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Coco – Lebendiger als das Leben (2017) Review

© 2017 Disney / Pixar

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Seit ihrem Mega-Erfolg „Alles steht Kopf“ (2015) ist es um die US-amerikanische Trickfilmschmiede Pixar in der populärkulturellen Wahrnehmung etwas ruhiger geworden – was jedoch nicht heißt, dass sie keine Filme mehr produziert hätten. Wo sich vorher allerdings nahezu jedes ihrer Werke zu einem Instant-Klassiker entwickelte (mit der entschiedenen Ausnahme von „Cars 2“ (2011) sowie vermutlich auch „Die Monster-Uni“ (2013); Sequels taten Pixar noch nie gut), so konnte das Studio seit eben „Alles steht Kopf“ kaum mehr einen neuen Quasi-Animationskultfilm ins Rennen schicken. Nach dem völlig unter dem Radar laufenden „Arlo & Spot“ (2015) folgten lediglich zwei weitere Fortsetzungen, nämlich „Findet Dorie“ (2016) und „Cars 3“ (2017), bevor mit „Coco – Lebendiger als das Leben“ nun der Heimkinostart des neuesten Pixar-Streiches ansteht. Mal schauen, in welche Richtung sich die Rezeption in diesem Fall entwickeln wird.

Coco ist nicht die Protagonistin des Filmes – sie spielt lediglich eine sehr kleine, aber auch sehr wichtige Nebenrolle – stattdessen dreht sich die Story um den zwölfjährigen Miguel, der unbedingt Musiker werden will. Das Problem dabei ist, dass sein Ur-Ur-Großvater seine Frau und Tochter (besagte Coco, die somit die Urgroßmutter des Protagonisten ist) verlassen hatte, um als – genau: Musiker sein Glück zu finden. Nicht nur er ist seitdem thematisch tabu, auch Musik ist es in all ihren Facetten, was gegenüber Miguel, der heimlich Gitarrespielen gelernt hat, zeitweise despotische Züge annimmt. Er solle doch lieber Schuhmacher werden, so wie es die ganze Familie ist. Doch Miguel hat sich seinen Traum in den Kopf gesetzt, umso mehr, als er erfährt, dass sein Ur-Ur-Großvater der berühmte Gitarrist-Sänger-Schauspieler Ernesto de la Cruz gewesen sei. Nachdem er die Gitarre des Verstorbenen stiehlt, führt ihn dies am „Tag der Toten“ ins Reich der Toten. Dort muss er darum kämpfen, in nur einer Nacht wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren und parallel seine in Bezug auf Musik und eine entsprechende Karriere ebenfalls etwas verknöchert denkenden toten Familienmitglieder umzustimmen. Das Ganze wird in der für Pixar-Filme typischen Rasanz und Buntheit erzählt, wobei an „Coco“ interessant ist, dass die Gag-Dichte hier bei weitem nicht so hoch ist wie üblich.

© 2017 Disney / Pixar

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Natürlich fehlen die typischen Slapstick-Momente nicht (die in der Regel auch sehr gut gelungen sind), natürlich fehlen die One-Liner in den Dialogen nicht, natürlich ist der Film letztlich humorvoll angelegt, doch alles scheint eine Spur heruntergedimmt worden zu sein, was vermutlich mit dem überspannenden Thema Tod zu tun haben mag. Insbesondere der Anfang, in dessen Zuge Miguel sich der Anti-Musik-Autokratie seiner Familie widersetzen muss, hat dabei teils fast melodramatische Anflüge. Für ironische Brechungen sorgen lediglich der durchgeknallte Hund Dante (der mit ins Reich der Toten reist) sowie später Héctor, den Miguel im Reich der Toten trifft und der verspricht, ihm zu helfen (der typische Sidekick). Auf einer formalen Ebene tut es mal ganz gut, in einem Film, der sich gar nicht so indirekt dem Disney-Konzern zurechnen lässt, nicht unter Gag-Dauerfeuer zu stehen; dies hatten beispielsweise die Drehbuchautoren von „Star Wars: Die letzten Jedi“ (2017) nicht hundertprozentig verstanden.

Grundlegend erzählt „Coco“ zunächst eine sehr amerikanische Geschichte – der Einzelne, der gegen alle Widerstände an seinen Traum glaubt und diesen umsetzen möchte. Interessant dabei ist jedoch, dass Miguels Umfeld dieses Prinzip eben genau nicht teilt und ihm eher hinderlich ist. Von einer gemeinsamen gedanklich-ideologischen Basis kann damit hier kaum die Rede sein, wobei dies je nach Lesart die zugrundeliegenden Implikationen sowohl abschwächen als auch verstärken kann. Miguel setzt sich gegen eine ihn in seinen Möglichkeiten einschränkende Institution (hier die Familie) zur Wehr, das ist sinnvoll, doch lehrt die Zeit, dass in der Realität genau dies in der Regel leider scheitern muss. Doch dafür ist kein Platz in einem Pixar- und somit primär Kinderfilm, hier muss der Held alle Prüfungen bestehen und kann alle von der Falschheit ihres Despotismus überzeugen. Ein American Dream in der light-Version, weil nicht mehr ganz so heroisch aufgebauscht wie noch zu früheren Zeiten und ohne den typischen „du kannst alles schaffen, wenn du nur an dich glaubst“-Monolog des Sidekicks. Immerhin, das muss man „Coco“ zugute halten, wird nach einigen diesbezüglichen dramaturgischen Haken hier die Familie auf lange Sicht tatsächlich als eine stabilisierende Instanz begriffen (sofern sie dem Einzelnen seine Freiheiten lässt), der Wert der Gemeinschaft zählt somit auf positive Weise etwas für das Selbstverständnis des Individuums.

© 2017 Disney / Pixar

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Ein neuer Klassiker wird vermutlich auch „Coco“ nicht werden, dafür bleibt trotz des Einbezuges neuer Faktoren wie mexikanischer Traditionen oder des alles überspannenden Sujets Tod zu wenig hängen nach der Rezeption, ist der Film letztlich trotz aller Verspieltheit zu wenig prägnant und eingängig. Ein unscheinbares Kapitel in der Geschichte von Pixar, man liest, man blättert weiter und richtet seinen Fokus auf das, was da noch so kommen mag.

Autor: Jakob Larisch

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