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Kansas City (1996) Blu-ray-Kritik

© Koch Films

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„Kansas City“, 1996 gedreht von Robert Altman und seinerzeit für die Goldene Palme in Cannes nominiert, ist ein stimmiger Schauspielerfilm, eine Milieustudie von Kansas City der 1930er-Jahre, besonders der kriminell unterlaufenen, schwarzen Jazz-Szene. Typisch für Altman stechen die Figuren aus dem Geschehen hervor und mit ihnen die Schauspieler, die sie mit Gusto zum Leben erwecken.

Harry Belafonte spielt Seldom Seen, den Besitzer eines Jazz-Establishments, in dessen Hinterzimmern er diversen Mafiageschäften nachgeht. Jennifer Jason Leigh ist Blondie, eine resolute Angestellte, deren Mann sich in die Angelegenheiten von Seems Gang verwickelt und von ihm festgehalten wird. Blondie entführt kurzentschlossen die Ehefrau eines regionalen Politikers, um durch ihn eine Befreiung ihres Mannes zu erzwingen. Leigh wedelt wild mit einem Colt um sich, bleckt ungesund braune Zähne – in ihrer dreist-ehrlichen, unwirschen Art erinnert sie dabei ein wenig an Renée Zellwegers Auftritt in „Unterwegs nach Cold Mountain“ (2003). Blondie zieht mit der Politikerfrau, ihrerseits verschreckt, naiv und benommen, weil opiumabhängig (ideal besetzt: Miranda Richardson) durch das nächtliche Kansas City. Die beiden sehr unterschiedlichen Frauen treffen dabei auf eine Reihe von Gestalten: Ein 14-jähriges schwarzes Mädchen sollte am Bahnhof von Bekannten abgeholt werden und muss nun alleine den Weg zur Schwangerschaftsklinik finden; ein Barbesitzer (hervorragend abfällig: Steve Buscemi) lädt seine Stammkunden in Lastwagen und fährt sie zum Wahllokal, wo sie nach seinen Vorgaben zu wählen haben; ein Tankstellenangestellter flüchtet vor Maschinengewehrfeuer irgendeiner Gang hinter die Theke und gibt Blondie die Gelegenheit, mit einem gefüllten Benzinkanister abzuhauen. Das ist die Welt und Atmosphäre, die man aus Pre-Code-Gangsterfilmen kennt, „Scarface“ (1932) oder „The Public Enemy“ (1931) beispielsweise – Altman richtet hier die Perspektive auf bisher unerforschte Aspekte, vor allem auf die Lebens- und Unterwelt der schwarzen Kultur. Die Erlebnisse der beiden Frauen, die auf die Ankunft des einflussreichen Ehemanns warten, ist parallel geschnitten zu den Ereignissen rund um den Jazzclub, in dem Blondies Mann Johnny (Dermot Mulroney) festgehalten wird. Belafonte zählt Geld und gibt im Zigarrendunst seine Variante des Brando-Paten zum Besten, während auf der Bühne der Kneipe pausenlos die Big Band spielt. Musiker kommen und gehen, erheben sich spontan aus dem Publikum und betreten die Bühne für ein Solo, ringsherum das vollständig afroamerikanische Publikum, rauchend, trinkend, begeistert tanzend und applaudierend oder, wie ein junger Charlie Parker (Albert J. Burnes), mit einem Saxophon um den Hals aus dem Rang mit gebanntem Blick starrend, völlig sicher, dass er hier auf seine glorreiche Zukunft schaut (von den dunklen Geschäften, die im Schatten der Musik abgewickelt werden, ahnt er nichts).

© Koch Films

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Jazz durchzieht den gesamten Film, begleitet die beiden Frauen auf ihrer Irrfahrt und Belafonte bei seinen skrupellosen Geschäften. Altmans Kamera hält sich dabei, bis auf die obligatorischen Spiegel-Spielereien und die eine oder andere dramatische Heranfahrt weitestgehend zurück. Die Bilder sind elegant und klassisch, nicht so geschmackvoll natürlich wie die von Gordon Willis in der „Pate“-Trilogie oder so dynamisch wie jene von Michael Ballhaus in „Goodfellas“, aber nichtsdestotrotz geschmackvoll, angenehm und ihren Zweck erfüllend. Das Ende ist schockierend und zutiefst pessimistisch; aber man erwartet auch nichts Anderes.

Die Edition: Koch Media legt ein Mediabook mit hervorragender Abtastung des Films vor. Das ursprüngliche Silbernitrat-Printing, das Altman anwandte, um den Retro-Look zu erreichen (identisch zu dem Schatten und Kontraste hervorhebenden Verfahren, das David Fincher ein Jahr zuvor für „Se7en“ verwendet hatte), kommt auf der Blu-ray wunderbar zur Geltung. Das Bonusmaterial umfasst einen Regiekommentar, Produktionsfotos, Aufnahmen vom Set, Interviews mit Altman und den Schauspielern, sowie eine Einführung und einen kurzen, hervorragenden analytischen Essay von Filmhistoriker Luc Lagier. Eine DVD des Films ist zusätzlich enthalten. Das Mediabook erscheint am 13. Juni 2019.

Autor: Paul Quast

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