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Nippon Connection Filmfestival 2015: The World of Kanako (2014) Review

© Nippon Connection 2015

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Neben Veteranen wie Takashi Miike und Sion Sono hat sich Tetsuya Nakashima, dem man davor wohl nur in speziellen Festival-Kontexten begegnet ist, binnen kürzester Zeit in die kollektive Wahrnehmung für japanisches Kino der härteren Gangart katapultiert. „Memories of Matsuko“ (2006), ein buntes, völlig wahnwitziges Musical-Drama über die tragische Lebensgeschichte der titelgebenden Matsuko, begründete den internationalen Erfolg. Mit „Geständnisse“ (2011), einem ruhigen, unterkühlten und nihilistischen Rache-Drama lieferte er wiederum einen der besten asiatischen Filme der letzten Jahre ab. Während die beiden genannten Filme stilistisch weit auseinander gehen, wirkt „World of Kanako“ wie eine Verbindung aus beidem – ein bunter, lauter, schriller Film mit einem Plot und Figuren, die böser und unangenehmer nicht sein könnten.

Der schwer alkoholabhängige, ehemalige Detektiv Akihiro Fujishima (Koji Yakusho) erfährt vom Verschwinden seiner Tochter Kanako (Nana Komatsu). Obwohl er diese seit Jahren nicht mehr gesehen hat, macht er sich selbstständig auf die Suche. Durch Nachforschungen und Gespräche mit ehemaligen Freunden und Klassenkameraden entfaltet sich ein Doppelleben voll von Drogenhandel, Prostitution, Mord und der Yakuza, das Kanako seit Jahren zu führen scheint.

Wie schon in „Geständnisse“, der im Kontext einer respektlosen Schulklasse stattfand, zeichnet Nakashima auch in „World of Kanako“ ein enorm nihilistisches Porträt der japanischen Jugend. Die Gespräche zwischen Fujishima und ehemaligen Schülerinnen könnten oberflächlicher nicht sein, die Entdeckungen, die er über den Verlauf der Handlung macht, sind von erschütternder Grausamkeit. Der Film greift bekannte Jugendprobleme auf: Mobbing, Unterdrückung, problematische Eltern-Kind-Beziehungen – überhöht diese aber bis in völlig absurde Extreme. Seine Figuren verhalten sich ganz ähnlich: Fujishima ist eine der irrwitzigsten Figuren, die das japanische Kino in den letzten Jahren zu bieten hatte. Je mehr er über seine Tochter erfährt, desto sehnlichster wünscht er sich, sie lebend zu finden, nur um sie eigenhändig umbringen zu dürfen. Zeitgleich zu seinen Ermittlungen hat sich ein weiterer Detektiv (Satoshi Tsumabuki) derselben Aufgabe angenommen – dieser verbringt die Zeit aber größtenteils damit, süffisant zu lächeln und Fujishima bei seinen Nachforschungen zu terrorisieren – wie viele Auseinandersetzungen endet auch dieser Konflikt in „World of Kanako“ mit einer völlig überzeichneten Gewaltexplosion. Diese Szenen und Charaktere schrammen immer ganz knapp an zu starker Übertreibung vorbei, es gibt Szenen, in denen der Grad an Wahnsinn und Extremen den Zuschauer zu verschrecken droht. Der Film kann sich immer wieder fangen, bleibt aber beinahe die ganzen zwei Stunden auf dieser Gratwanderung. In diesem Universum scheint jede Vernunft verloren, die Tagline des Filmes lautet „say goodbye to reason“.


Besonders interessant ist die visuelle Gestaltung des Filmes – die Opening Credits sind ein Mix aus Intro-Sequenzen, die man aus italienischen Western oder Polizieschi-Filmen kennt. Weiterhin vermischt Nakashima wild durcheinander, was die japanische Populärkultur zu bieten hat: Von gezeichneten Szenen als Anime bis hin zu Party-Szenen, deren bunte Bilder aussehen als kämen sie direkt aus den schrillen Foto-Automaten, die man in Japan häufig findet – bedruckt mit Sternchen, Herzen und niedlichen Zitaten. Der Film steht der japanischen Jugend enorm skeptisch gegenüber, überzeichnet ihre Probleme, verwendet aber gleichzeitig ihre visuelle Sprache, suhlt sich in der eigenen jugendlichen Popkultur.

Zusätzlich zu dieser Bildgestaltung fordert uns die Struktur und Montage des Filmes immer wieder heraus – die ersten zehn Minuten zeigen eine Ouvertüre als Schnittgewitter, in der die meisten wichtigen Dialogzeilen und Thematiken in Sekundenbruchteilen schon angespielt werden. Danach wechselt der Film frei zwischen häufig drei bis vier unterschiedlichen Zeitebenen – die großartige Montage lässt hin und wieder Figuren Dialoge beenden, die in völlig anderen Zeitebenen stattgefunden haben, und mischt Gegenwart und Vergangenheit häufig völlig flüssig durch interessante Match-Cuts. Bis man sich in den Rhythmus von „World of Kanako“ eingearbeitet hat, vergeht einige Zeit, ist man einmal drin, entspinnt sich eine mehrere Jahre übergreifende Geschichte, der zerstörten (und zerstörerischen) Jugend von Kanako.

© Nippon Connection 2015

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Die Geschichte um Kanako fordert, erschreckt, fasziniert – und vermag diese Gefühle zu jeder Sekunde gleichzeitig hervorzurufen. Es wirkt, als habe Tetsuya Nakashima mit einer Bestandsaufnahme der Jugend in seinem Heimatland begonnen, und daraufhin in einem Fiebertraum die „Welt“ erschaffen, die wir jetzt in seinem Film erfahren. „World of Kanako“ ist definitiv einer der interessantesten Beiträge des „Nippon Connection“-Festivals, der hoffentlich bald ein größeres Publikum findet.

Autor: Roman Widera

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