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Verblendung (OT: The Girl with the Dragon Tattoo 2011) Review

Mikael Blomkvist (Daniel Craig) hat sich soeben bis auf die Knochen blamiert und quasi beruflichen Selbstmord begangen: Als Chefredakteur und Herausgeber des investigativen Magazins „Millennium“ legte er in einem Artikel die skrupellosen Machenschaften des Unternehmers Hans Erik Wennerström dar und tappte damit in eine Falle. Die vermeintlichen Quellen sollten sich als nicht haltbar herausstellen, Blomkvist wurde von einem Gericht wegen Verleumdung zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt, die nicht nur seine Existenzgrundlage gefährdet, sondern auch die des gesamten „Millennium“-Magazins. Der vom Schicksal schwer gebeutelte Journalist will nun eigentlich nur seine Ruhe haben, zu allem Überfluss ist aber gerade jetzt auch noch Weihnachten. Während dem Weinachtsessen wird er dann auch noch per Telefonanruf zu einem persönlichen Gespräch mit dem Großindustriellen Henrik Vanger ins nördliche Hedestad beordert…

Blomkvist, Wennerström, Vanger, Hedestad? Das alles kommt dem geneigten Thrillerfan doch irgendwie bekannt vor. Und ja, es ist gar nicht so lange her, dass eben jene Namen schon einmal im Kinosaal zu hören und die Protagonisten eben dort zu bewundern waren. 2009 erschien die schwedisch-deutsche Tv-koproduzierte „Millennium“-Trilogie („Verblendung“, „Verdammnis“, „Vergebung“) schon einmal im Kino, damals in den Hauptrollen: Mikael Nyqvist und Noomi Rapace. Da diese Trilogie international gerade im Hinblick auf ihr moderates Budget äußerst erfolgreich im Kino sowie in den Extended Cuts im Fernsehen lief, wurde natürlich auch die Traumfabrik schnell auf den Krimi-Stoff aufmerksam. Nur circa zwei Jahre nachdem „Verblendung“ zum ersten Mal über hiesige Leinwände flimmerte kommt der gleiche Film nun wieder in die Kinos. Ich entschuldige mich bereits an dieser Stelle für die soeben begangene Majestätsbeleidigung, denn es ist natürlich nicht der gleiche Film, es ist zwar der selbe literarische Stoff, auf dem der Film basiert, aber die beiden Versionen unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten doch äußerst deutlich voneinander. Die Frage, die sich natürlich jedem Filmfreund und jedem „Millennium“-Fan stellte, war folgende: „Wer soll dieses Hollywood-Schnellschuss-Projekt solide auf die Beine stellen, ohne den Anschein einer kommerziellen Ausschlachtung zu erwecken?“ Die Wahl fiel auf David „I don’t give a fuck on what other people say“ Fincher.

So ist es eben nicht verwunderlich, dass die 90 Millionen US-Dollar-Produktion nicht nur ungemein düster, atmosphärisch und brutal ist, sondern dass sie eben auch allein schon dank der involvierten Personen, die zum Gelingen des Projekts beitragen und sich wie die Who’s-who-Liste Hollywoods lesen, die Massen ins Kino locken. Die Darstellerriege begeistert hier beispielsweise mit etablierten Stars wie Daniel Craig, Christopher Plummer, Robin Wright und Stellan Skarsgård, das Drehbuch stammt vom Oscar-Preisträger Steven Zaillian (für „Schindlers Liste“). Doch gerade die Newcomerin Rooney Mara in ihrer Rolle als Lisbeth Salander hat einen Löwenanteil daran, dass der Gesamteindruck so derart positiv ausfällt: Für ihre Tour-de-force als psychisch-labile und dennoch toughe Hackerin ist sie zu recht für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.

Aber nun zurück zur Story. Nachdem Vanger von Lisbeth Salander Nachforschungen über die Glaubwürdigkeit und die Professionalität Blomkvists hat anstellen lassen, bittet er diesen nun ein dunkles Familiengeheimnis zu lösen. Vor 40 Jahren ist Henrik Vangers Lieblingsnichte Harriet spurlos verschwunden, der Täter/Entführer/Mörder schickt Vanger nun seit 40 Jahren in der Tradition der Geburtstagsgeschenke seines Opfers eingerahmte, getrocknete Blume, die den alten Mann zunehmend in den Wahnsinn treiben. Vanger glaubt indes felsenfest daran, dass es nur ein Mitglied der Familie sein kann, das für Harriets Verschwinden/Tod verantwortlich ist, Blomkvists detektivischer Spürsinn ist nun gefragt. Dieser nimmt den Auftrag auch an und bezieht eine kleine Hütte auf der Insel, die sich im Familienbesitz der Vangers befindet und auf welcher fast alle Mitglieder des Clans auch heute noch wohnen. Um im Strudel aus religiösem Wahn, Antisemitismus, Mord und Vergewaltigung einen Hauch von Überblick zu behalten, erhält Blomkvist im späteren Handlungsverlauf Unterstützung von der eingangs erwähnten Hackerin Lisbeth Salander, die aufgrund ihrer eigenen tragischen und traumatischen Kindheitsgeschichte auch im Alter von 23 Jahren noch ein Mündel des Staates ist, was sie aber nicht im geringsten daran hindern soll, sich mit ausgefahrenen Ellenbogen inmitten von Gewalt und Hass zu behaupten.

Ich will es einmal so formulieren: Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie bietet zwar sehr gute Krimi-Unterhaltung, ist aber storytechnisch eher nicht mein Fall, da die Geschichte meines Erachtens nicht so viel hergibt, wie der Hype um die Bücher und die Original-Filme einem weismachen wollen. Nichtsdestoweniger beinhaltet die literarische Vorlage natürlich genug Potenzial, um einen spannenden Film daraus zu machen, was den schwedischen Verfilmungen auch insgesamt durchaus gelungen ist. Leider war es aber der allzu Tv-artigen und behäbigen Krimi-Inszenierung geschuldet, dass mich die Filme jetzt nicht unbedingt nachhaltig begeistern konnten. David Fincher jedoch gelingt es nun aus eben jener soliden Vorlage einen äußerst spannenden Film zu machen, was natürlich auch daran liegt, dass er ein höheres Budget zur Verfügung hatte und nur einwilligte, den Film überhaupt zu drehen, wenn er auf eine Rated-R-Freigabe hinarbeiten darf (in Deutschland vergleichbar mit FSK 16, eher sogar mit FSK 18). Und Fincher durfte, was sich als Segen für den Film herausstellen sollte. Wer den filmischen Werdegang des Regisseurs kennt, der wird sich kaum darüber wundern, dass Fincher natürlich der geeignete Mann für einen solch düsteren Stoff ist, finden sich in seiner Filmographie doch Meisterwerke wie „Sieben“ und „Fight Club“. Bei „Verblendung“ passt dann eben auch stilistisch wieder mal alles zusammen: Die großartige Kameraführung von Jeff Cronenweth, die ein ums andere Mal mit innovativen Einstellungen und Bewegungen begeistert, das Sounddesign, die Musik von Trent Reznor und Atticus Ross, die geschliffenen Dialoge aus der Feder von Steven Zaillian und der Schnitt von Kirk Baxter und Angus Wall fügen sich zu einem handwerklich nicht nur hochprofessionellem, sondern auch äußerst durchdachtem Gesamtbild zusammen. Fincher schreckt nicht davor zurück Brutalitäten zu zeigen, doch im Gegensatz zu vielen seiner Regie-Kollegen tendiert er nicht zum Voyeurismus, sondern zu Kameraeinstellungen, die symbolhaft die Bedeutung der Szenen unterstreichen und zu Einstellungen, die eben nicht die Gewalt an sich, sondern das Resultat in den Vordergrund stellen.

Was er ebenfalls anders macht ist die Auslegung des Charakters von Lisbeth: Ist sie in den schwedischen Verfilmungen doch eher ein robust wirkendes, vor Coolness strotzendes Kunstprodukt mit Badass-Attitüde, gelingt es der Neuverfilmung die menschlichen Seiten der Figur in den Fokus zu rücken. Rooney Maras Interpretation des Charakters wirkt realistischer, da fragiler und komplexer, ihr gesamtes körperliches Erscheinungsbild, ihre Kleidung, ihre Frisur, die gebleachten Augenbrauen – all jene Merkmale, egal ob angeboren oder der Maskenbildner-Abteilung zu verdanken, lassen Lisbeth Salander menschlicher und daher zerbrechlicher und emotional greifbarer erscheinen als Noomi Rapace. Meines Erachtens trägt auch die gewählte Kleidung dazu bei, insbesondere die weit geschnittenen Baggy-Pants unterstreichen Lisbeths anfängliche Zurückhaltung und Opferrolle, erst im späteren Verlauf der Story, wenn auch Lisbeth immer stärker zu werden scheint, steigert sich auch ihr Selbstvertrauen als Frau und sie beginnt, sich sexier und fraulicher zu kleiden. Ich möchte hier nicht die großartige Performance von Rapace schmälern, sondern nur herausstellen, dass die Charakterisierung von Lisbeth in der Neuverfilmung um einiges komplexer und durchdachter erscheint als in der Original-Verfilmung.

Man mag Fincher unterstellen wollen, dass seine Interpretation der Stieg-Larsson-Vorlage lediglich eine handwerklich bessere Variante des schwedischen Films darstellt, doch das ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Das Gesamtbild des Films ist auch einfach stimmiger, es steckt mehr filmischer Gestaltungswille und Hang zur eigenen Stilistik dahinter, außerdem unterscheidet sich Zaillians Drehbuch auch an einigen Stellen wesentlich vom Originalfilm und weißt eine andere inhaltliche Fokussierung und eine andere dramaturgische Gestaltung auf. An zwei kleinen, aber ungemein beeindruckenden Filmszenen soll an dieser Stelle einmal Finchers kluge Herangehensweise gewürdigt werden: Der Diebstahl von Lisbeths Tasche/Rucksack wurde im Original solide und konventionell dargestellt, ohne der Szene eine weitere Bedeutungsebene zuzumessen. Finchers Version lebt hingegen von ihrem Klangteppich und ihrer Dynamik: Da wird die Atmosphäre plötzlich fast gänzlich zurückgedreht, lediglich der Score bleibt zu vernehmen, gepaart mit einem löwenähnlichen Brüllen seitens Lisbeth, während sie ihre Tasche zurückerobert und welches ihr Innerstes deutlicher zum Vorschein bringt als es mit vielen Worten möglich wäre.

Das zweite Beispiel bezieht sich auf den kontrapunktischen Einsatz des Enya-Songs „Orinoco Flow“ während einer Folterszene: Die fröhliche Musik passt eben so überhaupt nicht zur Brutalität dieser Szene und zwingt den Zuschauer zum Nachdenken über das Gezeigte. Das ist natürlich nicht neu (Filmkenner erinnern sich dabei wohl „gerne“ an die Folterszene aus Tarantinos „Reservoir Dogs“), aber es ist ein individuellerer Ansatz als er bei den Krimi-Originalversionen überhaupt möglich war. Allein dank dieses unbedingten Stilwillens und dieser eigenen Stimme des Auteurs Fincher (obwohl er seine Drehbücher nie selbst verfasst) sei die US-Version von „Verblendung“ jedem ans Herz gelegt. Darüber hinaus sollte man Maras unter die Haut gehende Performance nicht verpassen. Ganz großes Schauspiel- und hochklassiges Spannungskino, hart und kompromisslos.

Via YouTube

Autor: Markus Schu

4 Responses to “Verblendung (OT: The Girl with the Dragon Tattoo 2011) Review”

  1. 1
    admin Says:

    Sorry aber an der Stelle muss ich einmal einhaken. Du redest von Finchers Version als eine Handwerklich bessere, ich dachte ich steh im Wald als ich das Editing dieses Films sah. Durchweg statische Aufnahmen ohne jede Rhytmik oder Emotion wild hintereinander geschnitten. Bei der ersten Szene mit Salander im Konferenzraum nutzt Fincher um die 7! verschiedenen Kamerapositionen aus absolut unnötigen Winkeln und demontiert mit dem Schnitt die gesamte Mis en Scene. Bei einem Direktvergleich mit dem Original fällt Finchers Version gnadenlos durch (bedenkt man auch das wesentlich höhere Budget und Finchers Videografie, ist das mehr als peinlich und traurig zugleich). Ich hatte den Eindruck er wusste einfach nicht wohin er will (vll. Produzenteneingriffe?), erinnert man sich an Sieben oder Fight Club, so waren diese viel düsterer und vor allem dynamischer. Wo sind die großartigen Kamerafahrten aus Panic Room? Der Mann kann es, tut es aber hier einfach nicht. Alles in allem ist Girl with the Dragon Tattoo viel zu inkonsequent und macht ihn so überflüssig wie anfangs befürchtet (okay Rooney Mara gehört jetzt wohl zur A-Liga aber war das etwa das Ziel?).
    Es gab selbstverständlich auch gute Momente wie der Showdown zu Orinoko Flow abere alles in allem war ich einfach unterwältigt.

    Vll. kommen hier auch ein paar andere Meinungen zu Wort, ist ja doch ein umstrittener Film geworden.

    Greetings
    David

  2. 2
    Markus Says:

    Glaubst du wirklich, dass David Fincher bei besagter Sequenz auf Drängen der Produzenten hin gehandelt hat? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich hab die Sequenz zwar nicht mehr in allen Details im Kopf, aber ich gehe davon aus, dass hier nichts ohne Grund/Hintergrund/Motivation geschehen ist. Bedenkt man erstens wie grandios die Kameraführung in der ersten Vergewaltigungssequenz ist und wie symbolhaft auch die anschließende Kamerafahrt auf Lisbeth wirkt (Kamera von hinter ihrem Rücken, fährt auf sie zu und schwenkt dann quasi über ihren Kopf hinweg um 180 Grad auf sie zu, wenn ich mich recht erinnere), dann sollte eigentlich klar sein, dass Fincher sich wohl bei allem was gedacht hat. Außerdem hat der Mann ja sowieso nur in die Produktion eingewilligt, wenn sie nach seinen Bedingungen (Härtegrad der Brutalität zum Beispiel) realisiert werden darf. Ich denke also nicht, dass er gerade in besagter Szene auf Produzentendrängen hin gehandelt hat. Wozu auch? Warum sollten diese eine höhere und damit eher unkoventionellere Schnittfrequenz für eine Dialogsequenz verlangen?

  3. 3
    admin Says:

    Du scheinst mich falsch verstanden zu haben. Mit Produzenteneneingriffen meinte ich eher das Gesamtresultat, dass mir für Fincherverhältnisse zu inkonsequent erscheint. Besagte Szene im Konferenzraum soll nur Beispielhaft dafür stehen, dass die ganze Angelegenheit doch recht unmotiviert und nicht so handwerklich überragend daherkommt, wie man es sich erhoffen könnte.

    Wenn du gerade nocheinmal klar machst, dass der Film nur zu Fincherbedingungen gemacht wurde, frage ich mich wieso er so konventionell wurde. GwtDT ist kein wirklich mieser Film, nur hinter allen Erwartungen aufgrund der Beteiligten zurückgeblieben.

    Greetz
    David

  4. 4
    Markus Says:

    Okay, I see. Ich denk, ich versteh nun, was du meinst, aber nachvollziehen kann ichs trotzdem nicht so ganz:) Aber da sind die Geschmäcker halt verschieden.

    Grüße,

    Markus.

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