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Das melancholische Mädchen (2019) Review

© Edition Salzgeber

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„Du kennst nur die Oberfläche, die ich dir hinhalte.“ Ein Satz, gesprochen von der Hauptfigur, symptomatisch für den Film und für alles, was dabei schiefgelaufen ist. Denn „Das melancholische Mädchen“ ist ein grauenvoller Film, eine glattpolierte Version postmoderner Unzulänglichkeiten. Ein Film, der selbst nur Oberfläche ist, versucht, Oberfläche als den einen bestimmenden Faktor der von ihm porträtierten ästhetisch-gesellschaftlich-historischen Epoche in den Blick zu nehmen und scheitert ganz fürchterlich. Er ist ein prätentiöser Zirkelschluss, der immer nur auf sich selbst verweist und dem es nicht gelingt, seine eigenen Hintergründe in den Blick zu nehmen.

Es gebe keine Hauptfigur, mit der man sich identifizieren könne, stellt die Protagonistin (Marie Rathscheck) gleich zu Beginn klar, und der Film werde auch einfach enden, mittendrin. Es kommt natürlich genau so, doch was wie ein (sehr bemühter) Versuch anmutet, das eigene Medium und seine Funktionsweisen zu reflektieren, bleibt nur einer von vielen Mechanismen, eine Distanz zu sich selbst aufzubauen, um sich hinterher jeder Verantwortung entziehen zu können; man hätte ja auf die Künstlichkeit hingewiesen und daher wäre das hier Gezeigte eigentlich auch nicht wirklich ernstzunehmen. Der Film ist in seiner Farbgestaltung und seinem Design hochgradig artifiziell und die Darstellerinnen und Darsteller reden, als hätten sie den Brecht’schen Verfremdungseffekt mit Löffeln gefressen. Das allein macht allerdings wahrlich keinen guten Film. Das betonte Verweisen auf Künstlichkeit ist für sich noch keine Kritik an dieser Künstlichkeit, sondern schlägt, im Gegenteil, im vorliegenden Fall in die vollkommene Affirmation der gezeigten Verhältnisse um. Jeder Raum und jede Figur sieht aus, als wäre er/sie dem absoluten Hipster-Klischee entsprungen, dabei versumpft der Film in einem reinen Ausstellen seiner ästhetischen Vorhersagbarkeit. Regisseurin Susanne Heinrich scheint alle Klischees einer kulturellen wie soziologischen Postmoderne zusammengetragen und sie dann unreflektiert auf die Leinwand gekippt zu haben. Alles, was an dieser Epoche falsch läuft, was eine profunde Kritik vertragen hätte, wird lediglich durch den bunten Fleischwolf der kontingenten Identitäten gedreht.

Während sich hintergründig postmoderne Filme wie die von Quentin Tarantino oder David Lynch mit Hilfe kultureller Zitate zu einer Frage nach der medialen Konstruiertheit des Seins entwickeln und damit die Gemachtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auszustellen vermögen, wird „Das melancholische Mädchen“ zu einem bloßen Abfeiern der Identitätslosigkeit. „Das Identifikationsangebot der postmodernen Gesellschaften“, schreibt der Intendant Bernd Stegemann, „lautet (…), dass man seine Identität nur noch in einem unlösbaren Feld von Ambivalenzen verorten darf.“ (1) Und weiter: „So wird aus dem Befehl, die Kontingenz zu ertragen und zu bejahen, eine Form von Identität, die im permanenten Ausnahmezustand des Vorläufigen ist und zugleich diese verquere Lebensform aggressiv verteidigt.“ (2) Alle Figuren sind voll fluide, nicht mehr zu definieren und eigentlich nur eine unterschiedslose selbstbezogene Masse. So erzählt einer der Männer, dem das melancholische Mädchen im Laufe des Filmes begegnet, er wäre einst für kurze Zeit schwul gewesen. Jahrzehnte der Homosexuellenbewegung, der Kampf um Anerkennung von Homosexualität als etwas Natürliches, etwas eben nicht Ausgesuchtes, werden in einem Satz ad absurdum geführt. Das muss man erst einmal schaffen.

© Edition Salzgeber

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Zwar hat die Protagonistin ihre Freude am Leben irgendwo in ihrem viel zu dicken Mantel verloren und läuft nun vollends teilnahmslos durch die Welt, was in vierzehn lose miteinander verbundenen Episoden bebildert wird, doch vermag weder sie noch der Film es, die zugrundeliegende Problematik anzusprechen. Eine wirklich fundiert-systemische Kritik hätte die Koordinaten des gesellschaftlich-politischen Rahmens ins Visier nehmen und die Thematik ökonomisch koppeln müssen. Zwar teilt die Hauptfigur in einem Café mit, dass sie hier auf das Ende des Kapitalismus warte und wundert sich bei ihrem Psychoanalytiker, dass die Kunst heutzutage nicht mehr mit einer Revolte einhergehe, doch ist „Das melancholische Mädchen“ im Sinne sowohl des Filmes wie auch der Hauptfigur von Kritik oder Revolte ebenso weit entfernt wie sie selbst es beklagt. Ökonomische Koordinaten spielen in dieser Welt der Pseudo-Bequemlichkeiten keine Rolle. Nochmal Bernd Stegemann: „Die Nichtidentität ist der Fundamentalismus einer Gegenwart, in der die permanente Reaktionsbereitschaft den absoluten Zwang bedeutet.“ (3) Dass postmoderne Identitäten sich perfekt in die ebenso grenzenlose Welt der Kapitalströme einpassen und ein fluides (weil: flexibles) Selbst das Beste ist, was diesem auf Flexibilität ausgerichteten, inhumanen Wirtschaftssystem passieren kann, wird nicht im Entferntesten thematisiert. Dazu passt, dass der Arbeiter (Tommaso Ragno) mit seiner blauen Latzhose, eine eigentlich dezidiert politisch konnotierte Rolle, selbst nur ein Zitat darstellt, selbst keinerlei Identität erhält. Gesellschaftliche Spaltungen, finanzielle Zwänge, all dies taucht nicht auf. Ein Moment des Widerstands würde einzig ein stabiles Subjekt darstellen, doch der Film zelebriert regelrecht die Instabilität seiner Figuren in einer Welt voller Snowflakes, die zwar mit ihrem Leben irgendwie nicht ganz klarkommen, aber insgeheim dann doch recht zufrieden scheinen, solange sie ein Bett zum Schlafen haben: So ist die Protagonistin wohnungslos und schnorrt sich bei ihren Mitmenschen durch, was ihr wiederum nur mithilfe von Personen möglich ist, auf die sie im Gegenzug von oben herabschaut (auch wenn sie das nicht zugeben würde). So entspannt sich das melancholische Mädchen in der von ihr verachteten Welt, tut und lässt Dinge, befindet sich eigentlich in einer ziemlichen Luxussituation (da sie nicht arbeiten muss und trotzdem in Museen und Cafés herumhängen kann), doch alles wird insgeheim belächelt, alles durch eine Linse vermeintlicher Überlegenheit betrachtet. Die Hauptfigur ist eigentlich nur eines: enorm arrogant.

„In unserer Postmoderne soll die ‚Komplexität‘ freilich bedingungslos gelten, jeder Herren-Signifikant, der ihr eine Ordnung auferlegen könnte, soll ‚dekonstruiert‘, zerstreut, ‚disseminiert‘ werden“ (4), schreibt Slavoj Žižek ironisch in Anlehnung an Jacques Lacan, dessen Konzept des Herren-Signifikanten einen „zentralen Signifikanten“ bezeichnet, „der der Welt ein ordnendes Prinzip auferlegt (…).“ (5) Es ist, als hätte der slowenische Philosoph diesen Satz als Antwort auf „Das melancholische Mädchen“ geschrieben. Ein zentrales (ordnendes) Prinzip ist nicht vorhanden, geschweige denn moralische Prinzipien, dies wird allerdings auch weder durch den Film noch durch die Protagonistin angestrebt. Die scheinbare Freiheit der Postmoderne führt zwar nicht zu Beständigkeit, doch scheint dies auf der anderen Seite auch gar nicht erstrebenswert, da das Leben ja letztlich zu laufen scheint, man sich bequem auf seine passiv-privilegierte Melancholie zurückziehen kann und und eine Kritik vollkommen ausbleibt. Es gibt keinen Verweis auf den Willen zum Ausbruch, den Willen zu einem Anders, einem Jenseits-der-Melancholie. „Das melancholische Mädchen“ ist nicht radikal, er ist nicht emanzipatorisch, er ist nicht progressiv, er ist kein Ausdruck eines kulturellen Widerstandes, sondern kommt selbst nicht über die von ihm porträtierte Oberfläche hinaus, womit er sich perfekt in die herrschende postmoderne Ideologie einpasst, in der fundamentale gesellschaftliche Konflikte komfortabel ignoriert werden und die bunte, bruchstückhafte Kontingenz der Identitäten gleichwohl zum unhinterfragten System wird.

Autor: Jakob Larisch

(1) Stegemann, Bernd (2018): Die Moralfalle. Berlin: Matthes & Seitz, S. 54.
(2) Ebd.
(3) Ebd.
(4) Žižek, Slavoj (2009): Auf verlorenem Posten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 91.
(5) Ebd.

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