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Total Recall (2012) Review

Paul Verhoevens Actionkracher „Total Recall“ (1990) zählt sicherlich zu den großen und durchaus einflussreichen Science-Fiction-Klassikern der jüngeren Filmgeschichte. Auch hier war es somit nur eine Frage der Zeit, wann Hollywood die Remake-Maschine anwerfen würde, um einem älteren Film ein zeitgemäßeres Gewand zu verpassen und sich damit auf eine einträgliche Einnahmequelle freuen zu können. Len Wisemans vierter Film entpuppt sich jedoch nicht als eine unnötige Neuauflage des Schwarzenegger-Vehikels, sondern als ein düsterer Actionfilm; zwar mit ein paar Schwächen, aber einer durchaus eigenen Handschrift.

Der Fabrikarbeiter Douglas Quaid (Colin Farrell) ist mit seinem Leben nur bedingt zufrieden und wird von merkwürdigen Träumen geplagt. Auf der Suche nach Zerstreuung landet er bei der Firma „Rekall“, die damit wirbt, frei nach persönlichen Wünschen täuschend echt wirkende Erinnerungen in das Gehirn des Kunden implantieren zu können. Als Quaid eine Erinnerung als Geheimagent bucht, da er diese mit seinen Träumen in Verbindung bringen kann, geht beim Prozess der Implantation allerdings etwas schief. Auf einmal sieht er sich als Gejagter einer ganzen Armada von Polizei und Militär, seine Frau Lori (Kate Beckinsale) eröffnet ihm, dass sie eigentlich gar nicht seine Frau ist und versucht, ihn umzubringen, so dass Quaid fliehen muss. Mit Hilfe der ihm aus seinen Träumen bekannten Melina (Jessica Biel) und holographischen Aufzeichnungen seines alten Selbst fügt sich das Bild Teil für Teil zusammen: Quaid (der eigentlich Hauser heißt) arbeitete zusammen mit dem Rebellenanführer Matthias (Bill Nighy) gegen den despotischen Kanzler Cohaagen (Bryan Cranston), der ihn jetzt quer durch den Planeten hetzt…

Und dieser letzte Satz ist durchaus wörtlich gemeint, denn die globale Ausgangssituation des Remakes ist eine deutlich andere als im Original. Der Film wurde im wahrsten Sinne des Wortes „geerdet“. Kein Mars und somit auch keine Mutanten, stattdessen ist die Erde nach einem globalen Krieg zu großen Teilen unbewohnbar geworden. Lediglich zwei Gebiete sind noch bevölkert: Die „Vereinte Föderation Britanniens“ (das heutige Europa) und die „Kolonie“ (das heutige Australien), welche mit einer Art überdimensionierter U-Bahn, dem so genannten „Fall“, quer durch den Erdkern miteinander verbunden sind. Während die Menschen in der Föderation die Elite darstellen, wird die Kolonie mitsamt ihren Einwohnern benachteiligt und ausgebeutet. Dieses Konzept sorgt dafür, dass das komplette Szenenbild deutlich düsterer und sehr viel weniger bunt gestaltet ist. Das Stadtbild der oberen Etagen des futuristischen Londons (am Boden leben die Menschen noch wie in heutiger Zeit) und insbesondere der Kolonie gleicht in vielerlei Hinsicht dem postmodernen Kulturenmix des 2019er-L.A. aus „Blade Runner“, die asiatisch anmutenden Schriftzeichen, der Dauerregen und die Art und Weise des Häuserbaus erinnern wohl nicht nur zufällig an Ridley Scotts SciFi-Epos von 1984, schließlich sind die literarischen Vorlagen beide von Philip K. Dick. Auch wenn die Geldscheine mit dem Konterfei von Barack Obama etwas abwegig anmuten und Dubstep in einer Disco des ausgehenden 21. Jahrhunderts eher unwahrscheinlich ist, stellt diese Welt sich sowohl inhaltlich als auch visuell durchaus kohärent dar, was nicht zuletzt am brillanten Setdesign liegt. Dieses wurde extrem fantasievoll und mit sehr viel Liebe zum Detail ausgearbeitet, wirkt zu keinem Zeitpunkt überladen oder überzeichnet und verdient von allen Faktoren des Films das größte Kompliment. Der großartige, elektrisch pumpende Score tut sein Übriges, auch die anderweitige akustische Untermalung verfehlt ihre Wirkung insbesondere während der zahlreichen Schlägerei-Sequenzen nicht.

Die Action wird im Vergleich zum Original noch mehr ausgereizt, ist dauerhaft atemlos inszeniert und kann auf beeindruckende Choreografien innerhalb der Kampfszenen bauen. Es wird geschossen, gesprungen, geprügelt und verfolgt, was das Zeug hält und es ist sehr angenehm, dass jene Sequenzen nicht wie in stilistisch weniger anspruchsvollen Werken in endlose Schnittgewitter abgleiten, sondern dass Bewegungen der Protagonisten auch mal in einer Einstellung zu Ende geführt werden dürfen. Herausragend hierbei die Szene bei „Rekall“, als Colin Farrell in einer sehr agil gefilmten Plansequenz im Alleingang die komplette Militärschwadron ausschalten darf. Aber es dürfen sich alle Protagonisten physisch profilieren, die handfesten Auseinandersetzungen zwischen Quaid und Lori zählen sicherlich zu den Höhepunkten des Films. Kate Beckinsale schießt und prügelt sich ins Herz der männlichen Zuschauer, auch Jessica Biel darf ihre offensiv ausgelegten Fähigkeiten unter Beweis stellen, beide wissen netterweise jedoch auch darüber hinaus zu überzeugen. Colin Farrell hatte im Verhältnis vermutlich die meiste Last zu schultern, da Arnold Schwarzenegger allein durch seine körperliche Präsenz im Original eine hohe physische Wirkung entfaltet, auf die Farrell nicht bauen kann. Somit transformiert er Schwarzeneggers wuchtige Erscheinung in eine eher wendige Performance und kann seinem Charakter durch seine mimische Stärke etwas mehr emotionale Tiefe verleihen, ohne in den Kampfsequenzen persönliche Abstriche machen zu müssen. Bill Nighy fällt leider eher in die Rubrik Cameo und auch Bryan Cranston hätte als Bösewicht Cohaagen gern etwas öfter auftauchen können.

Wo ein Remake, da auch ein Original und wo ein Original, da immer auch Anspielungen auf selbiges. Diese sind mal mehr und mal weniger offenkundig; zu den schönsten und einfallsreichsten gehört eine spezielle Träne in einer speziellen Szene, die eine Begebenheit des Originals gekonnt aufnimmt und weiterentwickelt. Die Frage, was Realität ist und was nicht, ist für Farrells Quaid insbesondere am Ende scheinbar deutlicher geklärt als für Schwarzeneggers Quaid, denn es wird nicht so offensichtlich offen gestaltet wie in Verhoevens Original. Leider wirkt es an einigen Stellen auch etwas überstürzt. Zehn Minuten mehr hätten dem Film im explosiven Finale durchaus gut getan, was in Bezug auf aktuelle Filme vermutlich wie ein eher exotischer Wunsch anmutet. So wirkt das Remake zwar bodenständiger und im Rahmen der diegetischen Welt realistischer, das Original jedoch in der Gesamtwirkung runder. Auch die politischen Möglichkeiten werden nur angerissen und nicht weiter ausgearbeitet. Das Bild, welches hier von einer quasi postapokalyptischen Welt gezeichnet wird, ist nämlich durchaus ernstzunehmen. Keine Hochglanz-Zukunft, sondern ein Leben in einem dreckigen und korrupten Umfeld als Mitglied des von der Elite so betrachteten Bodensatzes der Gesellschaft ist etwas, was sich für einen Großteil der Menschen in der Kolonie geradezu zwingend darzustellen scheint. Niemand hinterfragt, niemand jenseits der Rebellen begehrt auf, die Präsenz von permanenter Überwachung scheint keinen zu stören, fast fatalistisch wird dem täglichen Trott nachgegangen. Diese Punkte hätten für deutlich mehr inhaltlichen Zündstoff innerhalb des Films sorgen können, so liegt der Fokus jedoch auf der in der Tat fulminanten stilistischen Umsetzung.

Das Update von „Total Recall“ ist somit zwar nicht wirklich als politisches Statement zu verstehen, weiß jedoch zumindest als ein durchaus beachtenswertes Actionfeuerwerk ohne große Umschweife zu überzeugen. Regisseur Len Wiseman zeigt, dass ihm das Feld des Genres nicht fremd ist und bringt diesbezüglich mehrere erstklassige Szenen hervor. Zwar ist der Film im Gegensatz zu Verhoevens Original kein Film, der länger im Gedächtnis haften bleibt, für einen launigen Abend jedoch allemal geeignet und ein spaßiger Zeitvertreib für Zuschauer, die dringend mal wieder einen Adrenalinschub brauchen.

Autor: Jakob Larisch

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