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Verleugnung (2016/2017) Review

© SquareOne / Universum

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Bei Verleumdungsklagen legt das britische Rechtssystem die Beweislast nicht auf die Seite des Klägers (der also die vom Beklagten gegen ihn gerichteten Vorwürfe widerlegen müsste; dies wäre die Essenz der Unschuldsvermutung), sondern auf die Seite des Beklagten, der sie im Gegenzug beweisen muss. Der Grund: Im britischen Rechtsverständnis werden Verleumdungsklagen aufgrund ihrer in Verruf bringenden Natur generell als unwahr betrachtet. Das ist ein grundsätzlich ehrenwerter Ansatz, der es schwerer machen soll, Falschaussagen über Personen in Umlauf zu bringen. Absurde Züge nahm das Ganze jedoch im Falle des Gerichtsverfahrens an, das der britische Holocaustleugner David Irving gegen die US-amerikanische Universitätsprofessorin Deborah Lipstadt eröffnete: Aufgrund ihrer in ihrem Buch „Denying the Holocaust“ (deutscher Titel: „Betrifft: Leugnen des Holocaust“) über ihn getroffenen Aussagen warf er ihr Verleumdung vor, denn er sei weder ein Holocaustleugner noch habe er historisches Material gefälscht bzw. es bewusst falsch ausgelegt. Somit lag die Beweislast bei Lipstadt, die nicht nur belegen musste, dass Irving wiederum genau das getan hatte, sondern sich darüber hinaus zudem vor die Notwendigkeit gestellt sah, dies mit historischen Daten zu unterfüttern. Wollte sie aufzeigen, dass Irving Informationen und Fakten absichtlich verdreht hatte, musste sie diese im Umkehrschluss korrekt präsentieren und somit in letzter Konsequenz den Nachweis erbringen, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hatte, genauer: dass es, erstens, (insbesondere in Auschwitz) Gaskammern gegeben hatte, dass diese, zweitens, dafür genutzt wurden, Menschen zu ermorden und dass dies, drittens, einem systematischen Plan der Nationalsozialisten folgte. Doch damit nicht genug: Um die Vorwürfe gegen Irving zu untermauern, musste sie nicht nur seine Geschichtsfälschung beweisen, sondern zudem, dass er dabei vorsätzlich gehandelt hatte.

Dieser von 1999 bis 2000 in London stattfindende Gerichtsprozess samt der seit 1994 geschehenen Vorgeschichte dient nun als dramaturgisches Fundament für „Verleugnung“, wobei damit der Originaltitel „Denial“ nur unzureichend übersetzt ist, denn dieses Wort bedeutet nicht nur „Verleugnung“, sondern ebenso „Leugnung“. Letzteres, klar, bezieht sich auf Irving, doch die genaue Bedeutung von „Verleugnung“ kristallisiert sich erst im Laufe des Filmes heraus. Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) ist immer wieder unzufrieden mit den Methoden ihrer Anwälte Richard Rampton (Tom Wilkinson) und Anthony Julius (Andrew Scott), die ihrer Meinung nach zu nüchtern an die Sache herangehen und unter anderem ihre Vorschläge ablehnen, Zeitzeugen im Prozess aussagen zu lassen. In einer ruhigen Szene erklärt Rampton ihr, dass dasjenige, was sich am besten anfühle, nicht zwingend dasjenige sei, welches am besten funktioniere, wohinter sich, so Rampton, zwar ein Akt der „Selbstverleugnung“ verberge, der jedoch nötig sei, um das Verfahren zu gewinnen. Bereits vorher hatte ihr anderer Anwalt Julius ihr verdeutlicht, dass Zeitzeugen im Zeugenstand lediglich von Irving (Timothy Spall) gedemütigt werden würden und ihre Einbindung in diesen Prozess aufgrund der faktischen Unzuverlässigkeit von Erinnerungen aus strikt rechtlicher Sicht nicht vernünftig sei.

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Diese Schnittstelle zwischen Lipstadts Emotionen, die sich abseits des Verfahrens mit Zeitzeugen unterhält und vor Gericht mehrfach mit den Tränen kämpfen muss sowie der Rationalität der Anwälte, die vor Ort in Auschwitz nach gerichtsfesten Beweismitteln fragen und eben den Einbezug von Zeitzeugen unterbinden, stellt einen maßgeblichen Kritikpunkt an „Verleugnung“ dar, der da lautet: wieso nur diese mangelnde Kommunikation? Eventuell mag dies unter anderem den historischen Tatsachen geschuldet sein, aber dass die Anwälte Lipstadt nicht vollumfänglich über ihre vorbereitenden Aktivitäten und ihre Absichten im Gerichtssaal unterrichten, erscheint doch arg fragwürdig. Bei der Begehung des Konzentrationslagers Auschwitz kommt Rampton zu spät, was später im Film sehr schlüssig erklärt wird, so dass auch Lipstadt es ohne Probleme nachvollzieht. Warum nicht gleich vor Ort? Warum muss sich Rampton in den Ruinen von Auschwitz direkt danach noch kommentarlos eine Zigarette anzünden und den Historiker Jan van Pelt (Mark Gatiss) anschnauzen, ohne die (eigentlich stichhaltigen) Gründe für seine beharrlichen Nachfragen darzulegen? Warum verlässt er wortlos und überheblich winkend ein Treffen der Anwälte mit Lipstadt und überantwortet es seinem Kollegen, ihr zu erklären, dass er tatsächlich Tag und Nacht ohne Unterlass an dem Fall arbeitet? Rampton wird an dieser Stelle vollkommen überflüssigerweise als menschlich unangenehm dargestellt, nur um ihn kurze Zeit später im Zuge des bereits erwähnten „Selbstverleugnungs“-Gespräches, das den positiven Wendepunkt in seinem Verhältnis zu Lipstadt darstellt, wieder auf die Seite der Identifikationsfiguren zurückzuholen. Ähnlich Anthony Julius: Wieso zeigt er Lipstadt erst bei ihrem zweiten Insistieren auf das Einbinden von Zeitzeugen entsprechendes Videomaterial von Irving, um seinen nachvollziehbaren Standpunkt zu untermauern? Wieso nicht von vornherein, in Ruhe und ausführlich erklärt? Nein, die Figuren müssen sich erst mehrere Szenen anschreien, damit Vernunft einkehrt. Dies wirkt wie ein sehr künstlich forcierter Konflikt, der nur deshalb eingebunden wird, um die Figurenkonstellation vorgeblich spannend zu halten, was jedoch völlig nach hinten losgeht und absolut nicht funktioniert.

Auch das größte Spannungspotenzial des Filmes, der eigentliche Prozess, wird filmisch nur unzureichend eingebunden. Auch wenn er bereits nach einer knappen Stunde (von 110 Minuten) Laufzeit beginnt, so bekommt man doch nur einige wenige Prozesstage zu sehen, anstatt ein genuines courtroom drama daraus zu machen. Denn der Argumentationsverlauf, a) zu belegen, dass Irving lügt, b) ihm Absicht nachzuweisen, was c) mit der Begründung und durch den fundierten Beleg geschieht, dass er Rassist und Antisemit ist, womit er eine eindeutige Motivation hätte, die historischen Fakten entsprechend zurechtzubiegen, auszulassen und fehlzudeuten, das hätte Stoff für einen in allen Belangen und nicht zuletzt auf moralischer Ebene im Namen der historischen Wahrheit faszinierenden und packenden Film geboten. Dies lässt sich nicht zuletzt daraus herleiten, dass in den Gerichtsszenen ebendieses Potenzial des Filmes aufblitzt, was auch an den herausragenden Darstellern liegt. Insbesondere die Auseinandersetzungen von Tom Wilkinson auf der einen und Timothy Spall auf der anderen Seite sind hier zu nennen, Rachel Weisz wiederum hat in diesen Momenten nicht viel zu tun (Lipstadt darf auf Anraten ihrer Anwälte nicht vor Gericht aussagen), leider ist ihre Performance auch sonst wenig markant geraten.

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Der Film ist grundsätzlich keineswegs langweilig, jedoch vermag somit wirklich nachhaltige Spannung außerhalb der Bebilderung der Prozesstage nicht aufkommen. „Verleugnung“ verschenkt daher sehr viel seines Potenzials, ein wichtiger Beitrag in der Aufarbeitung des Holocaust sein zu können. Gerade der außerhalb des angelsächsischen Raumes vermutlich weniger bekannte Gerichtsprozess (voller offizieller Name: David Irving v Penguin Books and Deborah Lipstadt) hätte den Anlass geboten, ein fundiertes Statement gegen Holocaustleugnung zu werden. Stattdessen ergeht sich der Film in künstlich hochgespielten dramaturgischen Konflikten, die, egal ob sie in dieser Form stattgefunden haben oder nicht, dem Film sein eigenes Fundament unter den Füßen wegziehen und ihm damit den Großteil seiner potenziellen Wucht rauben.

Autor: Jakob Larisch

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