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Wie ein weißer Vogel im Schneesturm (2014/2015) DVD-Kritik

© capelight pictures

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Selten ging ein Filmtitel derart poetisch von der Zunge: „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“, das klingt nach Friedlichkeit und Reinheit (weißer Vogel), aber auch nach Naturgewalt und Kälte (Schneesturm), ein Titel also, der sich hinsichtlich seiner tatsächlichen Handlung vermutlich eines gewissen Maßes an Metaphorik bedient. Doch bei der Rezeption des Filmes, dessen Originaltitel „White Bird in a Blizzard“ sogar recht akkurat ins Deutsche übertragen wurde, stellt man fest, dass diese Beschreibung sogar eine zumindest teilweise visuelle Entsprechung findet: Eine ganz in weiß gekleidete Shailene Woodley läuft durch einen, nun ja, Schneesturm wäre übertrieben, zumindest aber durch ein dichtes Schneegestöber, auf der Suche nach ihrer Mutter. Was es damit auf sich hat, das ist zum einen auf verschiedenen Ebenen tatsächlich metaphorisch zu verstehen, wird jedoch am Ende auf fast schon sachliche Weise pragmatisiert. Selten changierte ein Film in weiten Teilen so kongenial zwischen allegorischer Überhöhung und nüchterner Bodenständigkeit, und auch wenn es Regisseur Gregg Araki leider nicht gelingt, dieses Niveau konsequent zu halten, so ist sein neuester Film dennoch ein nicht nur visuell beeindruckendes Werk geworden.

„Ich war siebzehn, als meine Mutter verschwand.“ So führt uns die von der bereits erwähnten Shailene Woodley gespielte Protagonistin Kat per Voice-Over zu Beginn des Filmes in den grundlegenden Konflikt ein. Warum die Mutter verschwand und vor allem, wohin, dies ist das Rätsel, das es in den nächsten neunzig Minuten wie in jedem guten Kriminalfilm zu lösen gilt. Wirklich? Nein, eigentlich nicht. Denn Gregg Araki hält sich nicht an derart standardisierte dramaturgische Modelle, er lässt seine Protagonisten wie schon Michelangelo Antonioni in „Die mit der Liebe spielen“ (vermutlich besser bekannt unter seinem Originaltitel „L’avventura“, 1960) nach und nach die Mutter letztlich verdrängen, das Leben geht weiter und umspannt schließlich mehrere Jahre, ohne das eine Lösung gefunden wäre. Aus einer klassischen „Whodunit“-Geschichte mit Coming-of-Age-Anklängen im Setting des Jahres 1988 wird immer mehr eine Art familiär limitiertes Gesellschaftsporträt mit nur noch vereinzelt eingestreuten kriminologischen Verdachtsmomenten. Der von Thomas Jane verkörperte Polizist mit dem wundervollen Rollennamen „Scieziesciez“ ist der einzige, den dieser Fall nicht loslässt, doch er wird von Kat nicht ernst genommen, als diese 1991 als College-Studentin für kurze Zeit in den kleinen Ort zurückkehrt, in welchem alles begann. Ihr Vater (Christopher Meloni) hat eine neue Partnerin und Kats Ex-Freund Phil (Shiloh Fernandez), den sie einmal mit den Worten „man kratzt an der Oberfläche und darunter ist nur noch mehr Oberfläche“ beschreibt, arbeitet in einem kleinen Dorfgeschäft. Alles geht weiter seinen Gang, Kats Mutter spielt kaum mehr eine Rolle.

Oder? Nun ja, wer die Rolle der Mutter mit Eva Green besetzt, wird diese nicht nach drei Minuten aus dem Film verbannen. Ein Großteil der Geschichte wird in Rückblenden erzählt, die Kats Familienleben zeigen, welches speziell im Hinblick auf das Verhältnis zu ihrer Mutter mit „schwierig“ noch sanft umschrieben ist. Hier zeigt sich aber das Potenzial, welches Gregg Araki in den Film zu stecken vermag, seine nicht wirklich subtile, aber dennoch effektive visuelle und erzählerische Dekonstruktion des idealisierten US-amerikanischen Modells einer vorstädtischen Kleinfamilie. Wenn Kat die Geschichte ihrer Eltern erzählt, bevor sie selbst geboren wurde, zeigt Araki dem Zuschauer eine knallbunte Märchenwelt, die wie ein Werbespot aus den 1950er-Jahren wirkt: Eva Green mit perfekt sitzender Frisur in weißem Spitzenkleid beim Staubsaugen, Eva Green mit perfekt sitzender Frisur in bestickter blauer Bluse beim Polieren des ohnehin schon blitzblanken Tisches, Eva Green mit perfekt sitzender Frisur sanft lächelnd beim Putzen der Fenster. Doch Kats Kommentar konterkariert die scheinbar heile Welt, sie spricht von „der Leere der kommenden Tage“ und verweist damit auf die selbstbezügliche Redundanz des in der Vergangenheit so häufig idealisierten Hausfrauenlebens. Die Idylle der Familie bekommt somit recht bald Risse und auch die Geburt von Kat kann diese nicht kitten, so dass die vorgebliche Poesie des Lebens irgendwann in völlige Ernüchterung und emotionale Erkaltung mündet.

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Araki bleibt damit in gewisser Weise seinen Wurzeln als eine der Schlüsselfiguren der „New Queer Cinema“-Bewegung Anfang der 1990er-Jahre treu, in dessen häufig experimentell angelegten Filmen die Außerkraftsetzung des durch eine heterosexuell-gesellschaftliche Ausdeutung geprägten bürgerlich-biederen Lebens quasi zum narrativen Status Quo gehörte. Die filmische Radikalität der damaligen Zeit bleibt hier zwar definitiv außen vor, dennoch sind subtextuelle Einflüsse festzustellen, welche sich insbesondere im Kontrast der dargestellten Frauenbilder äußern: Hat Kat fast alle Freiheiten der Welt und reagiert auf ihre Eltern fast durchgängig mit Widerspruch, so konnte die Generation ihrer Mutter diese Freiheiten für sich noch nicht in Anspruch nehmen. Hier gehen Metaphorik und Narration Hand in Hand, wenn das Verschwinden der Mutter auf einer sinnbildlichen Ebene schlicht durch ein sanftes Ausblenden von Eva Green aus dem Bild geschieht. Sie verschwindet einfach in der ihr durch die Gesellschaft auferlegten Bedeutungslosigkeit, eben wie ein weißer Vogel in einem Schneesturm, sie wird nicht gesehen, ihre Leistung wird nicht wahrgenommen und nicht wertgeschätzt. Dazu passt ebenfalls, dass sie nicht akzeptieren kann, älter zu werden, als sie mit dem deutlich jüngeren Nachbarn Phil flirtet und versucht, diesen unter Alkoholeinfluss in aufreizender Kleidung zu verführen. Ihre nach eigener Wahrnehmung besten Jahre sind vorbei, sie hat sie vergeudet für ein sauberes Haus und ein tägliches Abendessen, der Frust über ihre verkümmernde Ehe sitzt tief, so dass sie sich mit aller Kraft einzureden versucht, nach wie vor eine jugendliche Ausstrahlung zu besitzen.

Der Film klärt final tatsächlich, was mit Kats Mutter geschehen ist, wobei die größere Überraschung sich jedoch darin manifestiert, warum geschehen ist, was geschah. Dies versetzt die Dynamik des kompletten Films ins Schlingern, so dass es sich durchaus lohnen mag, ihn unter jenem Gesichtspunkt noch einmal zu schauen; gerade der titelgebende Schneesturm erhält einen ganz anderen Beigeschmack mit derartigem retrospektivem Wissen. In Bezug auf das Ende setzt jedoch auch sanfte Kritik an, denn die Art und Weise, wie die inhaltlich ohne Zweifel geniale Auflösung inszeniert wird, könnte konventioneller kaum sein. Zehn Minuten mehr wären eventuell nicht verkehrt gewesen, denn damit hätte Araki die Antworten auf alle Fragen in seine starke Bildsprache von zuvor integrieren können. Stattdessen bekommt der Zuschauer die Dinge recht nüchtern und kurz per Rückblende erzählt, als wäre es für den Regisseur eine lästige Pflichtübung gewesen. Das grundlegende Fundament des Filmes wird auch auf diese Weise deutlich, aber man wird das Gefühl nicht los, dass hier erzählerisch mehr drin gewesen wäre.

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Dennoch ist „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ definitiv ein sehens- werter Vertreter des Independent-Kinos, ein im besten Sinne ungewöhnlicher Film. Gregg Araki gelingt es trotz einer leichten narrativen Entkräftung gegen Ende, seine stilistischen Bestandteile zu einem sehr atmosphärischen Ganzen zusammen- zusetzen und damit frei von Dogmatik auf visuell ganz eigene Weise die Frage nach einem gesellschaftlich-familiären Selbstverständnis neu zu stellen.

Autor: Jakob Larisch

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