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X-Men: Apocalypse (2016) Review

© 20th Century Fox

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Wird dieses Jahr „viel“ tatsächlich „zu viel“? Den Einstieg machte Reynolds R-Rated-Ausreißer „Deadpool“, dann erst vor kurzem „Batman v Superman“, zudem noch gerade frisch im Gedächtnis der Bürgerkrieg der Marvel-Helden und nun also schon (wieder) ein Gruppenfoto der X-Men vor der drohenden Apokalypse? Es blüht der Mai und die Comic-Verfilmungen donnern uns weiter um die Ohren, auch der Herbst wird mit Marvels „Doctor Strange“ und den DC-Schurken des „Suicide Squad“ kaum Raum für Erholung auf den Leinwänden bieten. Und wo der Erfolg steht, da kommen natürlich die Unkenrufe; ob all diese Helden und Schurken, Mutanten und Götter, Bat- und Eisenmänner dem geneigten Kinozuschauer nicht bald zum Halse raushängen sollten/könnten/müssten und die Box-Office-Milliarden verblassen lassen. Wie bei jeder Katastrophe gibt es hinterher immer einen, der sie hat kommen sehen. Dieser Jemand wird sich allerdings woanders finden müssen, denn fest steht für mich, dass die Übersättigung wohl völlig unabhängig von der Qualität des aufgetischten Essens erreicht werden dürfte – dieses Jahr servierte uns Hollywood bereits schmackhafte Schlachtplatten ala „Civil War“ und nette Aperitifs wie „Deadpool“ aber auch schwer zu verdauende Kost wie „Batman v Superman“. Wenn uns nun also im neuesten „X-Men“ die Apokalypse droht, voll neuer Figuren, weiter gedachter Handlungsstränge und wieder viel Krawall, sagt dies über den tatsächlichen Tellerinhalt unter der Haube erstmal wenig aus – kann aber auch nicht gegen das Gefühl im Magen ankämpfen, dass man mit viel weniger Hunger am Tisch sitzt, als man vielleicht hätte mitbringen müssen.

Denn reich gedeckt ist die Tafel im Jahr 1983 alle Mal. Rund ein Jahrzehnt nach dem letzten großen Zusammentreffen zwischen Mutanten und Menschheit hat sich im Großen viel getan, während im Kleinen alles beim Alten geblieben ist. Obwohl Charles Xavier (James McAvoy) zusammen mit Lehrer Hank „Beast“ McCoy (Nicholas Hoult) am „Xavier Institut“ nicht nur Schüler wie die junge Jean Grey (Sophie Turner) oder Scott Summers (Tye Sheridan) unterrichtet sondern auch große Schritte für die Versöhnung zwischen den Spezies tut, lebt die Angst beim kleinen Mann weiter. Und wo Angst in Hass umschlägt, da ist offene Gewalt gegen oder Missbrauch an Mutanten nicht weit. Ebenso wenig die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence). Mithilfe eines Untergrundnetzwerks versucht diese, Mutanten aus allen Teilen der Welt in sichere Gefilde zu schleusen. Währenddessen scheint ihr Mentor und Idol, Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), seiner magnetischen Macht und dem Hass auf die Menschheit abgeschworen zu haben, versteckt sich dieser doch in einem neuen Leben im provinziellen Polen. Die wenigsten Konflikte sind also wirklich beigelegt, schlummern meistens und brodeln in manchen Fällen sogar offen vor sich hin, als eine neue Bedrohung auf den Plan tritt – die nicht nur den Frieden zwischen Menschen und Mutanten sondern das Leben aller auf der Erde gefährdet. Der erste Mutant Apocalypse (Oscar Isaac) ist aus einem Jahrtausende andauernden Schlaf erwacht und will mit gottgleichen Fähigkeiten den blauen Planeten nach seiner Vorstellung umgestalten. Und in seiner Vision ist weder für die meisten Menschen noch Mutanten ein Platz vorgesehen.

© 20th Century Fox

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Inszenieren darf diesen Weltuntergang wie beim direkten Vorgänger „X-Men: Days of Future Past“ wieder X-Men-Urgestein Bryan Singer und auch auf der Autorenseite hat sich mit Produzent/Writer Simon Kinberg wenig getan. Zusammen also mit einem zwar großen, aber auch angestammten Cast voller altbekannter Gesichter wie McAvoy, Fassbender, Hoult oder Lawrence sollten also genug Schachfiguren versammelt sein, um eine gute Partie zu spielen. Besonders da Singer es in den vorherigen Teilen stets verstand, effektvolle Action mit ordentlichen Charaktermomenten zu jonglieren, ohne das herzige Popcorn-Erlebnis auf der Strecke zu lassen. Doch wo der Regisseur all diese Qualitäten in „Days of Future Past“ noch zu versammeln wusste, wenn auch bis zum Zerreißen gestreckt (schließlich war die Aufgabe keine geringere, als zwei X-Men-Universen zusammen zu führen), sprengt „Apocalypse“ dieses Mal den Rahmen. Und nicht im Sinne eines Style-over-Substance, dass hier vielleicht mal die Figuren zu kurz kommen, dafür aber Gewaltiges fürs Auge geboten wird – nein, den X-Men in der Apokalypse fehlt schlicht der Fokus auf die interessanteren Erzählstränge, kombiniert mit eher drögen Neuauftritten. Gegen dieses Ausfasern können auch der starke Beginn, sehr gute Special Effects und eine wieder großartige Quicksilver-Slow-Motion-Szene nur wenig ausrichten.

Denn wo Singer anfangs noch gewaltig Stimmung zu transportieren weiß, sei es eine monumentale Eingangssequenz im alten Ägypten inklusive Revolte gegen „den falschen Gott“ Apocalypse, ein als rasante Reise durch die menschliche Historie verpackter Vorspann oder auch der Einstieg in den Status Quo aller Beteiligten, so wird ebenso schnell deutlich, dass der Film zu viele Töne in zu kurzer Laufzeit anschlägt. Die Diener des schurkischen Ägypters, alte Bekannte aus dem Mutantenkosmos, wenn auch in neuer Form/Besetzung, bekommen gleichzeitig zu viel und zu wenig Leinwandzeit. Zu viel dafür, dass sie zum großen Finale hin sowieso nicht zu mehr als den obligatorischen Handlangern taugen sollen, mit denen sich die X-Men dann eher müde kabbeln dürfen; zu wenig, um angeschnittene Motivationen wirklich auserzählen zu können oder überhaupt zu wollen. Auch auf der Heldenseite sieht es hier nicht besser aus. Die Neuzugänge, obwohl mit Tye Sheridan als späterem X-Men Anführer Cyclops oder Kodi Smit-McPhee als Teleporter Nightcrawler gut besetzt, bekommen kaum Möglichkeiten, hervorzustechen und lassen dadurch erst recht einen besseren Fokus auf alle anderen Beteiligten vermissen. Im Falle von Sophie „Sansa Stark“ Turner als junge Version der mächtigen Telepathin Jean Grey stellt sich eine auf dem Papier tolle Wahl sogar als ziemlicher Rohrkrepierer heraus. Turner schafft es mit unterkühltem und eindimensionalem Schauspiel nicht, ihrer Figur Tiefe zu verleihen, was ebenfalls im Finale negativ zum Tragen kommt, wenn sich alle Steine ins Puzzle einfügen sollen. Mit wenig ausdefinierten Schurken auf der einen und einem nicht minder langweiligen Heldentrupp auf der anderen Seite droht das ausgedehnte Finale also zur langweiligen Materialschlacht zu werden. Hier kann auch trotz ordentlich Leinwandzeit ein Garant wie Oscar Isaac als Antagonist nur wenig erreichen und seinen Apocalypse kaum zu mehr als „Bösewicht A“ werden lassen – der Pharaonengott erinnert stark an Lee Paces „Ronan the Accuser“ in „Guardians of the Galaxy“; ein Bösewicht der Marke „okay“, der von einem vortrefflichen Heldenteam als Gegner profitiert. Nur in diesem Fall eben ohne die spaßige Heldentruppe zum Bekämpfen.

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Hier wäre es also erneut an der ambivalenten Freundschaft zwischen Professor Charles Xavier und Magneto, die Geschichte aus dem Mittelmaß heraus zu hieven. Fassbender und McAvoy bilden auch wieder das Highlight, wenn auch leider nicht das Zentrum des filmischen Geschehens. Gerade Fassbender bekommt erneut alle Möglichkeiten als eigentlich seelensguter Mutant mit furchtbaren Erfahrungen, jede Szene an sich zu reißen und zeigt dadurch besonders deutlich, dass ein „Civil War“-Ansatz wohl auch für „Apocalypse“ gut gewesen wäre und dass das große Drama auch zwischen den Figuren und in den ruhigeren Szenen gesteckt hätte, statt es mit großen Effekten und bedeutungsschwangeren Parolen zu beschwören. Es ist daher sehr bezeichnend für „Apocalypse“, das es diesmal kaum Momente gibt wo Charles Xavier und Eric Lensherr tatsächlich aufeinandertreffen, miteinander streiten und voneinander profitieren könnten. Wo in „Days of Future Past“ ein Streitgespräch zwischen den beiden während eines simplen Fluges einiges an Schwere mitbringen konnte, schafft es ihr dritter Film des Franchises in seiner gesamten Laufzeit nicht, eine ähnliche Reaktion beim Zuschauer hervorzurufen.

Ist „X-Men: Apocalypse“ damit also misslungenes Popcorn-Kino? Sicher nicht, wer für Spektakel, Effekte und einen intensiven (wenn auch völlig überflüssigen und weiter aufblähenden) Wolverine-Auftritt ins Lichtspielhaus eilt, sollte genug Rumms und Wumms finden, um den Eintrittpreis nicht zu bereuen. Schließlich wartet zur Mitte des Films mit einer erneut grandiosen Quicksilver-Einlage (diesmal werden in Ultra-Zeitlupe Menschen vor einer Explosion gerettet und all das zum groovigen „Sweet Dreams“ der Eurythmics) ein inszenatorisches Highlight, dass sich dank der Detailfülle wieder ein dutzend Mal anschauen lassen wird. All diese guten Versatzstücke können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neueste X-Men-Film ein absolutes Kind seiner Zeit ist, das keine neuen Lösungen für inzwischen bekannte Probleme mitbringt. In einer Zeit, wo technisch jedes Spektakel möglich, aber auch schnell ermüdend ist, verlässt sich der Film zu sehr auf Effekte und zu wenig auf den guten Cast und ausdefinierte Figuren. Und wo er das versucht, wird er schnell unkonzentriert und schlicht zu voll. „X-Men: Apocalypse“ ist sicher nicht der erste Sünder des Blockbuster-Kinos in diesem Bereich und höchstwahrscheinlich auch nicht der letzte, wirkt aber im Vergleich zu einem „Civil War“ vor gerade mal einem Monat, der mit weniger deutlich mehr erreichte, jetzt schon antiquiert. Und damit mehr wie eine Böe dieses Jahres und weniger wie gelungenes Kino zum immer und immer wieder schauen.

Autor: Simon Traschinsky

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