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Insel des Schreckens (1966) Blu-ray-Kritik

© Koch Films

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„Insel des Schreckens“ (Original: „Island of Terror“) ist kein guter Film. Und leider ist er auch nicht schlecht genug, um wieder interessant zu sein. Er hält sich mit dem inszenatorischen Handwerk von Hammer-Studios-Regisseur Terence Fisher über Wasser, lässt uns die 87 Minuten dank Hammer-Star Peter Cushing und britischen Charakterdarstellern in Nebenrollen einigermaßen durchstehen. Vor unseren Augen entfaltet sich ein durchschnittlicher, freud- und einfallslos bebilderter Science-Fiction-Plot: Auf einer abgelegenen Insel vor der irischen Küste erschafft ein Wissenschaftler in seinem Labor bei der Suche nach einem Krebs-Heilmittel tödliche Lebensformen, die ihn und sein Team umbringen, indem sie ihnen die Knochen aussaugen und als leblose Gummihaufen zurücklassen, um dann dazu überzugehen, die Insel unsicher zu machen. Es liegt an Pathologe Dr. Brian Stanley (Cushing, inklusive Wangenknochen) und dem „jungen Genie“ der Knochenmedizin Dr. David West (Gene-Hackman-Lookalike Edward Judd), auf die Insel zu reisen und einen Weg zu finden, die Monster aufzuhalten. Menschen sterben, Cushing wird in einem niedlichen Gore-Close-up die Hand abgehackt und letztendlich können die silicates (so werden die Tentakelwesen genannt) besiegt werden, indem man ihnen mit Strontium 90 injizierte Rinder zum Fraß vorwirft. Was nach einem B-Spektakel mit reichlich Camp-Potential klingt, stellt sich als größtenteils langweilig heraus.

Cushing und das Ensemble spielen routiniert und schaffen es irgendwie, Würde und Ernsthaftigkeit zu bewahren (was dem Camp-Faktor des Films leider abträglich ist). Die Inszenierung ist uninspiriert; die Entscheidung, die silicates voll ausgeleuchtet zu zeigen (wahrscheinlich, so wird im Audiokommentar spekuliert, um an den effektlüsternen US-amerikanischen Zuschauer zu appellieren), dämpft den anfänglichen Gruselfaktor erheblich. Spannung entsteht wenn überhaupt erst durch das interessante elektronische Sounddesign, welches das Erscheinen der Wesen ankündigt und für das sich Barry Gray („Feuervögel startbereit“, „Fahrenheit 451“, beide im selben Jahr) verantwortlich zeigt. Optisch bewegt sich der in den Pinewood-Studios gedrehte Film zwischen England im Winter, Kunstnebel und routiniert zusammengewürfelten Innenräumen, die scheinbar wahllos mit roten Kulissenelementen wie Stuhlpolstern und Kaminvorlegern gesprenkelt sind (ein gescheiterter Versuch, das Bild aufzupeppen). Die Monster selbst sehen aus wie eine Mischung aus Nacktschnecken und Schildkröten; der Tentakel, der aus dem Panzer hervorwächst und mit Saugnäpfen nach wehrlos kreischenden Opfern greift, wird mit (in der Blu-ray-Abtastung des Films gut sichtbaren) schwarzen Fäden bewegt. Die kriechenden Ungetüme sind zwar langsam, leider aber unempfindlich gegen Schusswaffen und Dynamit – wie wir in einer amüsanten Szene erfahren, in der sich die Inselvorsteher und Wissenschaftler vor einer Gruppe munter im Gebüsch umherkriechender silicates versammeln und sie mit verschiedenen Explosiva bewerfen. Auch auf sicheren Abstand werden die Viecher gefährlich, denn – wer hätte es für möglich gehalten – sie können auf Bäume klettern und lassen sich auf unvorbereitete Kleindarsteller fallen, die von den großen grünen Kunststofffladen begraben werden und wild mit den Armen rudern, im verzweifelten Versuch, den leblosen Requisiten Leben einzuhauchen. Derartige Momente sind zwar unterhaltsam, aber zu kurz und zu selten, um allzu viel Spaß aufkommen zu lassen.

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Viel „unterhaltsamer“ als der Film selbst ist das in der Mediabook-Veröffentlichung von Koch Media enthaltene Zusatzmaterial: Insgesamt drei Filmjournalisten saugen sich hier mühsam Relevantes aus den Fingern, denn sie werden schließlich für Mediabook-Zuarbeit bezahlt. Dabei vergeuden sie ihre Lebenszeit für die aufgeplusterte Glanzausgabe eines bedeutungslosen, austauschbaren Films. Der obligatorische Booklet-Text von Christoph Huber beginnt mit einer reißerischen Zusammenfassung des Films, nur um dann ausführlich von Fishers anderen (lies: interessanteren) Filmen zu berichten. Ein Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad eröffnet mit der provokant formulierten Feststellung, die handwerklich einwandfreien Film-Arbeiten Terence Fishers seien von einer „Clique von Semiotikern“ auf Biegen und Brechen als Autorenfilme ausgelegt, Fisher als versteckter Auteur interpretiert worden – das alles sei Blödsinn, sei hineingelesen. Der Frage wird dann konsequent nicht nachgegangen, stattdessen unterhalten sich Giesen und Sommerlad frei assoziierend über die Entstehungszeit des Films, über Cushings und Fishers Karriere, andere interessante Filme, andere interessante Filmschaffende. Nur gelegentlich scheint ihr verträumter Blick über den Monitor zu wandern, wo ein aufgefangenes Bild Anlass zu weiteren Überlegungen gibt: Die Glibbermasse, die sich aus den multiplizierenden silicates ergießt, erinnert Dr. Giesen an „Nudelsuppe“; der Hut von Peter Cushing veranlasst zum geistreichen Austausch „Früher hatte jeder einen Hut“ – „Ja, auch in meiner Kindheit, mein Vater war Hutträger“; es wird über die Augen von Cushing philosophiert und schließlich fällt im Hinblick auf das aktuelle Blockbusterkino die feine Beobachtung „Heute ist alles nur noch laut“.

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Die Edition: Das Mediabook enthält neben dem Audiokommentar von Giesen und Sommerlad und dem Booklet-Text von Huber auch ein Interview mit Christopher Lee über seine Zusammenarbeit mit Terence Fisher, sowie Trailer des Films und eine Galerie mit Postern und Werbebildern. Eine inhaltlich identische DVD ist enthalten.

Autor: Paul Quast

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