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Colors – Farben der Gewalt (1988) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Die 1980er-Jahre waren nicht nur politisch, sondern auch filmisch ein eher konservatives Jahrzehnt. Insbesondere im populären (Action-)Kino dominierten Helden, welche in vielen Fällen eine kulturelle Repräsentation der Ideologie des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan darstellten und zudem ein damit einhergehendes, ganz bestimmtes Körperideal erfüllten. Doch ebenso wie auch ein Regisseur wie Oliver Stone in den 1980er-Jahren eine filmische Blütezeit erlebte, der ganz sicher nicht in die Nähe konservativer Ideen zu rücken ist, so gab es immer wieder Filme, die sich dem herrschenden politischen Zeitgeist entgegenstellten. Einer davon ist der unter der Ägide von New-Hollywood-Urgestein Dennis Hopper entstandene Polizeifilm „Colors – Farben der Gewalt“, welcher sich mit der von den Gangs auf den Straßen von Los Angeles ausgehenden Gewalt auseinandersetzt, dabei jedoch eine größere Kontextualisierung vornimmt und einen Teufelskreis aus mangelnder Kommunikation und einer dramatisch schlechten sozialstaatlichen Politik reflektiert.

Zumindest in seinem grundlegenden Ansatz basiert der Film dabei auf wahren Begebenheiten. 1979 wurde zur Eindämmung von Straßengang-Gewalt die so genannte CRASH-Unit des Los Angeles Police Department gegründet; die Abkürzung steht dabei für „Community Resources Against Street Hoodlums.“ „Colors“ folgt zwei Beamten dieser Einheit, dem erfahrenen, besonnenen und den Gangs mit Respekt gegenübertretenden Bob Hodges (Robert Duvall), dem im Gegenzug wiederum auch vonseiten der Gangs Respekt entgegengebracht wird und seinem Partner, dem jüngeren Hitzkopf Danny McGavin (Sean Penn), der deutlich aggressiver veranlagt ist. Die beiden geraten in einen Bandenkrieg zwischen den Crips und den Bloods (erstere tragen primär blaue, letztere primär rote Kleidung als Erkennungsmerkmal, daher auch der Name des Filmes) sowie einer zwischen beiden Fronten agierenden Latino-Gang, in dessen Zuge McGavin lernt, dass es zum einen unklug ist, sich mit Gangmitgliedern anzulegen und zum anderen die etwas zurückhaltenderen Methoden seines Kollegen nicht immer die schlechtere Wahl sind.

Die zentrale Moral des Films destilliert Hodges in einem Witz, den er an einer Stelle auf Streife McGavin erzählt und der es wert ist, hier in voller Länge zitiert zu werden: „There’s two bulls standing on top of a mountain. The younger one says to the older one: ‚Hey pop, let’s say we run down there and fuck one of them cows‘. The older one says: ‚No son. Lets walk down and fuck ’em all‘.“ Was hier etwas vulgär zum Ausdruck gebracht wird, ist die Überlegenheit des langsamen Handelns gegenüber vorschneller Aggression. Wenn man in die Gang-Viertel hineinstürmt, um einzelne schwarze Schafe auszuheben, wird man das systemische Problem niemals angehen können. Wenn man jedoch behutsam vorgeht, kann es möglich sein, eine Situation als Ganzes auszunutzen bzw. in Bezug auf die Bandenkriege: unter Kontrolle zu bekommen. Hodges bringt den Jugendlichen Verständnis entgegen, er lässt auch mal einen „kleinen Fisch“ laufen, wenn es sich um kein eklatantes Vergehen handelt und so der (sehr poröse) Frieden gewahrt bleibt, zum anderen hat er sich durch seinen Umgang mit den Gangs ein Netzwerk geschaffen, das es ihm ermöglicht, die Straßen von Los Angeles vielleicht nicht so gut wie die Gangs, jedoch deutlich besser als irgendeiner seiner Kollegen zu durchblicken. Der Zuschauer begleitet ihn dabei durch die Augen von McGavin, der zunächst gar nicht glauben kann, wie bedacht Hodges vorgeht und bei einem Gespräch mit ein paar Latino-Gangmitgliedern sogleich die Schrotflinte aus dem Auto holt, wofür ihn Hodges wiederum maßregelt. Nicht Macht um jeden Preis demonstrieren, sondern den Kontakt suchen, den Versuch einer wenn auch nur sporadischen Kommunikation wagen, dies alles bringt auf lange Sicht mehr als jegliche rigiden und gesellschaftsfeindlichen politischen Maßnahmen, die zu jener Zeit nicht zuletzt die Reagan- bzw. die ihm nachfolgende Bush-Administration durchzusetzen versuchten; Stichwort weniger Geld für soziale Belange in jeglicher Hinsicht.

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Dennis Hopper, der nach seiner Rückkehr auf die schauspielerische Bühne mit „Blue Velvet“ (1986) mit „Colors“ auch wieder einen Achtungserfolg als Regisseur verbuchen konnte, rückt zwar die Bemühungen der Polizei um eine Eindämmung der Gewalt ins Zentrum des Filmes, bindet jedoch auch das alltägliche Leben der Menschen mit den Bandenkriegen ein. In einer sehr eindringlichen Szene wird bei einer Art Bürgerzusammenkunft auf die Gründe für die steigende Gewaltbereitschaft hingewiesen: keine gesellschaftlichen (Bildungs-)Perspektiven für Kinder und Jugendliche aufgrund des ewigen Teufelskreises aus Gewalt und Gegengewalt. Die Jüngeren sehen doch, dass der Drogendealer einen Mercedes fahre, während diejenigen, die einen gewöhnlichen Job haben, sich teils nicht einmal ein Auto leisten können, sagt an einer Stelle sinngemäß ein Teilnehmer der Veranstaltung. Dass diese direkt geäußerte und berechtigte systemische Kritik an mangelnder politisch geförderter Solidarität etwas sporadisch bleibt und in solch einer Form nicht noch ein weiteres Mal aufgenommen wird, ist vielleicht ein (leichter) Kritikpunkt, der sich an „Colors“ anbringen ließe. Hier hätte man den grundlegenden Ansatz noch ein wenig eindringlicher gestalten können.

Denn auf der Ebene der Inszenierung macht Dennis Hopper sonst alles richtig. Der Film wird durchweg spannend gehalten, da das Porträt der Gang-Gewalt vor dem Hintergrund eines zu Beginn des Filmes gezeigten, einzelnen Mordes per „Drive-By-Shooting“ geschieht, dessen Aufklärung stets als Background für die Bebilderung einzelner dramaturgischer Faktoren dient. Dieser letztlich klassische Kriminalfilm-Topos wird nie aus den Augen verloren und immer wieder zur richtigen Zeit aufgegriffen (wobei von vornherein klar ist, wer es war, es geht tatsächlich rein um die Suche nach dem von Don Cheadle gespielten Schützen). „Colors“ changiert quasi zwischen einer narrativen Kausalkette sowie einem spezifischen gesellschaftlichen Porträt und diese beiden Ebenen greifen einmütig ineinander. Nicht einmal die Liebesgeschichte zwischen McGavin und der Kellnerin Louisa (Maria Conchita Alonso) wirkt forciert, da sie in den größeren dramaturgischen Rahmen sinnvoll eingepasst wird. Als lupenreiner Actionfilm lässt sich „Colors“ zwar nicht klassifizieren, weist jedoch durchaus ein paar Szenen auf, die man im entsprechenden Genre gut unterbringen könnte. Das Setting wirkt auch durch die Dreharbeiten in realem Gang-Gebiet und die Besetzung von Gangmitgliedern als Komparsen durchweg realistisch, die von Herbie Hancock komponierte Musik evoziert sofort 1980er-Jahre-Atmosphäre, zudem weist der Film eine formidable dynamische Kameraarbeit von Altmeister Haskell Wexler auf, seines Zeichens einer der größten Kameramänner aller Zeiten, Gewinner des Kamera-Oscar für „Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966) sowie zudem Regisseur des New-Hollywood-Meisterwerkes „Medium Cool“ (1969).

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Ende der 1980er-Jahre muss es geradezu revolutionär erschienen sein, gewaltbereite Gang-Mitglieder nicht automatisch zu dämonisieren, sondern sie als gewöhnliche Menschen mit Wünschen, Problemen sowie einem auch mal alltäglichen Verhalten zu porträtieren und in Teilen ihre Perspektive auf die Dinge einzunehmen. „Colors“ macht sich dabei keinesfalls der Kollaboration mit Gewaltbereitschaft schuldig, da er nicht nur die alles umgebenden Verhältnisse, sondern auch die Gangs keinesfalls kritiklos betrachtet und unter anderem deren übertriebenes Verständnis von Faktoren wie Ehre und Rache kritisiert, dabei aber dennoch demonstriert, dass jede Medaille schlicht und einfach immer ihre zwei Seiten hat. Klar ist das Handeln der Gangs hochgradig verwerflich, doch der Film veranschaulicht, dass ihm in vielerlei Hinsicht tiefere Ursache zugrunde liegen, die bei der schnell geschehenen gesellschaftlichen Vorverurteilung gern einmal untergehen. Es ist schließlich leichter, mit dem Finger immer auf die anderen zu zeigen. „Colors“ ist ein hierzulande vermutlich nicht allzu bekanntes, jedoch sehr sehenswertes Stück 1980er-Jahre-Kino, spannend und hintergründig zugleich.

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Die Edition: capelight pictures bringt „Colors – Farben der Gewalt“ als Single-DVD sowie auf Blu-ray in ihrer Mediabook-Reihe, wobei man seltenerweise die Auswahl zwischen zwei gleichermaßen schicken Covern hat. Fun Fact am Rande: Nach weitreichender Kritik an den ersten beiden (zugegebenermaßen wirklich nicht gerade attraktiven) Covervarianten nahm das Label sich die Kritik zu Herzen und sorgte (unter anderem) per Abstimmung für die nun zur Verfügung stehenden Alternativen, was definitiv zu würdigen ist! Der Film liegt erstmals nicht nur in der Kinofassung vor (auf Blu-ray), sondern zudem im etwa acht Minuten längeren Unrated Cut, der ein paar erweiterte Handlungsszenen bietet (auf Blu-ray und DVD). Als Bonus gibt es ein Booklet, das mit einigen wissenswerten Hintergrundinformationen zur Produktionsgeschichte aufzuwarten weiß, ein ausführliches Interview mit Drehbuchautor Michael Schiffer und ein sehr interessantes, leider fast etwas zu kurzes Interview mit dem Polizisten Dennis Fanning, der als Berater am Set fungierte und auch mehrfach kurz im Film zu sehen ist.

Autor: Jakob Larisch

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