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X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014) Review

Jetzt also Zeitreisen. Ein gewisser Einfallsreichtum lässt sich den Verantwortlichen von 20th-Century-Fox bei der Gestaltung des X-Men-Universums durchaus attestieren. Auf die aus „X-Men“ (2000), „X-Men 2“ (2003) und „X-Men: Der letzte Widerstand“ (2006) bestehende Ur-Trilogie folgten mit „X-Men Origins: Wolverine“ (2009) und „X-Men: Erste Entscheidung“ (2011) zwei Prequels, welche jedoch in einem komplett unterschiedlichen Kontext situiert waren, woraufhin mit „Wolverine: Weg des Kriegers“ (2013) schließlich die eingangs erwähnte Trilogie wieder fortgeführt wurde. In Zeiten, in denen die Konkurrenz der Marvel Studios auf innovative sowie künstlerisch und kommerziell erfolgreiche Weise den Ausbau ihres eigenen Franchises entschlossen vorantreibt, gerät man nun anscheinend leicht unter einen gewissen kreativen Handlungszwang. So entstand die Idee zu etwas, das Regisseur Bryan Singer einst als „Inbetwequel“ bezeichnete: Man verbindet durch einen Zeitreiseplot einfach die beiden zeitlichen Ebenen des Universums und schafft somit einen Film, der zwischen („in between“) den Welten steht. Das kann leicht in die Hose gehen. Kann es. Tut es aber nicht. Denn Bryan Singer gelingt mit „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ nicht nur der bislang stärkste X-Men-Film, sondern zugleich einer der brillantesten und durchdachtesten Blockbuster der letzten Zeit.

In einer dystopischen Zukunft verfolgen gigantische Roboter, „Sentinels“ genannt, gnadenlos Mutanten und alle Menschen, die ihnen helfen. Professor Charles Xavier (Patrick Stewart) und Magneto (Ian McKellen), einstige Feinde, schmieden mit einer Gruppe von X-Men den Plan, durch die Fähigkeiten von Kitty Pride (Ellen Page) einen Mutanten zurück in die Vergangenheit zu schicken und dort das von Mystique (Jennifer Lawrence) verübte Attentat auf den Sentinel-Entwickler Bolivar Trask (Peter Dinklage) zu verhindern, welches über Umwege erst dafür sorgte, dass die Sentinels zu derart hochentwickelten Maschinen wurden. Die Wahl fällt auf Wolverine (Hugh Jackman), da dieser aufgrund seiner Selbstheilungskräfte die Reise als einziger überstehen kann. Er lässt somit sein Bewusstsein in seinen Körper des Jahres 1973 zurückversetzen und macht sich auf die Suche nach dem jungen Charles Xavier (James McAvoy). Mit der Hilfe von Hank „Beast“ McCoy (Nicholas Hoult) und dem Mutanten Quicksilver (Evan Peters) befreien sie den jungen Magneto (Michael Fassbender) aus einem Hochsicherheitsgefängnis und versuchen, Mystique zu stoppen…

Jede Comic-Schmiede hat ihren eigenen Weg, Franchises zu bauen. Die Marvel Studios lassen ihre Helden in Einzelfilmen zunächst Solo-Abenteuer bestehen, um sie anschließend in regelmäßigen Gruppenzusammenkünften zu vereinen. Die Konkurrenz von DC Comics geht einen anderen Weg, indem sie nach „Man of Steel“ (2013) in zwei Jahren zunächst Batman, Superman und Wonder Woman aufeinander treffen lässt, um so die „Justice League“ vorzubereiten und danach vermutlich Einzelfilme hinterherzuschieben. Sony hingegen baut zunächst eine Spider-Man-Reihe auf, um davon ausgehend diverse Spin-Offs zu produzieren. 20th-Century-Fox zu guter Letzt war seit „X-Men Origins: Wolverine“ zweigleisig gefahren und hatte auf eine Sequel- sowie eine Prequel-Strategie gesetzt. Mit der Verbindung dieser beiden Ebenen in „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ wagen sie nun ein neues und durchaus innovatives Konzept, welches X-Men-Mastermind Bryan Singer zudem die Chance gibt, bislang bestehende Ungereimtheiten des Universums auszuräumen. Ein ambitioniertes Projekt, welches in Zeiten der allerorten tollkühne Formen annehmenden Franchisebildung jedoch perfekt aufgeht.

Und das zu großen Teilen aufgrund des grandios durchkomponierten Drehbuchs. Zwar sagt Bruce Willis in „Looper“ (2012) zu Joseph Gordon-Levitt: „I don’t want to talk about time travel“ und in der Tat lassen sich bei vielen Zeitreisefilmen im Nachhinein Logiklücken oder Handlungslöcher finden. Doch in „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ wird diese Problematik elegant und vor allem kohärent gelöst. Der Film vermeidet unnötige Sprünge zwischen den Ebenen und fokussiert sich vor allem auf Wolverine im Jahre 1973. Die alte Garde um Patrick Stewart, Ian McKellen und Halle Berry fungiert dabei als graue Eminenz im Hintergrund, sie müssen in erster Linie darauf achten, dass Kitty Pride nichts zustößt und dafür im Laufe der Handlung einen Sentinel-Angriff abwehren. Hilfe erhalten sie dabei von neuen Gesichtern, welche zu Beginn des Films eine eigene Action-Sequenz spendiert bekommen, um danach etwas in den Hintergrund zu treten. Bishop (Omar Sy), Blink (Fan Bingbing) und Warpath (Booboo Stewart) dürfen in den visuell beeindruckenden ersten zehn Minuten gemeinsam mit den bereits bekannten Iceman (Shwan Ashmore) und Colossus (Daniel Cudmore) eine Horde Sentinels bekämpfen und dabei vollumfänglich ihre Kräfte demonstrieren. Insbesondere die Fähigkeit von Blink, welche in der Lage ist, Portale zwischen zwei geografisch nicht benachbarten Arealen aufzubauen, ist dabei ein wahrer Augenschmaus.

Auf der Ebene der Vergangenheit entfaltet sich schließlich die volle Wucht der Story. Denn man muss nicht Charles Xavier heißen, um zu wissen, dass es nicht damit getan sein wird, Mystiques Attentat auf Bolivat Trask zu verhindern. Zunächst muss sich Wolverine in den für ihn zwar bekannten, aber dennoch ungewohnten 1970er-Jahren zurechtfinden, die von Bryan Singer mit ein paar netten Gimmicks als solche visuell kenntlich gemacht werden. Er muss den jungen Charles finden, der nach den Ereignissen in „X-Men: Erste Entscheidung“ durch ein Serum von Hank McCoy zwar wieder laufen kann, dafür jedoch seine Mutanten-Fähigkeiten verloren hat. Magneto muss befreit werden, da dieser für den Mord an John F. Kennedy verantwortlich gemacht wurde und daher in einem Gefängnis viele hundert Meter unter dem Pentagon schmort, was in einer Ausbruchssequenz mündet, die speziell dank Quicksilver zu den Highlights des Films gehört. Als schließlich Mystique die Bildfläche betritt, kommt es zu Komplikationen, die weit über ihr Attentat hinausreichen und in einem epischen Finale münden, in welchem die verschiedenen Erzählstränge kongenial miteinander verschmelzen.

Kein X-Men-Film kommt ohne Action aus, diese ist in „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ jedoch wohldosiert eingesetzt und verkommt nie zum Selbstzweck. Dafür ist die Story schlichtweg zu stark, weswegen es sich bei einem Werk dieses Kalibers definitiv bezahlt macht, den filmischen Urvater der X-Men erneut auf dem Regiestuhl Platz nehmen zu lassen. Bryan Singer schafft es, Narration und Ästhetik auf höchster Ebene miteinander interagieren zu lassen, so dass sich von den realen historische Bezügen über die Gags bis hin zu einem unaufdringlichen, einen gewissen Kollektivgedanken kritisierenden Subtext alle Dinge perfekt in das Erzählkonstrukt eingliedern.

An diesem Film stimmt somit einfach alles. „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ ist ein intelligenter Blockbuster, der den Balanceakt zwischen Anspruch und Entertainment mustergültig meistert. Nicht zuletzt da Bryan Singer bereits den Regieposten für „X-Men: Apocalypse“ (geplant für 2016) innehat, bleibt zu hoffen, dass die Mutanten-Garde auf diesem Niveau weitermachen darf. So muss Kino sein, so müssen Filme sein. Eine 10/10 in jedem Sinne!

Autor: Jakob Larisch

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