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Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie (2017) Review

© capelight pictures

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Ein heißer Kandidat für den längsten Filmtitel des Jahres 2017 ist definitiv „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“. Originaltitel: „Before I Fall“. Für diese „Übersetzung“ kann auch der Verleih nicht wirklich etwas, schließlich handelt es sich um eine Romanverfilmung und bereits dort wurde der Titel für die deutsche Version in diese etwas sperrige Form übertragen. So oder so ist der Tod ein bestimmendes Element des Filmes, schließlich stirbt die Protagonistin nach relativ kurzer Filmzeit auf der Rückfahrt von einer Party bei einem Autounfall. Und wacht wieder auf, als wäre nichts geschehen, um den gleichen Tag noch einmal zu erleben. Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch ein paar Mal.

Hand aufs Herz: Die grundlegende dramaturgische Prämisse ist natürlich bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“ entliehen. Das war jedoch bei beispielsweise „Edge of Tomorrow“ nicht anders und war auch dort nicht dramatisch, denn „Wenn du stirbst…“ (im Folgenden wird der Filmtitel abgekürzt) entwickelt genügend Eigenständigkeit, um sich vom quasi-übermächtigen Bill-Murray-Vorbild ausreichend abzuheben. Die Story dreht sich um Samantha (Zoey Deutch), Bestandteil einer (etwas klischeehaften) Vierer-Freundinnen-Clique, die einen (etwas klischeehaften) „Boyfriend“ hat und an einer (etwas klischeehaften) Highschool ist, um am Abend des „Cupid Day“ (eine Art Valentinstag, an dem alle Menschen in der Schule Rosen von anderen Menschen erhalten) nach erwähnter Party durch den erwähnten Unfall in einer Zeitschleife zu landen, woraufhin sie nicht wirklich weiß, was daraus zu machen ist (anscheinend hat sie nie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gesehen). Auch die High-School-Film-Standard-Außenseiterin (Elena Kampouris), wie immer scheinbar etwas durchgeknallt, spielt eine gewisse Rolle und natürlich muss in einem Film mit Zeitschleifen-Thematik im Unterricht der Sisyphos-Mythos durchgenommen werden, ebenso wie an einer Stelle eine von Samanthas Freundinnen total zufällig davon erzählt, wie sie neulich etwas über die Chaostheorie gelesen hat. So sei es.

Man mag es an der Beschreibung erkennen: Die Ausgangssituation von „Wenn du stirbst…“ bedient sich durchaus einiger Klischees, ist allerdings glücklicherweise in den entscheidenden Momenten in der Lage, sich davon zu lösen, weswegen sie eher als eröffnende Referenzpunkte dienen, um die Geschichte in Gang zu bringen. Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei selbstverständlich die Frage, was Samantha aus den einzelnen Tagen macht und wohin das Ganze führt, wobei der Film in sich genügend Abwechslung aufweist. So versucht sie zunächst, allem zu entkommen, indem sie einfach nicht auf die Party geht (und damit den tödlichen Unfall vermeidet; klappt natürlich nicht), später auf der Party gewisse Dinge anders macht und irgendwann der Zeitschleife im Anarchiemodus begegnet („wenn ich den gleichen Tag immer und immer wieder durchleben muss, dann kann ich auch tun und lassen, was ich will“); was in der besten und letztlich witzigsten Episode des Films mündet. Hierin zeigt sich allerdings ein zentraler Unterschied zum „Murmeltier“: „Wenn du stirbst…“ ist im Ganzen betrachtet weitaus weniger komödiantisch angelegt, die Thematik wird zu großen Teilen durchaus ernst, aber trotzdem gefühlvoll abgehandelt; mit Fragen nach Freundschaft, familiären Bindungen und ja, auch Liebe. Natürlich geht es dabei um eine gewisse Form der Läuterung, welche Samantha durchlaufen muss, indem sie im Laufe der Handlung erkennt, worauf es wirklich ankommt im Leben, aber dieses potenzielle Einfallstor für dramaturgische Stereotypen kann „Wenn du stirbst…“ relativ gut umschiffen, da er dankenswerterweise diesbezüglich nie penetrant wird. Die damit verbundenen Erkenntnisse werden schlicht gedanklich angestoßen und dem Zuschauer nicht x-fach unter die Nase gerieben.

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All dies wird in kühle und klare Bilder gefasst, fundiert durch einen dauerhaft grauen Himmel mit sporadischem Regen; ein Wetter, das sich ob der grundlegenden Prämisse des Filmes logischerweise nicht ändert. Die auf der visuellen Ebene so etablierte Atmosphäre funktioniert als Unterbau der Story ausnehmend gut, nicht zuletzt in Verbindung mit dem Soundtrack, der in einigen Situationen aus zeitgenössischem Elektropop besteht (nicht immer herausragend, aber auch nicht aufdringlich), auf der anderen Seite aber einen phänomenalen Score aufweist, der in seinen besten Momenten so klingt, als hätte Vangelis die Musik für einen Film von Nicolas Winding Refn komponiert. Getragen wird der Film nahezu im Alleingang von Hauptdarstellerin Zoey Deutch (keine Szene ohne sie), die zwar für die ganz zu Beginn im Zuge der Geschehnisse vor dem alles auslösenden Unfall an den Tag gelegte latente Bitch-Couleur teils fast eine Spur zu sympathisch agiert, was sich jedoch schnell in Wohlgefallen auflöst, da diese Attitüde ab dem Beginn der Zeitschleife im Rahmen ihrer einsetzenden charakterlichen Transformation keine Rolle mehr spielt, so dass man sie ohne Einschränkungen als Identifikationsfigur annehmen kann.

„Wenn du stirbst…“ ist auf eine sehr charmante Weise teils ein wenig vorhersehbar; er ist bisweilen kitschig, aber immer wieder auch glaubhaft emotional; er ist nicht auf herausragende Weise tiefsinnig, aber gleichwohl nachdenklich. Ähnlich wie beispielsweise „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ vermag er sein letztlich nur vordergründiges Setting des Teenie-Melodrams zu erweitern, was in einem Plädoyer für eine eingehendere Wahrnehmung und Gestaltung einzelner kleiner Momente des (Alltags-)Lebens mündet, für ein Ausbremsen von Schnelllebigkeit und für ein gelegentliches Innehalten und Rückbesinnen auf das, was gerade ist.

Autor: Jakob Larisch

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