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The Walk (2015) Review

© Sony Pictures

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Ein Drahtseilakt. Heute gibt es keine billigen Wortspiele. Versprochen. Auch keine Wortakrobatik. Okay, das lassen wir gerade noch so durchgehen. Ihr merkt vielleicht schon, ich versuche eure Aufmerksamkeit auf die Themen Drahtseil und Akrobatik zu lenken. Das gelingt mir allerdings nicht so gut wie Robert Zemeckis oder Philippe Petit.

„The Walk“ – der neue Film von Regielegende Robert Zemeckis mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle fokussiert nämlich genau dies. Und noch einiges mehr. Es ist die Geschichte von Philippe, einem Artisten, der seine Leidenschaft für das Seil im Alter von acht Jahren gefunden hat. Seitdem hat er eine Virtuosität im Umgang mit seinem Körper entwickelt, die selbst in den langsamen Expositionsszenen beeindruckend wirkt.

Der Film balanciert zwischen versucht einen Ausgleich zwischen bildgewaltiger Action und sensibler Charakterzeichnung zu finden. Dabei ist das Timing erschreckend gut. Die Exposition ist langsam erzählt. Beinahe zäh. Der junge Philippe ist zwar als Straßenkünstler recht quirlig, aber es braucht ihn dennoch in doppelter – beinahe schizophrener – Ausführung, nämlich als außenstehenden Kommentator, um die Geschichte in Schwung zu bringen. Der Off-Erzähler, der zuweilen auch auf der Freiheitsstatue herumtänzelt und so ins On kommt, ist eines der größten Mankos der ersten beiden Akte. Er wirkt sperrig und mehr als mechanisches Konstrukt, der als Mentor für sich selbst fungiert, als eine organische Ergänzung der Erzählung. Schade: Die Szenen, wenn die Erzählfigur Philippe auf der Freiheitsstatue über eine vorangegangene Szene resumiert, scheinen redundant. Wie auch anders? Denn er wiederholt ausschließlich, was der Zuschauer gerade gesehen hat. Den Schwung, den dieser Kunstgriff generiert, wird also direkt wieder herausgenommen. Warum ist das Timing dann also so gut? Weil diese stockende und zähe Erzählweise eine erstaunliche Klimax entfaltet. Doch ein Schritt nach dem anderen…

Philippes größter Traum manifestiert sich schon früh in der Geschichte: Er will zwischen den Türmen des World Trade Centers wandeln. Kein Trick. Keine verspielte Illusion. Nein. Er will ein Drahtseil zwischen den Zwillingstürmen spannen und darüber balancieren. Dieses Ziel, diese oft als grandiose Idiotie dargestellte Obsession von Philippe trägt die gesamte Story. Und um diese Obsession geht es. Im Grunde ist es ein einfaches Schema: Vorbereitung, Mentoring, Unterstützung, Gegner, Rückschlag und schließlich das Finale. Nichts Besonderes, wenn wir nur die Struktur betrachten wollen. Und auch nichts Spektakuläres, wenn wir die Nebenfiguren analysieren. Flache Charaktere, ohne viel Witz oder Antrieb. Keiner neben Philippe brennt derart für dieses Vorhaben wie er. Und trotzdem riskiert jeder seiner Komplizen eine Menge für diesen Coup, denn eine Seilkonstruktion 450 Meter über der Straße zu errichten, ist nicht legal – natürlich nicht. Aber trotzdem interessiert uns das Schicksal der Nebenfiguren nicht. Nicht einmal die schnell erzählte Liebesgeschichte zwischen Phlippe und seiner Muse Annie berührt uns wirklich. Das Ensemble wirkt trocken. Mit künstlicher Euphorie beseelt.

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Also: Gibt es dann überhaupt etwas, was diesen Film besonders macht? Ja. Und das in vollkommenem Maße! Die Figur des Philippe selbst. Selten wurde nämlich eine derart moderne und exzellent geschriebene Charakterzeichnung dem Zuschauer offenbart. Es ist die organische Vermählung zwischen dem Innersten der Figur und dem äußeren Konflikt – dem Plot. Philippes Obsession, die er auf etlichen Ebenen auslebt, fokussiert nur einen Punkt: The Walk. Den Gang über die Schlucht des World Trade Center. Eine Obsession, die ihm das Leben kosten kann. Doch davon will er nichts hören. Das Wort “Tod” streicht er aus seinem Vokabular. Er verschreibt sich nur dieser einen Sache. Und verlangt das von jedem anderen an seiner Seite ebenso. Natürlich kann diesen Anspruch niemand halten. Neben einem Charakter wie Philippe sieht eben jeder andere paralysiert und träge aus. Denn Philippe lässt sich durch nichts aufhalten. Der erste und zweite Akt arbeiten nur auf diese eine Sequenz hin. Die Sequenz, die den Gipfel in Philippes Leben in atemberaubende Bilder einfängt. Er wandelt. Bilder, die der Zuschauer kaum ertragen kann. Schweiß. Die Hände werden feucht. Die Beine unruhig.

Hat nun also das trockene Ensemble eine Daseinsberechtigung? Ja, denn es verdeutlicht Philippes Entschlossenheit zu diesem tollkühnen Unterfangen. Es stellt ihn als ein Unikat heraus, das umgeben von scheinbaren Individuen ist, die allesamt nicht verstehen können – selbst wenn sie wollen – was Philippe wirklich zu erreichen versucht: Freiheit. Es ist der Sieg über die Ketten der Natur. Der Sieg über die eigenen Ketten. Sich über seine Ängste und sich selbst hinwegsetzen zu können. Nicht weil er zwischen zwei berühmten Gebäuden eine artistische Vorstellung abliefert. Sondern weil er das Unmögliche versucht. Das, was niemand wagen würde. Was jeder für wahnsinnig hält.

Hat die langsame Exposition und die allseits bekannte Struktur einen Zweck erfüllt? Ebenfalls ja. Wie auch anders sollte solch eine Klimax eingeleitet werden, wenn nicht mit einer geduldigen Ruhe. Und hat vielleicht sogar der verhasste Off-Erzähler hier seinen Platz rechtfertigen können? Auch das gelang ihm, indem er die wahnwitzigen Geister symbolisiert, die in Philippe toben. Es ist im Grunde kein Erzähler oder eine Dopplung von Philippe, sondern ein eigenständiger Aspekt seines Charakters. Eine Facette, die vielleicht nicht einmal er selbst kennt.

Es ist also die Geschichte eines Menschen, der seinen Traum von Freiheit auf eine atemberaubende Weise gelebt hat. Und es ist eine Liebesgeschichte. Nicht zwischen Philippe und Annie, sondern zwischen Philippe und den beiden Türmen des World Trade Centers. Niemand hat es gewagt, auf die gleiche Idee wie Philippe zu kommen. Und niemand wird jemals mehr auf diese Idee kommen können. Ohne überschwänglichen Patriotismus und ohne viel politisches Gehampel wird uns hier ein allzu menschlicher Bezug zu diesem Bauwerk erzählt. Wie wird Philippe dieses Gebäude wohl empfunden haben? Als Gegner? Freund? In jedem Fall hat er durch dieses leblose Bauwerk den Schritt in ein neues Leben begonnen.

Autor: David Daubitz

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