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Song to Song (2017) Review

Patti Smith und Faye (Rooney Mara)

© STUDIOCANAL Home Entertainment

Über das vergangene Jahrzehnt hinweg hat Terrence Malick jenen aktuellen Stil kultiviert, der das bisherige Gesamtwerk in zwei große Blöcke unterteilt: Zunächst die frühen Filme, die mittlerweile vor allem durch die wahnsinnigen Pausen dazwischen legendär geworden sind – und dann nach dem Cannes-Triumph in der Folge von „The Tree of Life“ der zweite Frühling des Regisseurs, eine bis heute andauernde Phase neuer Produktionen, die sich vor allem durch die permanente Zusammenarbeit mit dem derzeit besten Kameramann seiner Zunft, Emmanuel Lubezki, zu einem ästhetisch wie inhaltlich homogenen „Spätwerk“ zusammenfügen. Diese Filme sind stets lose zusammenhängende Fragmente um verpasste, unerwiderte Liebe, um die Suche nach Sinn oder Kraft mithilfe anderer Personen bis zur Abhängigkeit von jenen. Diese Parameter sind es, die einen neuen Malick sofort als solchen erkennbar machen, sie etablieren eine Handschrift.

„Song to Song“ ist dabei keine Ausnahme, auch wenn er der zugänglichste, narrativste Film des neueren Schaffens Malicks ist. Mehrere Liebesgeschichten, im Kern die Schicksale dreier Figuren (gespielt von Rooney Mara, Ryan Gosling und Michael Fassbender) werden vor der Kulisse der Musik- und Festivalszene des texanischen Austin miteinander verwoben. Irgendwann berühren sich all diese Schicksale, irgendwann trennen sie sich wieder und laufen in andere Richtungen weiter. Die Figuren sind impulsiv, die Beziehungen zueinander fragil, lose, empfindlich. Diesen emotionalen Zuständen trägt das ästhetische Programm Rechnung: Lubezkis Kamera agiert freischwebend, entscheidet sich stets scheinbar spontan dafür, welcher Figur sie gerade die Aufmerksamkeit schenken möchte. So konstituierend für diesen Stil wie die Kamera ist auch die Montage. Malicks Schneideprozesse sind berüchtigt und legendär: Das Material wurde bereits 2012 gedreht, zeitweise existierte eine achtstündige Version des Filmes. Die zwangsweise folgende Konzentration dieses Materials, die Malick über Jahre vornimmt, schlägt sich in den seltsamen, an bildliche Bewusstseinsströme erinnernden Sequenzen nieder. Einstellung für Einstellung wird destilliert, bis die Kamerabilder zu lückenhaften Erinnerungen fragmentiert sind, bis sie Momentfetzen werden, bis nicht mehr klar ist, ob der außenstehende Kamerablick oder die innere Wahrnehmung der Protagonisten unstet und bruchstückhaft ist, oder ob sich beides im Film gegenseitig durchdringt.

© STUDIOCANAL Home Entertainment

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Malick traut sich stets, große, existenzielle Fragen aufzuwerfen, auch in „Song to Song“ tut er dies. Fragen nach Glück, Liebe, Zufriedenheit und Heilung. Seine Figuren finden keinerlei Antworten, keine Erlösung. Sie werfen sich in immer neue Beziehungen, die zu Abhängigkeiten werden, zweifeln an jeder Umwindung an den Wegen, die sie eingeschlagen haben. Das Beharren auf diesen Themen führt seit Jahren zum Vorwurf, Malick stelle in jedem Film wiederholt dieselben Fragen, scheitere jedoch gleichsam daran, diesen Fragen eine filmische Entsprechung zu verleihen. Allerdings ist es jenes wiederholte Annehmen verschiedener Themenkomplexe, das im Spätwerk Malicks fast methodisch anmutet. Immer wieder beschäftigen diesen Regisseur ähnliche Beziehungskomplexe, immer wieder verfrachtet er sie in einen anderen Kontext, um zu prüfen, wie sie sich dort vollziehen. Seine Filme umkreisen wiederholt ähnliche Ideen und Probleme. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass Malick uns die Antworten auf die von ihm gestellten Fragen schuldig wäre, wenn er doch selbst offensichtlich ein Fragender ist, der seine Fragestellungen sogar über ganze Filmkomplexe spannt. Genauso ist die Kamera als das Medium, mit dem er Antworten sucht, immer fragend, immer erforschend, immer staunend – nie wissend, nicht abgeklärt. Das jüngere Werk Malicks ist keine nüchterne Bestandsaufnahme eines Regisseurs, der alles gesehen hat, sondern ein werkübergreifender Suchprozess eines Filmemachers, der immer noch zu fragen wagt. Auch dieses Mal lohnt es sich, den filmischen Suchprozessen von Terrence Malick beizuwohnen.

Autor: Roman Widera

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