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Tully (2018) Review

© DCM

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Da haben sich zwei gefunden. Zum dritten Mal nach „Juno“ (2007) und „Young Adult“ (2011) kooperieren mit „Tully“ Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Jason Reitman miteinander, beide haben ihren ganz eigenen Stil, doch beiden Stile passen wiederum sehr gut zueinander. Reitman dürfte sich ohnehin in den letzten Jahren (spätestens seit „Juno“, doch damit würde man negieren, wie exzellent „Thank You For Smoking“ (2005) war) einen Spitzenplatz unter den Regie-Mavericks (Außenseitern) in Hollywood erarbeitet haben, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist, seine Position aber wohl relativ gut umschreibt. Speziell „#Zeitgeist“ (2014) ist nach wie vor einer der vermutlich besten Filme über die Digitalisierung und ihre Folgen.

Dies zielt auf einen interessanten Faktor von Reitmans Schaffen ab: Jeder seiner Filme widmet sich in gewisser Weise einem anderen Anliegen. In „Tully“ ist der zentrale Aufhänger das Thema Mutterschaft, Charlize Theron (zum zweiten Mal unter der Ägide von Reitman nach „Young Adult“) spielt die vom Leben etwas mitgenommene Mutter Marlo mit bereits zwei Kindern (eines davon verhaltensauffällig) sowie hochschwanger mit einem dritten, wobei ihr liebevoller, aber sehr beschäftigter Mann Craig (Mark Duplass) ihr kaum eine Hilfe ist. Von Marlos Bruder Drew (Ron Livingston) erhalten sie den Tipp, nach der Geburt eine „Night Nanny“ einzustellen, um der völlig übernächtigten Marlo wieder etwas Schlaf zu ermöglichen. Nach ein wenig Zögern geschieht genau dies und Tully (Mackenzie Davis) betritt die Bühne. Nicht nur umsorgt sie das Neugeborene des Nachts perfekt, so dass Marlo nach und nach wieder zu Kräften kommt, zudem wird ihr Tully eine gute Freundin und Gesprächspartnerin.

Reitman beleuchtet Mutterschaft und den Umgang damit aus einem gleichermaßen komödiantischen wie auch ernsthaften Blickwinkel, wie so häufig in seinen Filmen. Die Erschöpfung von Marlo wird dabei in jeder Einstellung spürbar, ihr Umfeld macht es nicht besser, die zwar alle irgendwie sehen, dass es ihr nicht gut geht, aber auch nicht wirklich helfen, da sie nicht genau wissen, wie. Mit Ausnahme von Tully, die jedoch hilft, weil sie kann und letztlich nicht, weil sie muss. Die beneidenswert beschwingte Mackenzie Davis sowie Charlize Theron ergänzen sich wunderbar und harmonieren in ihren gemeinsamen Szenen exzellent miteinander, wohingegen der Rest etwas abfällt. Denn es ist nie ganz klar, in welche Richtung Reitman eigentlich mit seinem Film will. Soll „Tully“ eine Beschäftigung mit Mutterschaft als Institution sein? Das gelingt in Ansätzen, doch die Probleme, die Marlo umtreiben, sind weniger sozialer als eher finanzieller Natur: So kann sie sich die „Night Nanny“ nur leisten, da ihr wohlhabender Bruder die Kosten übernimmt. Dieser ökonomische Impetus wird auch mit Blick auf die Schule ihres Sohnes kurz aufgenommen, hätte jedoch deutlich mehr Potenzial geboten für die Frage, inwieweit Familie und Kindererziehung eigentlich von weniger Begüterten überhaupt finanziell akkurat gestemmt werden können. Doch die berechtigterweise angesprochene Problematik, mit wenig Geld mehrere Kinder aufziehen zu können und nicht in die Schuldenfalle abzurutschen, wird lediglich gestreift und nicht vertieft, auch die sehr leichte Kritik am Bildungssystem verpufft komplett.

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Oder ist „Tully“ ein Film über eine Freundschaft zweier Frauen unterschiedlichen Alters? Schon viel eher, aber aufgrund seiner etwas zerfaserten Struktur gelingt auch das nur unzureichend. Immerhin sind die Momente, die Marlo und Tully zusammen verbringen, meist sehr schöne und teils nachdenkliche Szenen, in denen es darum geht, was man sich in der Jugend so vom Leben vorstellt und was man später davon erreicht hat, ob man zufrieden ist oder nicht. In den entsprechenden Dialogen ist auch Diablo Codys Talent als Drehbuchautorin spürbar und man möchte, wann immer diese viel zu kurzen Szenen vorbei sind, eigentlich gleich zur nächsten springen. Wäre „Tully“ ein Film gewesen, in welchem Charlize Theron und Mackenzie Davis sich 90 Minuten lang nachts im Garten über das Wesen des Lebens unterhalten, geschrieben von Diablo Cody, Regie geführt von Jason Reitman, es wäre ein deutlich besserer Film geworden. So bleiben diese Szenen teils enorm stark, werden jedoch immer wieder unterbrochen von Konflikten, die an sich meist vorhersehbar aufgelöst werden, getragen von Figuren, die gerne einmal anfangen zu nerven. So kann man mit Marlos Bruder und dessen Frau als Klischee-Yuppie-Pärchen im Designerhaus noch irgendwie leben, doch spätestens bei ihrem Ehemann fragt man sich dann doch manchmal, ob der Kerl überhaupt Augen im Kopf hat. Die beiden führen eine durchaus liebevolle Ehe und der Film wertet ihn keinesfalls ab, aber zumindest aus Zuschauerperspektive ist nach zwei Minuten klar, dass Marlo nicht nur entlastet werden müsste (was er aufgrund seines Jobs nicht leisten kann, so sei es, und was dann ja auch Tully übernimmt), aber ebenfalls emotionalen Zuspruch und Support benötigt. Und was das angeht, stellt sich Craig über lange Zeit nicht gerade geschickt an. Als Auseinandersetzung mit der Institution Ehe und den Gewöhnungseffekten, die sie über die Jahre mit sich bringt, ist das Ganze jedoch ebenfalls zu kurz angerissen und zu oberflächlich abgehandelt.

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So bleiben dem Film zwei herausragende Hauptdarstellerinnen und immer wieder ansprechende Momente, in denen ihre gemeinsame Verbindung ausgespielt wird sowie ein, das muss man so sagen, exzellentes Ende. Cody und Reitman stellen in den letzten zehn Minuten den kompletten Film unter neue Vorzeichen, mit einer dramaturgischen Volte, die eigentlich nur konsequent ist. Hätte sich „Tully“ zudem in der Gesamtschau auf einen der hier angesprochenen Themenbereiche konzentriert, wäre der Film deutlich fokussierter geworden, doch so gestaltet er sich zu unbestimmt und daher in der Gesamt-betrachtung leider eher unspektakulär. Dann lieber nochmal „Juno“ schauen.

Autor: Jakob Larisch

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