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WSM-Disney-Themenwochen: Frauen bei Disney – Vom schüchternen Schneewittchen zur eigenständigen Eiskönigin

© Disney

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Vor ein paar Monaten hat es mich in einen Disney-Shop gezogen. Was ich dort sah: Elsa und Anna aus dem wunderbaren Film „Die Eiskönigin“ (2013). Und zwar überall. Eiskönigin-Tassen, Eiskönigin-Brotdosen, Eiskönigin-Handtücher, Eiskönigin-Malbücher, Eiskönigin-Trinkflaschen, Eiskönigin-Turnbeutel, Eiskönigin-Hausschuhe, Eiskönigin-Puppen, Eiskönigin-Bilderbücher, die hohen Regale bis zum Anschlag vollgestopft. Irgendwo ganz hinten im Laden eine Micky Maus. Zwischen den Regalen und Fächern wuselten unzählige kleine Mädchen herum, viele davon in passende Eiskönigin-Kleidchen gesteckt, mit zappelnden Beinen, unruhigen Fingern und vor Aufregung geröteten Bäckchen. Die beiden Eiskönigin-Schwestern sind bei den Kurzen der absolute Renner. In meiner Kindheit der 1990er-Jahre stellte man sich als kleines Mädchen vor, man sei Arielle oder Belle oder vielleicht noch Mulan. Heute haben Anna und Elsa den Job übernommen, und damit zugleich eine Vorbildfunktion.

George Gerbner stellte bereits in den 1970er-Jahren mit seiner Kultivierungshypothese die Theorie auf, dass wir Dinge, die wir im Fernsehen sehen, automatisch auf die Realität übertragen. Sehen wir in den Nachrichten Bilder von Krieg und Verbrechen, kommt uns die Welt automatisch schlechter vor. Schauen wir übermäßig viele Liebeskomödien, haben wir das Gefühl, die nächste große Liebe wartet nur um die Ecke. Genauso funktioniert das natürlich auch bei Kindern. Kleine Mädchen, die ihre Lieblingsprinzessin im Film sehen, möchten sich nicht nur wie sie anziehen oder sie auf ihrer Brotdose jeden Tag mit in die Schule nehmen – sie möchten sich auch so verhalten. Die Art und Weise, wie Frauen in den Filmen dargestellt werden, prägt ihre Weltanschauung. Das wäre eventuell nicht weiter problematisch, würde der Vorwurf an Disney in der Fachliteratur nicht lauten: Disney behält seit Anfang des 20. Jahrhunderts sein klassisches Rollenbild der Frau bei und passt sich nicht an gesellschaftliche Entwicklungen an. Dieser Vorwurf ist inzwischen teilweise überholt, hat aber durchaus seine Berechtigung.

Das Disney-Franchise „Disney Princess“, das 2000 gegründet wurde und Prinzessinnen-Merchandise vertreibt, hat die offiziellen Disney-Prinzessinnen gekürt. Momentan sind es elf Hauptfiguren aus Animationsfilmen. Mit dabei sind die klassischen Prinzessinnen Schneewittchen, Cinderella und Aurora, sowie die Heldinnen der 90er Jahre – Arielle, Belle, Jasmin, Pocahontas und Mulan. Nachträglich wurden die Protagonistinnen der neuen Filme – Tiana, Rapunzel und Merida – hinzugefügt. Mit Elsa und Anna sollen bald Nummer zwölf und 13 dazukommen. Aber was unterscheidet Disneys erste Prinzessin Schneewittchen von ihren modernen Nachfolgerinnen bzw. was ist gleich geblieben?

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Waren die frühen Prinzessinnen noch gehorsam, bescheiden, unschuldig, fleißig und engelsgleich, zeichnen sie sich seit den 1990er-Jahren auch durch Sportlichkeit, Mut und Abenteuerlust aus. Während Schneewittchen, Cinderella und Aurora noch passiv darauf gewartet haben, dass ihr Prinz kommt und sie rettet (nebenbei wurde die Hausarbeit erledigt), nehmen die moderneren Heldinnen ihr Schicksal lieber selbst in die Hand. Belle rettet ihren Vater vor dem Biest, Jasmin stiehlt sich aus dem Palast, um nicht zur Heirat gezwungen zu werden, und Mulan zieht in den Krieg und besiegt die Hunnen fast im Alleingang. Kam der (stets royale) Jüngling in den frühen Filmen endlich angeritten, genügte nur ein einziger Blick und schon war klar: Das ist der Mann fürs Leben. Man sah sich, verliebte sich und die logische Konsequenz daraus war die sofortige Hochzeit. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Später ließen sich die Heldinnen dafür etwas mehr Zeit, eine Sache blieb jedoch gleich: Zum Happy End gehörte immer ein Mann. Die Botschaft von Disney lautete bis vor kurzem: Erfülle dein Rollenbild der Ehefrau (und im Idealfall auch Mutter), nur so wirst du als Frau deine Erfüllung finden.

Die ersten Disney-Prinzessinnen, bei denen der Hase anders läuft, sind Anna und Elsa. Anna verliebt sich als erste Prinzessin überhaupt zunächst in den Falschen. Erst durch einen Plot Twist wird klar: Der vermeintliche Traumprinz ist hier der böse Schurke. Der selbstkritische Umgang der Disney-Studios mit dem Prinzip der Liebe auf den ersten Blick ist absolut genial und wirft das veraltete Konzept komplett über den Haufen. „Didn’t your parents ever warn you about strangers?“, so Kristoff zu Anna, und das ist eine Botschaft, mit denen das junge Publikum tatsächlich etwas Sinnvolles anfangen kann. Bei Elsa wird während des gesamten Films nicht einmal über einen Mann auch nur gesprochen, für sie ist eine Beziehung überhaupt kein Thema. Das stellt für sie aber kein Problem dar, sie kann – und vor allem darf! – auch ohne Mann an ihrer Seite das Königreich regieren. Sie ist unabhängig und Single, ohne dabei unglücklich zu sein. Die Eigenständigkeit der beiden Schwestern wird vor allem durch die finale Rettungsaktion im Film unterstrichen, die es in dieser Form bisher ebenfalls noch nie gab: Sie schaffen es, sich gegenseitig zu retten, während Kristoff – ein Mann wie ein Bär – nur teilnahmslos danebensteht. Wäre er nicht da gewesen, es hätte keinen Unterschied gemacht. Statt die wahre Liebe zwischen Mann und Frau zu propagieren, die alle Hindernisse überwindet, wird hier die Beziehung zwischen Geschwistern in den Vordergrund gestellt. Der Akt der wahren Liebe, der schon Schneewittchen das Leben gerettet hat, wird vollkommen uminterpretiert. Ein Mann ist nicht mehr der notwendige Lebensmittelpunkt der Frau. Endlich mal ein Disney-Film, der die Realität des 21. Jahrhunderts widerspiegelt.

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Fakt ist: „Die Eiskönigin“ war für Disney thematisch ein Riesenschritt nach vorne und davon dürfen sich kleine Mädchen in Elsa-Kleidchen gerne eine Scheibe abschneiden. Mein einziger Kritikpunkt: Wie schon alle Prinzessinnen vor ihnen sind auch Elsa und Anna wunderschöne und äußerlich perfekte junge Frauen. Ich warte noch auf die übergewichtige, von Akne geplagte Disney-Heldin, schließlich sprechen wir hier von Protagonistinnen im Teenageralter. Über das Thema Frauen bei Disney und die dargestellten Rollenbilder habe ich mit Markus auch in einem Podcast diskutiert. Wir besprechen die Filme „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Mulan“ (1998) und – Überraschung! – „Die Eiskönigin“ (2013). Hardcore-Emanze gegen Chauvi-Arsch? Nein, so schlimm ist es (hoffentlich?!) nicht. Aber hört doch einfach mal rein!

Autorin: Carina Diener

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