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Weissensee – Staffel 3 (2015) Review

© EuroVideo

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Gute deutsche Serien sind Mangelware. Wenn man sich etwas gelangweilt durch die deutsche Serienlandschaft gräbt, trifft man zunächst auf sehr viel unteren Durchschnitt und vielleicht auch mal auf eine lobenswerte Ausnahme wie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf. Eine lobenswerte Ausnahme ist auch „Weissensee“ von Regisseur Friedemann Fromm. Der Siegeszug der Fernsehserie begann mit der ersten Staffel im Jahre 2010 und setzte sich über zwei weitere Staffeln fort. Mit der dritten Staffel, welche im Oktober 2015 veröffentlicht wurde, steuert das Gesamtwerk nun auf einen vorläufigen dramaturgischen Höhepunkt zu.

Die Geschichte selbst dreht sich hauptsächlich um das Schicksal der Familien Kupfer und Hausmann, welche über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren (1980-1990) in Ost-Berlin immer wieder auf die eine oder andere Weise aneinandergeraten. Die Familien selber gliedern sich hierbei in einzelne Personengruppen, welche unterschiedlichste Nebenhandlungsstränge generieren, die zum Ende einer Staffel zusammengeführt werden. In der dritten Staffel haben wir so einmal Hauptdarsteller Florian Lukas als Martin Kupfer, der auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter immer wieder auf Hindernisse stößt, aber in seiner neuen Freundin Katja Wiese aus dem Westen (Lisa Wagner) auch eine wertvolle Verbündete findet. Martins Bruder Falk (Jörg Hartmann) dagegen zieht weiterhin seine Fäden bei der Stasi und versucht mit allen Mitteln, die Bürgerrechtsbewegung seiner Ex-Frau Vera Kupfer (Anna Loos) zu sabotieren und so einen Mord zu vertuschen, für den er verantwortlich ist. Dazu gesellen sich unter anderem Dunja Hausmann (Katrin Sass), die sich ebenso in der bereits angesprochenen Bürgerrechtsbewegung engagiert und Hans Kupfer (Uwe Kockisch), welcher mit dem drohenden Untergang „seines“ Staats hadert. Auch feiern einige Darsteller aus vergangenen Staffeln überraschende Comebacks und die Themen Familie und Stasi bleiben auch in dieser Staffel zentrale Dreh- und Angelpunkte der Handlung. Zusätzlich weht durch alle Folgen der Geist einer kurz bevorstehenden Wiedervereinigung und diese besondere Grundstimmung verleiht vielen Szenen eine besondere Brisanz wie Doppelbödigkeit.

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Was „Weissensee“ so großartig macht, ist nicht unbedingt die visuelle Ausgestaltung, die zwar mit einem bemerkenswerten Detailreichtum aufwartet, sonst jedoch recht konservativ daherkommt. Vielmehr liegen die Stärken der Serie in der ständigen Unterwanderung von Familienserienklischees. Die zahlreichen dramatischen Wendungen, von denen dieses Genre lebt, wirken hier niemals aufgesetzt, sondern stattdessen behutsam eingebettet. Wenn also plötzlich herauskommt, dass diese Person und jene Person als Spitzel tätig waren und man das nach der Auflösung nie gedacht hätte, dann wirkt dieser Umstand zunächst klassisch oberflächlich, die Serie selbst löst solche Konflikte aber grandios.

Dazu kommen unzählige schauspielerische Glanzleistungen. Ich denke da zum Beispiel an den hervorragenden Protagonisten Florian Lukas, der auf große Gesten stets verzichtet und so eine wunderbare Glaubwürdigkeit ausstrahlt, die viele emotionale Momente mitträgt. Dann wäre da ebenfalls die tolle Lisa Wagner, die als neues Gesicht in der Serie und mit ihrer westlichen Unbekümmertheit ein wohltuendes Gegengewicht zu den Wirren der Zeit darstellt und von der immer großartigen Katrin Sass möchte ich gar nicht erst anfangen. Kurz gesagt: Die Schauspieler sind, durch die Bank, treffend besetzt.

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Auch die dritte Staffel von „Weissensee“ hat, aufgrund ihrer enormen Charakterbreite, kleine Startschwierigkeiten, die sich im Verlauf der sechs neuen Folgen jedoch schnell in Luft auflösen. Die verschiedenen Auslegungen des Konzepts der Wiedervereinigung treiben die Handlung voran und die starken Schauspieler, die interessante Grundthematik und die behutsam konstruierten Twists vertreiben jedes Klischee einer normalen Familienserie. „Weissensee“ bleibt auf diese Weise eine hervorragende deutsche Serie und hoffentlich keine besondere Ausnahme.

Autor: Max Fischer

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