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WSM-Disney-Themenwochen: Poor Unfortunate Souls – Disneys Bösewichte

© wirsindmovies.com

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Die Welt liebt Bösewichte.

Gleich schreien alle auf: „Nein, wir wollen nichts Böses auf der Welt! Böses schafft Leiden und Krieg.“ Und doch sind Anti-Helden und komplexe Bösewichte DAS Erfolgskonzept der Pop-Kultur in den letzten Jahren, der letzten Jahrtausende, um genauer zu sein. Wie Rüdiger Safranski in seinem Buch „Das Böse oder das Drama der Freiheit“ schreibt: „Das Gesetz verlockt zur Übertretung des Gesetzes.“ Das ist schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte so – denken wir an Adam und Eva und den Apfel. Auch Sartre teilt die Meinung, dass das Böse zum Menschen gehört, wenn er Baudelaire sagen lässt, dass es in jedem Menschen, zu jedem Zeitpunkt zwei gleichwertige Tendenzen gibt: Eine zu Gott und die andere zu Satan. Und noch etwas gehört zum Menschen wie das Gute und das Böse: das Geschichtenerzählen. Und so finden diese elementaren Bestandteile der Menschheit immer wieder zueinander: Wenn wir uns gegenseitig von unserem Tag berichten, wenn wir ein Buch lesen, einen Film schauen oder Musik hören. Das Gute, das Böse, das Geschichtenerzählen.

Jede gute Geschichte braucht ein Hindernis. Etwas muss sich in den Weg des Helden stellen, damit dieser an der Herausforderung wachsen und sein Schicksal erfüllen kann. Von Anfang an – womit wir wieder bei den Ursprungsgeschichten wären – war das beste Hindernis ein Bösewicht. Einer, an dem sich der Held messen kann, der ihn zu seinen Höchstleistungen anspornt und der am Schluss glorreich besiegt wird. Fast niemand erzählte diese klassische Form von Geschichten so gut wie Walt Disney (der übrigens in den Augen von einigen selbst ein bisschen Bösewicht war). Die von Disney kreierten Bösewichte sind heutzutage häufig der Grund, überhaupt einen Disney-Film anzuschauen (vor allem „Dornröschen“… also für die Prinzessin schaltet da niemand ein. Aber für Malefiz? Da sind wir dabei!). Disney weiß genau, was es an seinen Bösewichten hat. So wie es ein Line-Up der offiziellen Prinzessinnen gibt, so gibt es auch ein Sub-Franchise für die Bösewichte. Deren Anführerin? Ganz klar Malefiz. Nicht umsonst wurde die Geschichte der bösen Hexe 2014 mit Angelina Jolie neu erzählt. Der kommerzielle Erfolg mit den Bösewichten boomt.

 © Disney

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„Okay, ich stehe auf Bösewichte. Warum unterhalten wir uns dann da eigentlich drüber?“, mag manch einer sagen. Wir debattieren über unsere Liebe zu den dramatischen, tragischen, faszinierenden, manipulierenden, komplexen, intelligenten, häufig gut gekleideten Bösewichten, weil eine kleine Stimme in unserem Kopf flüstert, dass man Bösewichte „nicht so verdammt cool finden sollte.“ Und auch, weil in jedem von uns ein bisschen Bösewicht steckt. Was wir natürlich alle miteinander nicht wahrhaben wollen. Nach dem Psychologen C. G. Jung gibt es im kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit verschiedene Archetypen. Das sind Rollen, die wir alle aus Märchen, aus unseren Träumen, aber auch in uns selbst kennen. Da gibt es den Helden, den Vater, die große Mutter, aber eben auch den Schatten, den Gestaltenwandler und den Betrüger. Disney spaltet in seinen Geschichten diese Archetypen auf, die ansonsten keinesfalls fest zugeordnet sind, sondern eher „getragen“ werden wie Masken. Disney-Bösewichte übernehmen in den meisten Fällen den Schatten zu gleichen Teilen wie den Gestaltenwandler (was Markus und ich in unserem Podcast schön für euch erläutern, also unbedingt anhören).

Fast alle Disney-Bösewichte folgen einem optischen Code: Sie tragen die Farben Rot, Lila und Schwarz – häufig auch in Kombination. Sie haben hohe, spitze Wangenknochen und sind entweder übertrieben dick (z.B. Ursula in „Arielle, die Meerjungfrau“) oder übertrieben dünn (z.B. Dr. Facilier in „Küss den Frosch“). Sie alle sind selbstsüchtig, eitel, verführerisch und grausam. Und alle müssen sie am Ende bestraft werden für ihr Sein, denn nicht nur werden sie wegen ihrer Verbrechen gerügt, sondern auch wegen ihrer Andersartigkeit. Männliche Bösewichte haben häufig einen weiblichen „Touch“. Die englische Originalversion eines Liedes von Governor Ratliff in „Pocahontas“ macht das ganz besonders deutlich: “It’s not that I’m bitter / But think how they’ll squirm / When they see how I glitter!”. Auch die bereits angesprochene Farbwahl aus Lila, Rot und Schwarz macht die Bösewichte nicht „männlicher“. Weibliche Aspekte bei Männern werden somit zu einem Indikator für Bosheit, wohingegen der Held vor Männlichkeit nur so strotzt. Wie Carina schon in ihrer Kolumne zu Frauenbildern bei Disney dargelegt hat (ganz cooler Shit – reinlesen und auch den Podcast anhören!), übertragen wir diese Rollenbilder in die Realität.

Die weiblichen Bösewichte haben es nicht viel besser: Dominanz, Selbstbewusstsein, ein Streben nach Unabhängigkeit sowie die Ablehnung eines traditionellen Rollenbildes machen Malefiz, Ursula, Cruella de Vil und alle anderen Diven zu Verbrechern, bevor sie überhaupt etwas Böses anstellen. Eine brave Prinzessin zu sein, ist da wesentlich sicherer. Bloß kein Rebell, bloß nicht anders gestrickt sein – dann bekommt man den Prinzen und das „happily ever after“.

Warum lieben wir diese Bösewichte so sehr? Weil sie anders sind, weil sie interessant sind, weil sie Geschichten so verdammt spannend machen und weil letztendlich jeder einen Bösewicht in sich hat – genauso wie einen Helden übrigens. Wir können uns jeden Tag entscheiden, ob wir gute, heldenhafte Entscheidungen treffen oder uns der dunklen Seite der Macht zuwenden. Und so wird Disney auch noch weiterhin jede Menge Geld machen mit seinen bisherigen und auch mit zukünftigen Bösewichten, denn drei Dinge gehören zum Menschsein:

Das Gute, das Böse und das Geschichtenerzählen.

Autorin: Caren Heim

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