Hinterlasse einen Kommentar

Wonder Woman (2017) Review

„Nachmachen ist leichter als Vormachen“, würde man denken. Die Oberen bei Warner Bros. dürften mit diesem „leichter“ so allerdings ihre Probleme haben. Denn wo die Marvel’sche Konkurrenz mit ihrem mühsam aufgebautem Film-Universum Kassen- und Kritikererfolge feiert, hing bei den eigenen Göttern in Strumpfhosen der Haussegen bis jetzt eher schief. Zwar konnten Blockbuster wie „Suicide Squad“ oder „Batman v Superman“ gute Zahlen einfahren, der breite Kritikersegen blieb aber aus und oftmals machten die Filme mehr Schlagzeilen mit ihren teils chaotischen Produktionsbedingungen als jeder Marketingabteilung lieb gewesen sein dürfte. Statt also Marvel weiter simpel hinterher zu traben, scheint man sich nun im Zuge des Universe-Building daran zurück zu erinnern, dass DC ja noch ein seit Ewigkeiten unterschätztes Pferd im Stall hat. Denn Wonder Woman ist nicht nur eine der ersten und präsentesten Superheldinnen überhaupt, sondern im Superheldendurchschnitt auch so anders und frisch, dass das Setting alleine aus all den Batmans, Ant-Mans und Avengers hervorstechen sollte. Und da selbst Platzhirsch Marvel, trotz seines Vertrauens in sprechende Bäume und Waschbären, uns noch bis 2019 mit „Captain Marvel“ auf den ersten Superheldinnen-Auftritt warten lässt, befindet sich hier also die Riesenchance für DC, doch mal Vorreiter zu sein. Und noch, so ganz nebenbei, die riesige Medienaufmerksamkeit gratis abstauben zu können.

Wie jede Origin-Story beginnt natürlich auch „Wonder Woman“ am Anfang, dieser gestaltet sich dabei ausgesprochen paradiesisch; die junge Prinzessin Diana (Gal Gadot) wächst auf der versteckten Insel Themyscira unter ihresgleichen (unsterblichen Amazonen) auf. Als Kinder der Götter üben sie sich, angeführt von ihrer Königin Hippolyta (Connie Nielsen), unermüdlich in der Kriegskunst in ewiger Vorbereitung auf die Rückkehr des zerstörerischen Gottes Ares. Die Idylle des No-Boys-Clubs wird allerdings unversehens gestört als Diana eines Tages den abgestürzten Piloten Steve Trevor (Chris Pine) aus dem Meer fischt. Dieser berichtet von einem großen Krieg, der bereits Millionen Leben gekostet hat, für Diana ein klares Zeichen, dass Ares zurückgekehrt ist und den Geist der Menschen vergiftet hat, so dass sie beschließt, auch gegen den Willen ihrer Schwestern mit Trevor in dessen Welt zurück zu kehren. Dieser hat zwar einen deutlichen Kulturschock erlitten, aber immer noch ziemlich weltliche Sorgen abseits von Göttern und Prophezeiungen, denn der deutsche Militarist Erich Ludendorff (Danny Huston) entwickelt gemeinsam mit seiner wahnsinnigen Chemikantin „Dr. Poison“ (Elena Anaya) eine neue Wunderwaffe, die den Krieg endgültig zu Gunsten des Kaiserreichs beenden soll.

Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) kann trotz des fantastischen Szenarios, dieses Clashs zwischen griechischen Mythen und dem Schrecken des Ersten Weltkriegs, darauf bauen, dass das letzte Jahrzehnt eine breitere Akzeptanz beim Zuschauer geschaffen haben dürfte, was die verrückte Welt der Comic-Helden angeht. Was Filme wie „Captain America“ oder „Thor“ hier an Vorarbeit geleistet haben, wird dem Zuschauer konsequenterweise gerade in den ikonischsten Momenten in Erinnerung gerufen. Wenn Diana sich nach ihrer langen Reise zur belgischen Front der Welt erstmals im vollen Kostüm als Wonder Woman enthüllt und nur mit Schwert und Schild bewaffnet auf Maschinengewehr-Stellungen losgeht, könnte das alles, dramatische Musik hin oder her, auch nur als albern oder over-the-top rüberkommen. Stattdessen nutzt Jenkins mit einem sensiblen Gespür oben beschriebenes Fundament, um ihre Idee der Comic-Amazone perfekt zu transportieren, mal in heroischer Nahaufnahme, dann in gelungener Action-Choreographie. Das Getümmel bleibt dabei aber stets übersichtlich, Diana der Fokuspunkt und allzu heftige Schnittgewitter werden auch durch den häufigen Zeitlupeneinsatz untergraben. Dieser dürfte viele an Zack Snyder erinnern, manchem vielleicht sogar sauer aufstoßen. Dennoch sind diese Einschübe eben nicht nur ein gelungenes Tempoinstrument, sondern bieten dem Zuschauer auch die Möglichkeit optische Schmankerl zu bewundern – in diesem Fall dürfte es besonders das leuchtende Lasso sein, dessen unwirkliches Goldgelb als perfekter Kontrast zu den dreckig-grauen Schlachtwüsten des Ersten Weltkriegs stehen dürfte.

Das zweite und noch sicherere Standbein dürfte allerdings das Geschehen abseits von Schlachtfeldern und Keilereien sein, denn auch wenn „Wonder Woman“ mit seiner Fish-out-of-Water-Story keine Innovationspreise heimfährt, sind Dianas Ausflüge in die Menschenwelt doch die heimlichen Highlights des Films und können das Zuschauerinteresse auch abseits der Superhelden-Action binden. Da wird auch mal im 20er-Jahre-Kostüm nicht aufs Tragen von Schild und Schwert verzichtet, ganz zum Unmut der feinen englischen Society natürlich. Das könnte platt enden, diese Witzeleien profitieren hier aber von den beiden Hauptfiguren. Chris Pine als Steve Trevor darf gleichzeitig Love Interest und Comic Relief sein, dessen markige Sprüche und verwirrte Gesichtsausdrücke fast immer ins Ziel treffen. Die tatsächliche Entdeckung fürs DC-Universum dürfte dann aber doch, nach „Batman v Superman“ noch einmal Gal Gadot als die titelgebende Amazone sein. Dabei überrascht Gadot nach ihren Auftritten in der „The Fast & the Furious“-Reihe nicht plötzlich mit ungeahnten Schauspielhöhenflügen, aber hier scheint das Vorhandene perfekt zur Figur zu passen. Der nicht ganz sauber zuzuordnende Akzent, das etwas versetzte Timing in ihren Reaktionen, selbst eine oftmals zu klar dargestellte Naivität; alles Dinge, die einer anderen Darstellung das Genick brechen könnten, wissen hier das Bild einer weltfremden Amazone, die außerhalb der menschlichen Gesellschaft lebt und denkt, zu vervollkommnen. Gadot macht damit gehörig Werbung für sich selbst, nicht für eine Besetzung im nächsten Oscar-Drama, aber für ihre Rolle als möglicher Fixpunkt zukünftiger DC-Verfilmungen, wo sich das Publikum für die neuen Bat- und Supermänner doch nicht ganz erwärmen zu können scheint.

„Wonder Woman“ ist kein Game-Changer wie es Joss Whedons „The Avengers“ gewesen sein dürfte, aber er ist der perfekte Film, um dem strauchelnden DC-Universum Halt zu geben und abseits davon ein gut unterhaltendes Comic-Abenteuer, dass seine Schwächen durch ausreichende Novi auszubügeln weiß. Dass der dritte Akt wie in vielen Origin-Filmen darunter leidet, dass nicht nur die Etablierung der Figur zu Ende geführt, sondern auch noch ein großes Übel vernichtet werden muss, dürfte dabei die wenigsten stören – gemessen an dem unverbrauchten Setting des Ersten Weltkriegs, der originellen Design-Entscheidungen in einer Blockbusterlandschaft, die solches meist zu ersticken versucht und einem absoluten Volltreffer beim Casting der Hauptfigur treten dramaturgische Stolperfallen oder ein eher klischeebesetzter Supporting-Cast schnell in den Hintergrund. Nun dürfte es spannend werden, zu sehen, wohin die Reise der paradiesischen Amazone geht, nach dem obligatorischen Ausflug in Zack Snyders „Justice League“. Denn von diesem Anfang aus darf man gerne die Hoffnung haben, dass „Wonder Woman“ den Weg eines Captain America geht und mit seinem Sequel noch einmal einen ganzen Deut besser wird, statt wie ein Thor im Mittelfeld der Masse zu versinken. Zu wünschen wäre es der ikonischen Superheldin allemal.

Autor: Simon Traschinsky

Leave a Reply