumentationen zum Film, den Ealing Studios und Dennis Price, welche 2012 für die englischsprachige Blu-ray produziert wurden.

Autor: Paul Quast

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Beach Bum (2019) Blu-ray-Kritik

© Constantin Film

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Mit „Beach Bum“ ist Harmony Korines neuester Film nun fürs Heimkino erhältlich, in welchem er voraussichtlich eine einzigartige Atmosphäre versprühen wird. Wie auch schon in seinem vorherigen Film „Spring Breakers“ legt Korine keinerlei Wert auf Konventionen und das ist in diesem Fall auch gut so. In „Beach Bum“ verbringen wir 90 Minuten an der Seite von Moondog (Matthew McConaughey), einem in den Florida Keys umhertreibenden Poeten. Sein Alltag besteht dabei weniger aus kreativen Schreibaktivitäten, sondern vielmehr aus Partys, Sex und Drogen. Als eine ihm sehr nahestehende Person allerdings das Zeitliche segnet, weist deren Testament Moondog eine Aufgabe zu: Er soll endlich seine Memoiren schreiben, ansonsten verfällt sein Erbe.

Die Handlung des Films ist jedoch vollkommen Nebensache, im Vordergrund steht die Erfahrung und die spirituelle Reise des Moondog. Diese wird begleitet von verschiedenen Charakteren, die unter anderem von Jonah Hill, Snoop Dog, Zac Efron, Martin Lawrence und Isla Fisher verkörpert werden. Die Darstellung des Protagonisten kommt dabei der eines Antihelden sehr nahe, so wird er oftmals als „great man“ oder „brilliant“ bezeichnet, während konservativere Charaktere nahezu verachtet werden. Korines Film ist eine Ode des Wegbrechens von gesellschaftlichen Konventionen und auf keinen Fall Massenware. Wer sich aber auf den gezeigten Lifestyle einlässt, dem steht ein einzigartiges Erlebnis bevor. Moondogs Lebensweisheit spiegelt gerade deswegen den Kern von „Beach Bum“ wider: „I’m just here to have a good time.“

© Constantin Film

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Die Blu-ray enthält lediglich einige Interviews mit Cast und Regisseur als Bonusmaterial. Aber mehr braucht es auch nicht wirklich, denn ein Making-Of käme dem finalen Filmmaterial wahrscheinlich sehr nahe. Besonders erwähnenswert ist zudem die Kameraführung von Benoît Debie, welcher im Minutentakt poster-würdige, wunderschöne Bilder kreiert.

Autor: Oliver Drautzburg

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Leid und Herrlichkeit (2019) Review

© Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón

© Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón

Pedro Almodóvar gilt als der aktuell international bekannteste spanische Regisseur. Zwar ist er für seine inszenatorischen Fähigkeiten bekannt und gelobt, nicht zuletzt liegt seine Bekanntheit aber wohl auch darin begründet, dass besonders seine früheren Werke einiges an Skandalpotenzial lieferten. Mit einer gewissen voraussetzenden Selbstverständlichkeit inszenierte er immer wieder Homosexualität, Transsexualität, Sex und Gewalt eingebettet in Geschichten über Liebe, Tod und Mord, die er in unkonventionellen Kontexten und Konstellationen in ihren menschlichen Abgründigkeiten erkundete. Außerdem verarbeitete Almodóvar immer wieder biographische Bezüge in seinen Filmen, aber wohl in keinem so sehr wie in seinem neuen Film „Leid und Herrlichkeit“. So spricht auch dessen Protagonist, ein alternder Regisseur (da fängt es schon an), von Autofiktion in seinen Werken, einem aus der Literaturwissenschaft stammenden Begriff, der die unscharfe Definition eines fiktionalen Werkes mit autobiografischen Elementen umschreibt. Daher beginnt der deutsche Trailer des Films nicht umsonst mit einem Zitat von Almodóvar selbst: „Basiert ‚Leid und Herrlichkeit‘ auf meinem Leben? Nein, und ja, auf jeden Fall.“

Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) scheint die Zeiten von Erfolgen und Exzessen hinter sich gelassen zu haben. Von zahlreichen körperlichen Gebrechen und den daraus resultierenden Schmerzen und Schlaflosigkeit geplagt, ist er nicht mehr in der Lage, Filme zu drehen und schreibt auch nicht mehr. Zu Veranstaltungen, zu denen er eingeladen wird, geht er nicht und überhaupt ereignet sich außer Begegnungen mit Agentin Mercedes (Nora Navas) und Arztbesuchen eigentlich nichts mehr. Durch eine zufällige Begegnung mit einer alten Bekannten, der Schauspielerin Zulema (Cecila Roth), nimmt Salvador wieder Kontakt zu dem Schauspieler Alberto Crespo (Asier Etxeandia) auf, um mit ihm gemeinsam zur Vorführung seines neu restaurierten Filmes „Sabor“ zu gehen. Da die beiden sich jedoch vor der Premiere des Films überworfen hatten, weil Salvador mit Albertos Verkörperung der Hauptfigur unzufrieden war, reagiert Alberto zunächst eher abweisend. Das erneute Aufleben der Freundschaft der beiden führt nicht nur dazu, dass Salavador beginnt, Heroin zu nehmen und sich mit Erinnerungen an seine Kindheit und an seine Mutter Jacinta (Penelope Cruz und Julieta Serrano) auseinanderzusetzen, sondern bringt auch weitere Ereignisse ins Rollen, die ihn ebenfalls mit Vergangenem konfrontieren.

Ein herausragender Antonio Banderas verkörpert sehr verletzlich Salvador, dem es zu Beginn auch abgesehen von seinen physischen Krankheiten nicht unbedingt gut geht. Aber die scheinbare Ereignislosigkeit in seinem Leben, bei der Salvador keinen Antrieb mehr hat und irgendwie nichts so richtig ansteht und erlebt wird, schafft eine Ruhe, die sich, obwohl genau diese Ereignislosigkeit ja durchbrochen wird, auf den gesamten Film überträgt und damit die Perspektive für alles weitere setzt. Sie schafft die Grundlage dafür, dass Salvador mit Abstand Dinge wieder anders betrachten kann, sich bis zu einem gewissen Grad unaufgeregt damit konfrontiert und dadurch wieder ins Leben und Empfinden zurückfindet. Da Salvadors Perspektive auf verschiedene Arten in jeder Szene die bestimmende ist, kann man sich so ganz anders auf die farbenfrohen, stilisierten Bilder, die Dialoge, Alberto Iglesias‘ wunderschöne Musik und die Empfindungen einlassen. Es besteht letztlich nie wirklich Zweifel daran, dass der Film auf das Ziel hinarbeitet, dass Salvador am Ende wieder einen Film macht (schließlich ist die Existenz von „Leid und Herrlichkeit“ selbst fast schon der Beleg dafür), dennoch arbeitet sich die Dramaturgie eigentlich nicht an voraussehbaren und klaren Punkten ab, sondern mäandert fast schon ziellos dahin, ohne es um des Mäanderns willen zu tun, und offenbart erst in ihrem Verlauf ihre – mal mehr, mal weniger – offensichtlichen Kausalketten.

© Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón

© Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón

Dabei ergeht der Film sich aber nicht in einem klischeehaften Wiedergeben von verbalisierten Erkenntnissen, sondern zeigt Salvadors Eindrücke, Gefühle und Reaktionen und setzt sie in Bezug zueinander. Außerdem vermischt die Handlung zunehmend Vergangenheit, Gegenwart und Fiktion und wird von einer Geschichte über das Leben und Altern eines Regisseurs auch zu einer, die selbst über das Erzählen ihrer Inhalte reflektiert. Dadurch wird sie eben kein Abgesang auf die eigene Herrlichkeit, allenfalls auf die eigene Perspektive. Innerhalb dieser arbeitet der Film sich an ganz verschiedenen Themen ab, die natürlich eingebettet wirken. Vordergründig steht das Thema Altern, gleichzeitig tritt es aber auch hinter die Beschäftigung mit Salvadors Leben zurück. Wiederum ein zentrales Element von Salvadors Leben ist offensichtlich Erleben und Machen von Kunst, ganz besonders natürlich Film. Seine Bezüge zur Kunstwelt stehen im Kontext zu seiner Verbindung zu Madrid, andererseits aber auch zu seiner eher ärmlicheren Herkunft fern von Madrid, wo der Zugang zu Bildung nur über die Kirche möglich war. Deren Weltbild kollidiert nicht nur mit seinem, sondern auch mit seiner Homosexualität. Dadurch wird Liebe in nicht-heteronormativen Konstellationen zu einem weiteren Aspekt, den der Film ganz unaufgeregt gefühlvoll zeichnet, ohne ihn zu banalisieren. Zusätzlich zeigt er den großen Einfluss, den Frauen auf Salvadors Leben hatten und haben, ganz besonders seine Mutter. All das und weiteres verbindet sich mit Erinnern und Verzeihen – sich selbst wie anderen – und dem Verarbeiten von Verlust. Gesammelt steht dies wiederum im Kontext dessen, welche Verbindungen innerhalb seines Lebens für Salvador positiv wie negativ relevant geblieben sind und warum. Neben Parallelen zu Almodovars Biographie zeigen sich auch in den Themen selbst die autobiografischen Bezüge des Films, da diese Motive sich bereits in seinen bisherigen Filmen finden, wenn auch teilweise dramatischer und komödiantischer. Die für Almodovar typische menschliche Abgründigkeit gerade bezüglich Liebe und Verlangen ist allerdings deutlich zurückgefahren, findet sich aber beispielsweise in der Verarbeitung des Einflusses von Salvadors aufkommender Heroinsucht wieder.

„Leid und Herrlichkeit“ ist nicht nur eine sehr gefühlvolle, ruhige und farbenfrohe Reflexion über das Älterwerden, das Leben und das eigene künstlerische Schaffen, sondern auch eine vielschichtige Betrachtung von künstlerischem Reflektieren. Wie viel von Pedro Almodóvar in Salvador Mallo letztlich steckt und wie viel ein Sinnbild von Almodóvars Erfahrungen ist, weiß wohl nur er selbst. Letztlich ist das für den Film aber auch nicht wirklich relevant, allenfalls spannend zu überlegen.

Autorin: Clara Roos

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Trash Talk Reboot #10 Spider-Man: Far From Home

© Sony Pictures

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Mamon, Meggy und Torsten überprüfen das neueste Abenteuer des Spinnen-Mannes auf Herz und Nieren.

Review: „Spider-Man: Far from Home“
00:00:00 – 01:23:00

Besetzung: Mamon, Meggy und Torsten

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Kin (2018/2019) Review

© Concorde Home Entertainment

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Das Zeitalter der Franchises, Universen und Spin-Offs treibt ab und an skurrile Blüten. Wird mittlerweile bei fast jedem Blockbuster eine Fortsetzung gegen Ende des Filmes mehr oder weniger offensiv angeteasert, so dass der Film je nach Einspielergebnis sowohl ohne als auch mit Sequel halbwegs funktionieren könnte, so geht „Kin“ einen anderen Weg, denn „Kin“ ist nur ein halber Film. Das zentrale Rätsel des Filmes wird in die letzten fünf Minuten verlegt, dort kurz angerissen, der Protagonist und mit ihm das Publikum dann auf einen weiteren Film vertröstet. Nicht dass es nach diesem Bullshit-Vehikel von einem Film noch irgendwie von Interesse wäre, was eigentlich hinter dem Ganzen steckt, doch das Konzept ist nicht weniger als unverschämt. Eine latente Ironie will es dabei, dass diese Fortsetzung vermutlich niemals kommen wird, da gegen ein Budget von 30 Millionen Dollar weltweite Einnahmen von lediglich zehn Millionen Dollar stehen. Ein Flop auf ganzer Linie, verdientermaßen.

Der Film dehnt eine simple Prämisse auf gut 100 Minuten aus: Der Teenager Myles (Eli Solinski) findet in einer Lagerhalle eine recht große außerirdische Schusswaffe, während seinem Bruder Jimmy (Jack Reynor) ein Trupp von Verbrechern unter der Leitung von James Franco ans Leder will. Daraus entwickelt sich eine Art unzureichendes Roadmovie, bei dem die beiden Brüder noch die Stripperin Milly (Zoë Kravitz) aufgabeln. Das ist es auch schon. Die Konflikte des Filmes sind unglaublich vorhersehbar, ebenso wie ihre Auflösung: So stirbt beispielsweise der Vater (Dennis Quaid) der beiden Brüder, was Jimmy vor Myles geheim hält, wobei es natürlich nur eine Frage der Zeit ist, bis Myles dies mit Hilfe umständlich konstruierter Drehbuchentscheidungen herausfindet. Das einzig Überraschende an dieser Wendung ist, wie spät sie letztlich kommt. Dann wird die Knarre als der Haupt-MacGuffin immer wieder ins Bild und in die Handlung gerückt, doch es dauert geschlagene 50 Minuten, ehe zum ersten Mal ersichtlich wird, was die Waffe eigentlich kann: Schockwellen verschiedener Stärke verschießen, die wiederum Löcher in Wände reißen, Chaos anrichten und Menschen zum Platzen bringen. Das passiert dann auch einige Male im Film, wobei sich „Kin“ in die unrühmliche Reihe jugendfreier Blockbuster der letzten Jahre einreiht, in denen eigentlich ziemlich heftige Gewaltakte „sauber“ über die Bühne gehen, um sich die Altersfreigabe nicht zu ruinieren (schmähliches Vorbild: „A World Beyond“). Eine spezifische Form der Gewaltverharmlosung liegt hierin begründet, die das Töten zu einer vorgeblich sterilen Sache macht und es seiner ihm inhärenten Schrecklichkeit beraubt.

© Concorde Home Entertainment

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Was zur Hölle James Franco geritten hat, in diesem Film mitzuspielen, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, auf jeden Fall ist er der einzige Darsteller, der irgendwie überzeugend wirkt. Die Antagonisten-Rolle kurbelt er entspannt und locker herunter, wobei er alle anderen konsequent an die Wand spielt und es daher eigentlich schade ist, dass er so wenig Szenen hat. Dennis Quaid ist nur noch ein Schatten seiner selbst und Jack Reynor sollte man (ebenso wie Jai Courtney, wo wir gerade dabei sind) einfach keine Rollen mehr anbieten. Doch ist Franco – Überraschung! – nicht das einzige schauspielerische Schwergewicht von „Kin“: Nachdem die Hetzjagd gegen Ende auf ein Polizeirevier führt, das von Myles beim Versuch, seinen Bruder zu befreien, mit der Waffe in Schutt und Asche zerlegt wird (wobei ihm der Franco-Trupp mit gewöhnlichen Schusswaffen ordentlich unter die Arme greift), kommt als deus ex machina glücklicherweise noch Michael B. Jordan (?) um die Ecke, der gerade rechtzeitig das Schlimmste verhindern kann Beim Blick in die Credits wird deutlich, dass der „Creed“-Star einer von zwölf Produzenten war und sich hier vermutlich selbst eine kleine Rolle gegeben hat, die in einer Fortsetzung noch hätte ausgebaut werden sollen. Denn er hält einen Monolog über Myles als Auserwählten, der in Sicherheit gebracht wurde und in Gefahr ist (oder so ähnlich), das würde man ihm aber dann nächstes Mal erklären. Doch an dieser Stelle ist bereits Hopfen und Malz verloren. „Kin“ ist so sehr Film gewordener Stillstand, dass auch diese vollkommen willkürlichen Enthüllungen am Ende es nicht vermögen, die dramaturgische Lethargie (man könnte auch sagen: Faulheit) dieses auf ganzer Linie spannungsfreien und miesen Filmes zu durchbrechen.

Autor: Jakob Larisch

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Der König der Löwen (2019) Review

© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

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Muss das denn wirklich sein? Diese Frage hat man im Zuge der Ankündigung, Disney wolle „Der König der Löwen“ neu animiert nochmal ins Kino bringen, sehr oft gehört. Die Kontroverse um Disneys Neuverfilmungen scheint mit diesem Film abermals einen Höhepunkt zu erreichen, da „Der König der Löwen“ wohl der beliebteste Disney-Film aller Zeiten ist. Außer dem auf dreiste Weise leichtverdientesten Geld der Welt scheint es keinerlei Sinn dafür zu geben. Die Begründung für solche Remakes liegt dann oft in einer Modernisierung des alten Stoffes für ein aktuelles Publikum.

Also scheint die Voraussetzung für eine Neuverfilmung die gleiche zu sein wie bei der Theateraufführung eines klassischen, altbekannten Dramentextes: Es muss einen neuen Spin, eine neue Idee geben, wie man den Stoff auf eine neue Art erzählen kann. Diese Parallele ist für „Der König der Löwen“ besonders sinnig, ist die Geschichte selbst doch eine lose Adaption von William Shakespeares „Hamlet“. Folglich drängt sich die Frage auf: Was ist neu? Was wurde geändert? Und speziell „Der König der Löwen“ ist so zeitlos und wird universal so geliebt: Bedarf dieser Film einer Modernisierung?

Zunächst einmal: Der Plot des Films ist exakt der gleiche, teilweise sind sogar Kameraeinstellungen identisch. Es gibt keine großen Veränderungen, höchstens ein paar kleinere Unterschiede in Dialogen, dem Aufbau von Spannung und ganz vereinzelt sind Szenen dazu gekommen, die im Original nicht dabei waren. So gibt es eine Szene, in der Scar (Chiwetel Ejiofor) Simbas Mutter zu seiner Frau machen will und gleichzeitig festlegt, dass die Hyänen den Vortritt beim Essen vor den Löwinnen haben werden. Diese Szene wirkt als Motivation für Nala (Beyoncé), aufzubrechen und nach Hilfe zu suchen. Man gibt also den weiblichen Charakteren etwas mehr Raum für eigene Entscheidungen und eigene Handlungen. So kämpfen die Löwinnen dezidiert im Endkampf mit, auch das weibliche Oberhaupt der Hyänen, Shenzi (Florence Kasumba), wird dabei ein wenig mehr herausgestellt. Diese Erweiterungen sind natürlich in gewisser Weise sinnvoll, denn sie vertiefen die Welt und geben weiblichen Figuren etwas mehr Futter.

© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

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Außerdem gibt es einen neuen Song von Beyoncé. Den konnte man wohl nicht verhindern, die Klasse eines „Circle of Life“ oder eines „Can You Feel The Love Tonight“ wird der Titel „Spirit“ jedoch niemals erreichen. Generell ist die Musik (wie gewohnt) großartig. Der Eindruck entsteht, es wurde dabei nochmal eine Schippe draufgelegt. Bei bereits erwähntem „Can You Feel The Love Tonight“ im Film kann es mitunter auch zu Gänsehaut kommen. Schade ist nur, dass die von Elton John intonierte Version fehlt. Weitere Neuerungen betreffen zumeist Timon (Billy Eichner), Pumbaa (Seth Rogen) und Zazu (John Oliver). Diese drei schaffen es mit ihrem eigenen Humor und ihrer urkomischen Art fast im Alleingang, die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Neuverfilmung für eine gewisse Zeit vergessen zu lassen. Die Gags wirken frisch und modern, manche von ihnen zielen allerdings auch darauf ab, dass das Publikum den Originalfilm kennt und die ironische Brechung versteht.

Desweiteren ist dieser Film spannungsgeladener in seiner Inszenierung von Action. Auch hier wurde nochmal eine Spur Dramatik draufgepackt. So geschieht es in der Todesszene von Mufasa (ironischerweise auch 25 Jahre später, dank einmaliger Stimme, immer noch James Earl Jones), dass Scar mit seinen Klauen nicht nur den Griff seines Bruders löst, sondern ihm dabei sogar mit der Pranke hart ins Gesicht schlägt. Zudem wird der finale Zweikampf nicht auf dem Plateau des Königsfelsens ausgetragen, sondern wortwörtlich bis auf die Spitze getrieben. Entgegen diesem Plus an Spannung steht aber die längere Laufzeit des Films im Vergleich zum Original. Der neue Film lässt sich im zweiten Drittel deutlich mehr Zeit, ist ganz leicht kritischer im Umgang mit Timons und Pumbaas Weltverständnis, als es noch der alte König der Löwen war.

Im Großen und Ganzen ist die Substanz aber natürlich identisch mit dem Disney-Klassiker – nur der Style ist neu. Und der scheint auch der Knackpunkt zu sein, denn ohne die technischen Fortschritte in der Computeranimation hätte es dieses Remake wohl nicht gegeben. Mit dem Look steht und fällt der ganze Film. Tatsächlich sind die Bilder auf ganzer Strecke phänomenal. Dadurch, dass die Figuren jetzt auch wirklich aussehen wie lebensechte Tiere, entsteht zwar eine gewisse Diskrepanz zwischen der eher realistisch gehaltenen Mimik und dem Fakt, dass sie dennoch sprechen können, aber das akzeptiert man einfach irgendwann und es fällt nicht mehr ins Gewicht. Doch muss man die Frage nach der Notwendigkeit einer Neuverfilmung ganz klar mit Nein beantworten. Der Style ist zwar schön, die Substanz ist aber altbekannt. Ins Kino muss man dafür nicht. Trotzdem werden ihn sich Menschen ansehen und Disney wird deshalb einstweilen auch weiterhin Remakes produzieren. Natürlich werden sie aber auch originelle Filme mit neuen Stoffen machen. Und diese später dann auch wieder neu auflegen. Ein ewiger Kreis.

Autor: Nino Steffeck

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The Believer (Inside a Skinhead, 2001) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Ambivalenzen und Hintergründe sind wichtige Faktoren beim Verstehen von Handlungen und Motivationen einzelner Personen. Immer wieder stellen jedoch (insbesondere populäre) Filme negativ besetzten Figuren kaum nachhaltige Hintergründe jenseits billiger Psychologisierungen an die Seite: Oft sind sie böse, einfach, weil sie böse sind. So lassen sich Vergeltungshandlungen von Protagonisten besser rechtfertigen, auch muss man sich nicht mit Erklärungen herumschlagen. Doch warum ein Mensch so agiert, wie er agiert, hat in der Regel einen Grund und auch wenn dieser ein destruktives Verhalten in der Regel nicht rechtfertigt, so kann er es zumindest begründen und erklären. Auf diesen schmalen Grat begibt sich „The Believer“ (in Deutschland auch als „Inside a Skinhead“ bekannt), der es sich zur Aufgabe macht, zu ergründen, was eigentlich im Kopf eines zutiefst antisemitisch eingestellten, hasserfüllten Neonazis (Ryan Gosling) vorgeht, der gleichwohl selbst Jude ist.

Bevor man diese Prämisse als lächerlich verwirft, sei daran erinnert, dass der Film lose auf der wahren Geschichte des US-Amerikaners Dan Burros basiert; im Film heißt er Daniel Balint und auch sonst ist einiges abgeändert worden. Doch bleibt die Grundsituation die gleiche und sie wirkt in der Realität wie in der Fiktion zunächst schwer zu glauben. „The Believer“ leitet die Radikalisierung seines Protagonisten dabei unter anderem aus seiner Jugend her: In der jüdischen Schule macht er moralische Widersprüche und ethische Problemstellungen aufseiten der Religion aus (konkret geht es um die Geschichte von Abraham und Isaak), die jedoch durch den strenggläubigen Lehrer nicht argumentativ erwidert werden, stattdessen sieht sich Daniel behandelt wie ein Häretiker, da Kritik an den auch textlichen Voraussetzungen des Glaubens nicht erwünscht ist. Daniel wird alleingelassen, er hat keinen Ansprechpartner, keine Strukturen, die seine Unzufriedenheit auffangen. Seine Ernüchterung bricht sich Bahn in einen radikalen Antisemitismus hinein, der auf diese Weise eventuell etwas simpel begründet wird, da entsprechende Hintergründe in der Realität vielschichtiger sein dürften und zudem auch die entsprechenden Biografien von Daniels dumpfen und geistig beschränkten Kameraden im Dunkeln bleiben.

Wie bereits im ersten Absatz erwähnt, dient eine solche Herleitung selbstverständlich keineswegs als Rechtfertigung für das Hinwenden zu einer derartigen Ideologie: Weder die damit einhergehenden widerwärtigen Hetztiraden noch das gewalttätige Verhalten des Protagonisten lassen sich in irgendeiner Weise rechtfertigen, doch kann der entsprechende Hintergrund (auch auf abstrakter Ebene) zumindest Ansätze einer Erklärung liefern. „The Believer“ transportiert in dieser Hinsicht keinerlei Kritik am jüdischen Glauben, sondern allgemein an religiöser Starrheit sowie einer damit verbundenen mangelnden Aufgeschlossenheit, auch sein eigenes Weltbild in Frage zu stellen bzw. stellen zu können. Mit christlichen oder islamischen Vorstellungen ließe sich ein ähnliches Szenario denken. Soziale oder familiäre Strukturen, in denen entsprechende Dinge diskutiert werden können, bieten dagegen einen Halt, der ein Abrutschen in politische bzw. religiöse Extreme verhindern kann, der Daniel als Jugendlichem jedoch verwehrt blieb. Dies wird umso deutlicher, als er nun als Erwachsener eine Beziehung mit Carla (Summer Phoenix) eingeht, die als Tochter der Anführerin einer lokalen Gruppierung von Faschisten jedoch ihrerseits Interesse am jüdischen Glauben zeigt. Durch sie findet Daniel zumindest in Teilen zu sich selbst und seinen Wurzeln zurück, welche auf eigenartige Weise ohnehin ein dauerhafter Begleiter für ihn sind.

© capelight pictures

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Denn Daniel scheint in einer skurrilen Schizophrenie seiner Person gefangen: Er ist (im Gegensatz zu seinen Kameraden) ein hochintelligenter und rhetorisch eloquenter Rechtsextremer, wodurch ihm ein gewisser politischer Aufstieg ermöglicht wird. Er kennt jüdische Traditionen, Glaubenszeremonien und Verhaltensregeln wie kaum jemand anders, spricht fließend Hebräisch und zeigt eine sichtbare Abneigung gegen seine Neonazi-Gefährten, als diese in einer Synagoge die Thora zerstören. Er will nach eigener Aussage „Juden töten“, schießt jedoch bei Attentaten daneben und sorgt (möglicherweise) dafür, dass geplante Bombenanschläge schiefgehen. Daniel ist ein zerrissener Geist, der in Ryan Gosling, hier in seiner Debüt-Hauptrolle, eine ideale schauspielerische Verkörperung gefunden hat.

Anders als in dem deutlich konventioneller verlaufenden, thematisch ähnlich gelagerten „American History X“ (der nichtsdestotrotz ein gewisses Maß an politischer wie gleichsam emotionaler Wucht mit sich führt), weiß man in „The Believer“ daher nie so ganz genau, in welche Richtung sich die Hauptfigur denn nun entwickeln wird. Gleiches gilt für die erzählte Geschichte als Ganzes und es ist diese teils zum Verzweifeln führende Unberechenbarkeit, die den Film nicht einfach macht und mit der es sich der Film selbst auch bewusst nicht einfach macht. „The Believer“ verschließt sich einer simplen Identifikationsstruktur, er provoziert, er forscht nach und unterstreicht dabei, dass Ambivalenzen ein (in diesem Fall unheilvoller) Teil des gesellschaftlichen Lebens sind, die aufgedeckt und erörtert werden müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, destruktives und gewalttätiges Verhalten zu verstehen und so eventuell gar verhindern zu können.

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Die Edition: capelight pictures veröffentlicht „The Believer“ als bewährtes Mediabook, welches jedoch außer einem Booklet und dem Trailer keinerlei Bonusmaterial aufweist.

Autor: Jakob Larisch

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KurzCast #25 Annabelle 3

 

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Direkt nach der Sichtung des Filmes werfen wir in der gebotenen Kürze einen Blick auf Zeitgenössisches aus der Filmwelt. Heute geht es um erzählerische Leere, zu viele Geister und fallende Milchgläser. Dies und weiteres in unserer Episode zu „Annabelle 3″!