Hinterlasse einen Kommentar

Französische Filmtage 2015 – Tübingen/Stuttgart

Ich hatte vor kurzem das Glück, die Chance und das Vergnügen (ja, und auch den Stress) für „Festival TV“ der Uni Tübingen ein redaktionelles Praktikum parallel zu den jährlich stattfindenden Französischen Filmtagen zu übernehmen. Themen waren unter anderem Meinungs- und Pressefreiheit, Tanz und Afrika, doch auch viele andere Aspekte wurden in den höchst unterschiedlichen Filmen beleuchtet. Neben vielen tollen Menschlein, die mit mir gemeinsam an den Video-Beiträgen gearbeitet haben, hatte ich auch die Gelegenheit, mir viele hervorragende Filme in den Lichtspielhäusern anzuschauen und sogar mit Christopher Buchholz, dem Chef des Festivals, und den beiden Regisseuren Élodie Namer und Philippe Le Guay Interviews für Festival TV zu führen.

Anbei meine Eindrücke der acht unbedingt sehenswerten Filme, die ich mir im Laufe des Festivals vom 04.-11. November anschauen konnte, und noch eine Verlinkung zum YouTube-Kanal, auf welchem ihr bei Interesse die erwähnten Videos von mir und viele weitere interessante Beiträge meiner Kollegen vorfinden könnt.

© capelight pictures

© capelight pictures

Le Tournoi – The Tournament von Élodie Namer
Ein Film über einen Schachspieler? Klingt ja eher nicht so spannend. Aber Élodie Namers Regiedebüt ist ein grandioses und in Teilen tragisch-intensives Psychogramm eines kaputten und überheblichen Genies geworden, der aus seiner hermetisch abgeriegelten und durchkalkulierten Welt ausbrechen muss, um sich selbst nicht zu verlieren. Poetisch bebildert, von Michelangelo Passaniti und Lou de Laâge mutig gespielt, hervorragend gepaced und mit vielen kleinen brillanten Ideen gespickt. Der pulsierende Score tut sein Übriges. Sexy, hip, klug und surreal. David Lynch lässt grüßen und Stanley Kubrick wäre begeistert. (ab dem 29.01.2016 bei uns unter dem Titel „Zug um Zug“ auf DVD und Blu-Ray erhältlich)

© comme film cine severine brigeot ressources

© comme film cine severine brigeot ressources

Floride – Florida von Philippe Le Guay
Philippe Le Guays Film meistert den Spagat zwischen Heiterkeit und bedrückenden Momenten, wodurch ihm ein interessantes Porträt eines traumatisierten und schwer kranken Mannes gelingt. Es ist ein schwieriges Unterfangen, einen Film über Demenz zu drehen, ohne dabei ins Melodramatische abzugleiten. Dank der ausgewogenen erzählerischen Balance und der minimal unzuverlässigen Narration sowie seiner beiden starken Hauptdarsteller Jean Rochefort und Sandrine Kiberlain ist ihm dies allerdings beeindruckend gelungen. (noch ohne deutschen Kinostart)

© Indie Sales

© Indie Sales

Les Deux Amis – Zwei Freunde von Louis Garrel
Louis Garrels Langfilmdebüt ist so französisch wie nur möglich: Amour fou, ménage à trois, bande à part – alles drin. Zwei Kumpels stehen auf dieselbe Frau, alle drei sind sie Außenseiter und irgendwie sind auch alle Hauptfiguren zerbrechlich. „Les Deux Amis“ ist auf eine frappierende und manchmal unangenehme Art und Weise ehrlich und bei seinem teils eigenwillig-abstrusen Humor bleibt einem durchaus auch mal das Lachen im Hals stecken. Garrels Film wirkt trotz der bekannten Zutaten frisch, unverbraucht und ungewohnt und wie eine kleine Liebeserklärung an die Grande Nation und ihre Filmkultur. (noch ohne deutschen Kinostart)

Attila Marcel von Sylvain Chomet
Sylvain Chomet hat bisher mit Animationsfilmen wie „Das große Rennen von Belleville“ oder „L’Illusionniste“ von sich reden gemacht und liefert nun mit „Attila Marcel“ aber ein tragikomisch-buntes Realfilmfeuerwerk ab, das so wirkt, als sei es von Tim Burton inszeniert worden, als dieser noch gute Filme gemacht hat. Der Film ist ein warmherziges und teilweise auch groteskes Porträt eines Außenseiters, der als Kleinkind ein schweres Trauma erleiden musste, so dass er sich auch als Erwachsener noch wie ein Fremdkörper unter anderen Menschen fühlt. Überbordend, verspielt und im wahrsten Sinne fantastisch und zauberhaft. (noch ohne deutschen Kinostart)

© Alamode Film

© Alamode Film

Réalité – Reality von Quentin Dupieux
Quentin Dupieux kennt man vielleicht noch aus seiner Zeit als DJ unter dem Pseudonym „Mr. Oizo“ oder vielleicht von seinem Film „Rubber“, in dem es um einen mordenden Autoreifen geht. Hat man dieses Vorwissen, so verwundert es kaum, wie abgefuckt und durchgeknallt sein neues Werk geworden ist. Dupieux selbst sagt, dass er mit „Réalité“ kein konkretes Anliegen verfolgt und den Zuschauer nicht mit irgendeiner Botschaft langweilen möchte. Und sein Konzept geht auch voll auf: Sein Film ist ein traumwandlerisch-surreal-verrücktes Film-im-Film-Meta-Meta-Meta-Meisterwerk, bei dessen Rezeption man sich so fühlt, als sei man Alice in den Kaninchenbau gefolgt und immer noch mit der Raupe am Rauchen. Ich glaube, das beschreibt es so exakt wie nur irgend möglich. (bei uns sogar ab dem 20.11. schon auf DVD und Blu-Ray erhältlich)

L’Enquête – Die Clearstream-Affäre von Vincent Garenq
Vincent Garenq ist mit seiner Spielfilm-Aufarbeitung der Clearstream-Affäre ein interessanter und höchst-komplexer Polit-Thriller gelungen, der Denis Roberts journalistischem Tun und seiner Integrität ein Denkmal setzt und zugleich aufzeigt, wie opak die Finanzwelt doch ist. Auch als Zuschauer fällt es schwer, den Überblick zu behalten, wenn man sich nicht gerade als Experte der finanzpolitischen Ereignisse im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in Frankreich bezeichnet. Oberflächlich gelingt es zwar zumeist, der Handlung zu folgen, en detail blickt man aber irgendwann nicht mehr ganz durch. Vielleicht war dieser Effekt jedoch auch intendiert, verläuft er doch parallel zum Erkenntnisgewinn der Filmhelden. (noch ohne deutschen Kinostart)

Dämonen und Wunder – Dheepan von Jacques Audiard
Ein tamilischer Freiheitskämpfer flieht mit einer Frau, die er nicht kennt, und einem Kind, das er nicht kennt, aus Sri Lanka nach Frankreich, um dort ein neues Leben als Familie aufzubauen. Doch auch hier können sie der Gewalt – nun in Form von Bandenstreitigkeiten in den Banlieues – nicht entkommen. Harter Tobak. Wie man es gewohnt ist von Jacques Audiard. Was ich ebenfalls an ihm schätze, ist seine Liebe zu seinen Figuren und das große Drama, ja das Melodramatische, das auch hier wieder Einzug in seinen Film gehalten hat. Mitreißend und kraftvoll sind gar keine Ausdrücke für das Kino Audiards. Das ist rohe, filmische Urgewalt, die hier auf den Zuschauer einwirkt. Das muss man einfach selbst im Kino erlebt haben. Ein meisterlicher Film, der Anfang des Jahres auch den Hauptpreis in Cannes einheimsen konnte. (deutscher Kinostart ist am 10.12.)

Le Tout Nouveau Testament – Das brandneue Testament von Jaco van Dormael
Ein bisschen blasphemisch, skurril, absurd, gewagt und voll von Elementen, die man nicht so schnell einordnen kann, wie man es sich gerne wünscht. Das führt im Endeffekt zu einem geradezu schelmischen Sehvergnügen und einem durchaus hohen kognitiven Aufwand, um ein wenig hinter die Fassade dieser absurden Umdichtung und Re-Interpretation christlicher Symbolik und Geschichten zu schauen. Die Prämisse: Jesus‘ kleine Schwester Ea wohnt mit Papa Gott und ihrer Mama in Brüssel. Weil Gott sich aber wie der letzte Arsch verhält, flieht die Kleine und bastelt mit Hilfe von sechs neuen Aposteln und einem obdachlosen Chronisten ihr eigenes Testament zusammen. Ja, richtig gelesen. Der Film ist wahnsinnig komisch, geradezu entlarvend und unfassbar clever. Zudem von Pili Groyne und Knautschgesicht Benoît Poelvoorde hervorragend gespielt. Eine Ballade auf das Anders-Sein und Anders-Denken. Engstirnigen Religions-Narren könnte dies zwar zu freigeistig sein, besitzt man jedoch trotz seines Glaubens auch die Fähigkeit zur Selbstironie, so wird van Dormaels neues Werk auch gläubigen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, ohne sie zu kränken oder zu beleidigen. (deutscher Kinostart ist am 03.12.)

Und noch etwas, was mir am Herzen liegt: Weil wir es aus gegebenem Anlass und in Anbetracht des Kontextes dieses Artikels weder verschweigen noch unterschlagen können oder wollen, so sei an dieser Stelle auch von unserer Seite noch einmal klar gesagt: Not afraid. Auch unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer von Terror und Gewalt überall auf der Welt.

Autor: Markus Schu

Leave a Reply