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#Zeitgeist (2014) Review

© Paramount

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„From this distant vantage point, the Earth might not seem of any particular interest. But for us, it’s different.“*

Ein Film mit dem Titel „Men, Women and Children“ scheint große Themen zu behandeln, denn irgendwie bindet er sämtliche Menschen dieser Erde mit ein. Männer, Frauen, Kinder, alle sind offenkundig ein Bestandteil dessen, was dieses Werk uns zu erzählen hat. Nur unter welchem Gesichtspunkt? Wo liegt die Gemeinsamkeit? Dafür lohnt ein Blick auf den deutschen Verleihtitel: „#Zeitgeist“. In ihrer Kombination ergeben diese beiden Titel exakt, worauf sich der neue Film von Jason Reitman bezieht: Wir sind alle gemeint; der aktuelle Zeitgeist, der jeden Menschen betrifft, weil er durch jeden Menschen geformt wird, steht auf dem Prüfstand. Und schließlich die Raute „#“. Ein Hashtag, also eine Möglichkeit, innerhalb eines sozialen Netzwerkes die Suche nach bestimmten Schlagworten zu erleichtern. Zusammen addiert sich dies zu einem Konsortium menschlicher Befindlichkeiten im Angesicht der zunehmenden Digitalisierung unserer Welt und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Mentalität. Der Regisseur, der es schon mit „Thank you for Smoking“ (2005) und „Juno“ (2007) schaffte, eine ernstzunehmende Thematik filmisch leichtfüßig darzustellen, liefert mit „#Zeitgeist“ ein Werk ab, welches diese Gratwanderung ebenfalls perfekt meistert, auf Vorzüge wie Probleme des digitalen Zeitalters gleichermaßen hinweist, dabei jedoch keinen mahnenden Zeigefinger hebt, sondern uns auf spielerische und zurückhaltende Weise einen brillant durchdachten Spiegel unserer Lebensweise vorhält.

„#Zeitgeist“ verfolgt verschiedene Handlungsstränge, die sich immer wieder kreuzen. Da wäre zunächst Tim Mooney (Ansel Elgort), welcher aus Trauer über das Auseinanderfallen seiner Familie das schulische Football-Team verlassen hat und sich tagein, tagaus in misanthropischen Gedankengängen ergeht. Hoffnung gibt ihm eine zart aufkeimende Romanze zu Brandy (Kaitlyn Dever), die ebenso wie Tim eher introvertiert ist. Ihre Mutter Patricia (Jennifer Garner) macht ihr dabei das Leben schwer, ist sie doch in Bezug auf das Leben ihrer Tochter übervorsichtig und überwacht deren sämtliche digitale Kommunikation. Ganz in diesem Sinne gibt sie Gesprächskreise, um über die angeblichen Gefahren des Internets aufzuklären. Teilnehmer ist auch Tims Vater (Dean Norris), der mit seinem Sohn überfordert ist und sich dort mit Joan Clint (Judy Greer) anfreundet, die das Internet hingegen unterschätzt und ihrer fünfzehnjährigen Tochter Hannah (Olivia Crocicchia) zu einer Schauspielkarriere verhelfen will, weswegen sie ihr eine Model-Seite mit freizügigen Fotos aufgebaut hat. Hannah wiederum hat Interesse an Chris (Travis Trope), welchen jedoch aufgrund eines gesteigerten Porno-Konsums sexuelle Frustrationsängste prägen. Sein Vater Don (Adam Sandler) und seine Mutter Helen (Rosemarie DeWitt) betrügen einander über das gleiche Dating-Portal, um einer vermeintlich zunehmenden Leere im Leben entgegenzuwirken. Hannahs Freundin Allison (Elena Kampouris) schließlich ist magersüchtig und hat sich in den klassischen Football-Douchebag Brandon (Will Peltz) verliebt, was zu einer zwingenden Enttäuschung führen muss…

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„Consider again that dot. That’s here. That’s home. That’s us. On it everyone you love, everyone you know, everyone you ever heard of, every human being who ever was, lived out their lives.”*

Wie sich der Inhaltsangabe bereits entnehmen lässt, besitzt „#Zeitgeist” weniger eine klassische Handlung als vielmehr den Charakter einer Collage, welche die Auswirkungen des digitalen Lebensgefühls an verschiedenen Beispielen durchspielt. Durch die Vernetzung der einzelnen Charaktere beeinflusst jede Aktion eines einzelnen Protagonisten auch immer einen anderen Zusammenhang, was sich nach und nach hochschaukelt. So kommt es etwa zwanzig Minuten vor dem Ende simultan in jedem Handlungsstrang zur Eskalation, welche teils mehr, teils weniger gelöst werden kann. Dieser dramaturgisch geschickte Kniff erlaubt es dem Regisseur, sein Beziehungsgeflecht in Ruhe zu entwickeln, die Figuren in all ihren Facetten kennenzulernen und dem Zuschauer ein genaues Bild der dargebotenen Welt zu zeichnen.

Jason Reitman erweist sich dabei als akkurater Betrachter des aktuellen, nun ja, Zeitgeistes und findet eine grandios-ausdrucksstarke Bildsprache, um die damit einhergehenden Lebensgewohnheiten zu veranschaulichen. Da wäre zum Beispiel die Szene, in welcher Ansel Elgort gedankenverloren durch die High School läuft und er dabei der einzige ist, welcher kein Smartphone in der Hand hat. Über dem Kopf aller anderen Personen lässt Reitman digitale Bruchstücke erscheinen, die zeigen, was der- oder diejenige gerade macht: SMS schreiben, bei Facebook den Status updaten, eine Kurznachricht bei Twitter posten, Google benutzen etc. Dieses eine Bild reicht, um die schiere Menge der ausgetauschten Daten zu veranschaulichen und die Entfremdung der einzelnen Menschen untereinander deutlich zu machen. Diesem Stilmittel bleibt Reitman den ganzen Film hinweg treu, beispielsweise bekommt der Zuschauer stets SMS oder What’s-App-Mitteilungen eingeblendet, wenn irgendjemand sein Handy benutzt. Wenn sich drei Freundinnen unterhalten und ihr Trialog durch den gegenteiligen SMS-Verkehr von zweien von ihnen konterkariert wird, die über die dritte herziehen, was natürlich nur der Zuschauer mitbekommt, sind teils tragikomische Rückkopplungen möglich, ebenso, wenn beim Surfen im Internet ein Teil der Leinwand stets zum Browser wird, was es ermöglicht, sowohl zu erkennen, was dort gerade getrieben wird als auch die Reaktion desjenigen, der es treibt: Wenn Adam Sandler mit einer ans Unnormale grenzenden Normalität auf einer Escort-Website seine Anforderungen an eine potenzielle Frau eingibt und man sowohl diesen Vorgang als auch seine Reaktionen betrachten kann, wirft das unweigerlich die Frage auf, wie sehr das Internet unsere Wünsche wirklich erfüllt, wie sehr es lediglich vorgibt, dies zu tun und wie die Kombination aus beidem zu einer massiven Distanzierung von Individuen beiträgt.

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„The aggregate of our joy and suffering, thousands of confident religions, ideologies, and economic doctrines, every hunter and forager, every hero and coward, every creator and destroyer of civilization, every king and peasant, every young couple in love…”*

„#Zeitgeist” macht auch auf den Bruch zwischen den Generationen aufmerksam, dass vieles, was als Gefahr wahrgenommen wird, häufig auf Unwissenheit einer Konfliktpartei basiert und sich umgekehrt viele reale Gefahren durch einen konstruktiven Dialog aus der Welt schaffen ließen. So ist der Ansatz von Jennifer Garner als Privat-NSA, die sogar einen GPS-Chip in das Handy ihrer Tochter eingebaut hat, um sie jederzeit orten zu können, die in Computerspielen sofort potenziell gefahrenträchtige Parallelwelten sieht und sich abends auf dem Sofa den ausgedruckten Tages-Chatverlauf ihrer Tochter zu Gemüte führt, ebenso unbeholfen und kritisch zu betrachten wie der von Judy Greer, welche im naiven Glauben einer positiven Außenwirkung per Foto-Page bei der aktiven Sexualisierung ihrer minderjährigen Tochter mithilft. Während die eine in einem Anfall von übertriebener Vorsicht die Eigenständigkeit ihres Kindes nicht akzeptieren kann und es nicht ins Leben ziehen lassen will, versucht die andere, ihre eigene misslungene Schauspielkarriere nun anhand ihrer Tochter stellvertretend auszuagieren. In beiden Fällen resultiert der Konflikt aus Schwierigkeiten in der Erziehung und dem Unverständnis der Elterngeneration, sich sowohl mit dem Internet als auch mit den Befindlichkeiten ihrer Kinder auseinanderzusetzen. In der Hilflosigkeit der Älteren wird die Problematik auf externe Faktoren ausgelagert, statt die Ursache zumindest in Teilen bei sich selbst zu suchen. Das Problem ist nicht nur das Internet, das Problem ist ebenso eine Generation, welche das Digitale nicht versteht und es deshalb ablehnt, anstatt sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die „wir müssen unsere Kinder vor sich selbst schützen“-Mentalität auch auf staatlicher Seite vorhanden ist, Stichwort NSA-Affäre. Man muss nur „Kinder“ durch „Bürger“ austauschen.

Vor- wie Nachteile des gezeigten Lebensstils werden in „#Zeitgeist“ schlicht porträtiert, der Film enthält sich eines dominanten Kommentars. Alle Beteiligten werden einer humorvoll-subversiven Kritik ausgesetzt, die emotionale Leere, die mit unbedeutenden Facebook-Posts einhergeht, wird visuell präsentiert, aber nicht weiter unnötig auf der Dialogebene ausgeführt, ebenso wie das permanent per Foto festgehaltene Schablonen-Leben oder die Schlägerei, die lieber per Smartphone abgelichtet wird, als dass man eingreift. Es sind solche beiläufig eingestreuten Szenen, die jedoch umso besser wirken, da sie sich jeder Aufdringlichkeit entziehen. Auch die Diskussion um Privatsphäre im Netz wird nicht anhand des alten Hutes Facebook geführt, sondern anhand der Model-Website von Hannah, welche sich nach einiger Zeit beginnt, auf deren wahres Leben auszuwirken. Über den Fokus auf die digitale Parallelwelt mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten wird schnell vergessen, dass im Leben nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können und dass sich ein ganz anderer Weg des Daseins eröffnet, wenn zwischenmenschliche Kommunikation auch mal ohne digitales Interface stattfindet, welches das mentale Vakuum trotz anderslautender Versprechen nur vergrößert anstatt es zu minimieren.

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„…every mother and father, hopeful child, inventor and explorer, every teacher of morals, every corrupt politician, every ‘superstar’, every ‘supreme leader’, every saint and sinner in the history of our species lived there – on a mote of dust suspended in a sunbeam.”’*

„#Zeitgeist“ ist ein emphatisches Porträt einer Gesellschaft, die das Wirkliche über das Virtuelle vielleicht nicht vergessen, jedoch zumindest verdrängt hat. Es ist der Klasse eines Regisseurs wie Jason Reitman zu verdanken, dass er dieses Thema nicht mit dem moralischen Vorschlaghammer behandelt, sondern durchaus mit (wenn auch zurückhaltendem) Humor an den Gegenstand herangeht, dessen ernsthaftes Fundament dabei jedoch nicht vernachlässigt und seinen Filmtitel in beiden Sprachen charmant und gleichzeitig nachdenklich auf den Punkt bringt. #zehnvonzehn 10/10

Autor: Jakob Larisch

*alle Zitate aus: Sagan, Carl (1994). Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space. New York: Random House

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