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Viral (2016/2017) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Henry Joost und Ariel Schulman sind ein umtriebiges Regisseurs-Duo, die in bester Tradition der Coen-Brüder zu einer Gruppe zeitgenössischer Regie-Teams gehören, deren Namen stets gemeinsam in den Credits auftauchen und bei denen man aufgrund einer durchaus eigenen Handschrift mehr oder weniger weiß, was einen erwartet; ebenso wie beispielsweise bei Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“, „The LEGO Movie“), den Russo-Brüdern („Captain America: The Winter Soldier“ und dessen Nachfolger „Civil War“) oder Neveldine/Taylor („Crank“ 1 & 2; wobei man an dem unterirdisch-grauenhaften „The Vatican Tapes“, den Mark Neveldine im Alleingang inszenierte, sehr schön sehen kann, was möglicherweise (nicht zwingend) passiert, wenn einer der beiden Regisseure seine Individualität zu entdecken meint). Joost und Schulman begannen ihre Karriere mit der Dokumentation „Catfish“ (2010), legten danach locker-flockig die beiden besten Teile der „Paranormal Activity“-Reihe vor (Teil 3, 2011 und 4, 2012) und inszenierten im Anschluss den Social-Media-Thriller „Nerve“ (2016), der trotz einiger dramaturgischer Schwächen doch erstaunlich gut funktionierte. Mit „Viral“ folgt nun ihr neuestes Werk, mit dem die beiden ihren Horror-/Thriller-Wurzeln treu bleiben, wobei es sich hierbei um ihren ersten Spielfilm handelt, der in Deutschland auf eine Kinoauswertung verzichten muss und direkt für das Heimkino erscheint.

Der Titel ist Programm: Dramaturgischer Aufhänger ist ein tödliches Virus, das durch Blut übertragen wird. Da die Infizierten zu zombiehaften Wesen mutieren und gesunden Menschen als Teil der Erkrankung gerne einmal Blut ins Gesicht spucken, breitet es sich rapide aus, weltweit natürlich. Der Film fokussiert sich dabei allerdings auf einen gesellschaftlichen Mikrokosmos und zeigt dessen Umgang mit dem fortschreitenden, ja, fast schon apokalyptischen Zustand: Zwei Schwestern, Emma und Stacey (Sofia Black-D’Elia und Analeigh Tipton), letztere infiziert, erstere nicht, dazu Emmas Schwarm/Freund Evan (Travis Tope) verschanzen sich in ihrem Haus, nachdem das Virus die USA erreicht hat, ihre Heimatkleinstadt unter Quarantäne gestellt wurde und ein Großteil der Nachbarn infiziert wurde. Große Teile des Filmes folgen dabei einer (nicht ganz stringenten) Home-Invasion-Logik: Irgendwann gibt es kein Handynetz und kein Internet mehr, es kommen gelegentliche Infizierten-Angriffe von außen und obendrein schreitet die Verwandlung von Stacey unaufhaltsam fort, was sowohl ihren Körper als auch ihren Geist beeinflusst und Emma logischerweise zunehmend emotional belastet. Zudem müsste sie das Ganze eigentlich dem Militär melden, tut dies aber nicht. So nehmen die Dinge ihren Lauf.

Es ist immer interessant, zu sehen, wie Filme mit einem eher kleinen Budget eine weltweit agierende Problematik darstellen. „Viral“ gelingt dies recht gut, insbesondere durch die geschickte Einbindung von Fernsehberichten und Internet-Postings bekommt man einen relativ konsistenten Einblick in die globalen Geschehnisse, obwohl man das geografische Umfeld der Kleinstadt in the middle of nowhere nie verlässt. Der Film läuft dabei etwas gemächlich an und lässt sich durchaus Zeit, die Beziehung der beiden unterschiedlichen Schwestern (Stacey ist eher extrovertiert, Emma eher schüchtern) zueinander, zu ihrem Vater (Michael Kelly), der gleichzeitig Lehrer an ihrer Schule ist sowie von Emma zu ihrem heimlichen-und-irgendwann-offenen Schwarm Evan zu etablieren. Währenddessen bleibt die Bedrohung noch etwas ungreifbar; mit Ausnahme von Emmas Freundin Gracie (Linzie Gray), welche die erste sichtbar infizierte Figur der Story darstellt, sich aber an dieser Stelle nur durch das eingangs erwähnte Blutspucken auszeichnet, wird erst einmal lediglich der gesellschaftlich-politische Ausnahmezustand etabliert, verkörpert durch Faktoren wie eine erhöhte Militärpräsenz, rationiertes Essen und ein Ausgangsverbot.

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Letzteres ist dann auch der Auslöser für den Einbruch des Horrors in die suburbane Nachbarschaft: Bei einer im Ort veranstalteten Party bricht bei einem infizierten Jugendlichen die Krankheit aus, wodurch er für eine Massenpanik sowie für weitere Infizierte sorgt. Ab diesem Zeitpunkt wandelt sich das bis dahin eher diffuse Gefahrenszenario in einen lupenreinen Parasiten-Horror mit einer sich mehr oder weniger konsequent drehenden Spannungsschraube. Interessant ist dabei die Umsetzung der Infizierten, bei der Joost und Schulman in sämtliche Genrekisten greifen, die sie finden können. So bewegen sie sich wie Zombies (und können demnach nicht mehr sprechen), sind allerdings in der Lage, zu rennen; Zack Snyder lässt grüßen. Zudem sind sie blind, was für einige intensive Momente sorgt, da der Film zu den entsprechenden Zeitpunkten die Spannung mit auf die auditive Ebene verlagert. Zu guter Letzt wachsen den Infizierten sich eigenständig bewegende Fühler aus Ohren und Mündern, mit denen sie ihre Umwelt nachhaltiger wahrnehmen können (man beachte zu diesem Zweck das Filmposter) und die primär für den Cronenberg’schen Ekelfaktor zuständig sind. Stichwort: „Viral“ besitzt einige kurze, wohldosierte Splattermomente, die jedoch nie ins Exzessive abgleiten.

Joost und Schulman gelingen ein paar herausgehobene und eindringliche Momente: Die bereits angesprochene eskalierende Party, die Konfrontation mit Evans infiziertem Stiefvater oder eine Szene, in der sich Stacey, Emma und Evan von einer ganzen Horde Infizierter im Obergeschoss eines Hauses bedroht sehen, sind nur einige dieser Augenblicke, in denen das Regie-Duo sein Inszenierungsgeschick unter Beweis stellt. Die Darsteller machen ihre Sache durchweg gut, insbesondere die Chemie zwischen den beiden Schwestern sowie zwischen Emma und Evan funktioniert als Identfikationsbasis problemlos. Einzig das Ende lässt ein klein wenig die Konsequenz vermissen, die den Film vorher auszeichnete. Anstelle eines (durchaus im Bereich des Möglichen befindlichen) Ausrufezeichens setzen die beiden Regisseure hier leider nur einen gewöhnlichen Punkt.

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Mit „Viral“ fügen Henry Joost und Ariel Schulman ihrer auch damit nach wie vor enttäuschungsfreien Filmografie ein weiteres interessantes Kapitel hinzu. Der Film ist ein großteils spannender Parasiten-Infektions-Horror, der das Genre-Rad nicht neu erfindet, aber mit Blick auf den Unterhaltungsfaktor sehr gut funktioniert. Ein Wort noch zur deutschen Blu-ray-Veröffentlichung: Diese kommt mit einem O-Card-Schuber daher, der dank der unterschiedlichen Glanzgrade des Coverbildes ziemlich schick aussieht.

Autor: Jakob larisch

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