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Tops und Flops 2013 – Die zweite Perspektive

Flop 5

5. Star Trek Into Darkness

Ein auf keiner Ebene sinnvoller oder gar guter Actionfilm, der das Erbe von Spock und Kirk mit Volldampf in den Sand setzt und sie zu beliebig austauschbaren Figuren in einem beliebig austauschbaren Universum macht. Dazu ein Bösewicht ohne Profil und ohne Motivation, der jedoch ein wundervolles dramaturgisches Alibi bietet, aus niederen Motiven loszuziehen und ihn zu jagen. Lässt sich hoffen, das J.J. Abrams die „Star Wars“-Welt nicht ebenso gegen die Wand fährt.

4. To the Wonder

Es geht um Liebe (oder auch nicht?) und das 112 Minuten lang, welche sich jedoch hinterher wie die doppelte Laufzeit aller drei „Herr der Ringe“-Filme in ihrer Extended-Fassung anfühlen. Gähnend langweilige Bilder von Kornfeldern wechseln sich ab mit gähnend langweiligen Bildern von Ben Affleck und Olga Kurylenko, die sich auf eine Art und Weise auseinanderleben, die den Zuschauer vermutlich ebenso quält wie die Charaktere. Aber nicht, weil man etwa Zugang zu ihrer Gefühlswelt erhielte, sondern einfach nur, weil es jedweder Ereignishaftigkeit entbehrt. Wenn das der Sinn sein soll, dann hat der Film voll funktioniert. Aber dann wäre er auch schlichtweg überflüssig.

3. Zero Dark Thirty

Kathryn Bigelow gibt ihre bislang als kritisch wahrgenommene Haltung zu den Auslandseinsätzen des US-Militärs grundlos auf und versucht sich an einer globalen Sinnsuche, die von vorne bis hinten scheitert. Auf einmal scheint es für sie in Ordnung zu sein, Gefangene zu foltern, um an notwendige Informationen zur Jagd auf die erklärten Feinde des Landes zu machen. Die Mechanismen, der Sinn und vor allem die Konsequenzen des von den USA proklamierten „War on Terror“ werden hingegen als gegeben und unveränderbar hingenommen und nicht ein einziges Mal kritisch seziert. Aber Neutralität ist nicht immer geboten, eine klare Stellungnahme wäre es in diesem Fall hingegen schon. Ein Wunsch, der nicht erfüllt wird, ein Film, der sich damit selbst disqualifiziert.

2. Der große Gatsby

Was hätte daraus werden können! Ein opulentes Bilderfeuerwerk mit Starbesetzung! Stattdessen ist der neue Streich von Baz Luhrmann lediglich ein liebloser und viel zu langer Versuch eines Bilderrausches, der den Zuschauer in seiner willkürlichen Mixtur aus Farben, Festen und einer Verweigerung von sinnvoller Dramaturgie langweilt und geneigt ist, Epilepsie hervorzurufen. Es ist ein Teufelskreis: Die Bilder sind da, weil sie da sein sollen, aber sie sollen auch nur da sein, um da zu sein. Was somit maximal als „l’art pour l’art“ hätte funktionieren können, verkommt jedoch zum reinen Selbstzweck und bleibt lediglich als Warnung, den Einsatz von CGI doch bitte auf das Nötigste zu beschränken und in den gegebenen Szenen die Praktikanten möglichst vom Rechner fernzuhalten.

1. Man of Steel

Kein schlechter Film. Aber einfach eine Riesenenttäuschung. Was hatten die Trailer für eine Erwartungshaltung geweckt, was hatte man sich von der künstlerischen Kollaboration des Christopher Nolan mit Zack Snyder versprochen, der bislang zumindest visuell anständige Werke fabriziert hatte. Was jedoch herauskam, bringt die Krankheit des Kinosystems unserer Zeit auf den Punkt: Immer mehr Spektakel, immer bahnbrechendere Visualisierungen ferner Welten, immer weniger Inhalt mit einer schrumpfenden Essenz hinter der Oberfläche. War mit dem Aufkommen des Attraktionskinos die Handlung zumindest noch ein Auslöser für spektakuläre Bilder, so ist sie nun kaum mehr existent. Die für jeden auch nur halbwegs guten Film essentielle und ohne Zweifel sehr flexible Waage von Stil und Substanz wird immer mehr nur noch auf einer Seite beladen, was mit beängstigender Gleichgültigkeit auf Kosten der anderen geht. Die Macht des Kinos, Geschichten zu erzählen, schwindet. Sieben dramaturgisch völlig unmotivierte „deux ex machina“-Momente in einem Film dieser Größenordnung? Und nebenbei taugt ein Superheld, der mutwillig tausende unschuldiger Menschen sterben lässt, da er sich kein anderes Spielfeld für eine intergalaktische Schlägerei suchen kann, in keinem Fall zu einer Identifikationsfigur. Auch wenn Zack Snyder das Gegenteil behauptet: Die „Avengers“ haben mit Bravour gezeigt, wie man eine Stadt vor einer schier endlosen Bedrohung retten kann, ohne gleich siebzig Prozent ihrer Einwohner mit zu vernichten. Einen Trost hat der Film jedoch: „Batman vs. Superman“ bzw. „Man of Steel 2“ (angekündigt für 2015) kann nur besser werden!

Top 10

10. You’re Next

Bereits oft wurde darauf hingewiesen, so sei es hier nochmals final erwähnt: Endlich findet ein herausragender Horrorfilm mal wieder den Weg ins Kino und bewegt sich dabei jenseits von Geistern und übersinnlichen Kräften sowie vor allem jenseits von Sequels und Reebots! „You’re Next“ präsentiert ein in sich konsistentes, logisches und vor allem überschaubares filmimmanentes Universum, das der Handlung einen zentralen Stellenwert einräumt und sie nicht nur als Auslöser für Schockmomente missbraucht. „You’re Next“ ist straight inszeniert, provokant, mutig und bodenständig, spielt mit Erwartungen des Zuschauers genau wie mit Klischees und zitiert sich dabei quer durch die Horrorfilmgeschichte – bitte mehr davon!

9. Die Jagd

Thomas Vinterberg, der sich bereits mit seinem Debütfilm „Das Fest“ (1999) als ein Spezialist des unbequemen Kinos positionierte, setzt diese Tradition mit seinem neuesten Streich fort. Angeführt von einem herausragenden Mads Mikkelsen und gefestigt durch ein brillantes Ende führt „Die Jagd“ in die Abgründe des menschlichen Zusammenlebens und verdeutlicht, wie dünn doch die Grenze zwischen unserer „offiziell“ zivilisiert-rechtsstaatlichen Gesellschaft und einer real existierenden populistischen Stimmungsmache sowie der nach wie vor scheinbar ungebrochen hohen Attraktivität von Lynchjustiz ist.

8. Before Midnight

Nach weiteren neun Jahren Pause und ihren zwei vorherigen Zusammenkünften in „Before Sunrise“ (1995) sowie „Before Sunset“ (2004) sind Ethan Hawke und Julie Delpy unter der Ägide von Regisseur Richard Linklater ein erneutes Mal auf der Leinwand zu sehen und verdeutlichen, was eine gute Fortsetzung ausmacht: Kontinuität bei Abwechslung. Während die (positiv gemeinte) Dialoglastigkeit der ersten beiden Teile als Grundkonzept erhalten bleiben (den groben Rahmen des Films bilden insgesamt drei lange Konversationen), so ändern sich doch die Vorzeichen: Nachdem Celine und Jesse sich 1995 kennenlernten und 2004 zusammenkamen, so sind sie nun gemeinsame Eltern und seit Jahren verheiratet. Ein erhöhtes Konfliktpotenzial also, welches dann auch komplett ausgespielt wird. Nach wie vor brillante Dialoge treffen auf eine nun nicht mehr ganz so romantische, sondern auf dem Boden des Realismus angekommene, sich schonungslos gegen jedwede zuckersüße Hollywood-Verklärung stemmende Beziehungsgeschichte, die wieder einmal Lust auf mehr macht. Mal schauen, ob man 2022 auf einen vierten Teil gespannt sein darf!

7. Django Unchained

Dieses Mal also der Western. Nachdem Altmeister Quentin Tarantino im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte bereits mehrere Genres durch den stilistischen Fleischwolf drehte, nimmt er sich nun eines zentralen Elements des amerikanischen Mythos an und beweist, dass er auch neunzehn Jahre nach seinem Meisterwerk „Pulp Fiction“ (1994) nichts von seiner inszenatorischen Schlagkraft verloren hat. Seine postmodernen Zitatcollagen sind ein Heidenspaß, die Dialoge sind messerscharf und die Schauspieler geben brillante Leistungen zum Besten. Nebenbei kommt der Film einem kaum verhohlenen Aufruf zur Revolution gleich…ein in von politischer Unruhe geprägten Zeiten ein nicht zu unterschätzendes Statement eines durchgeknallten Filmemachers.

6. Only God Forgives

Jede Einstellung ein Kunstwerk! So oder so ähnlich lässt sich das stilistisch über jedweden Zweifel erhabene Meisterwerk von Nicolas Winding Refn wohl adäquat zusammenfassen. Was das Ganze in der Gesamtwirkung hermeneutisch gesehen soll, ist zwar weniger klar, dafür jedoch sieht das Drogen-Boxer-Gewalt-Gemisch ohne Einschränkung ästhetisch formvollendet aus und kann sich zusätzlich auf einen grandiosen Soundtrack verlassen. „Style over Substance” war gestern – „Only God Forgives“ beweist: Style is Substance!

5. Spring Breakers

Auch bei Harmony Korines filmischem LSD-Trip stellten sich diverse Kritiker die Frage, was das Ganze eigentlich soll. Prätentiöses Stilgewitter ohne Sinn und Verstand oder aber subversive Aufarbeitung der amerikanischen Gegenwartskultur? Die Tendenz geht definitiv zur zweiten Auswahl, entlarvt Korine in seinem Film doch die sich rein aus emotionalen wie materialistischen Oberflächenkonstruktionen zusammensetzende US-Gesellschaft und dekonstruiert bereits in den ersten drei Minuten die amerikanische Tradition der „Spring Breaks“, indem er sie als das zeigt, was sie sind: Übersexualisierte Drogengelage ohne Blick auf die Folgen. Ein Spiegel unserer Lebensweise und unseres Wirtschaftssystems also; eigentlich sind wir alle „Spring Breakers“ und sollten uns bei gravierenden politischen Problemen besser nicht auf eine als James Franco getarnte Erlöserfigur verlassen.

4. Iron Man 3

Das dritte Soloabenteuer des Robert Downey Jr. macht in Sachen Humor und Action genau da weiter, wo „The Avengers“ (2012) aufhörte und geht in Bezug auf den Subtext sogar noch einen Schritt weiter. „Lethal Weapon“-Drehbuchautor Shane Black zeigt, dass er krachende Actionszenen und brüllend komische Dialoge nicht nur auf der Text- sondern ebenso auf der Inszenierungsebene beherrscht und liefert den bislang besten Beitrag der Marvel-Solo-Filme. Und an alle, die darüber heulen, dass der Mandarin der Comicvorlage entzaubert wurde: Hierbei handelt es sich nicht um eine Literaturverfilmung, sondern lediglich um Anleihen aus dem ohnehin gigantischen Marvel-Universum! Dass aus dem kreativen Umgang mit der Vorlage eine der politisch progressivsten Comicverfilmungen der letzten Jahre resultierte, wird darüber speziell in den diesbezüglich scheinbar oberflächlichen USA leider gern vergessen, handelt es sich dabei doch um das Kernstück des ersten Films aus Marvels „Phase 2“!

3. Gravity

Die „intensivsten 90 Minuten des Kinojahres“ (Markus Schu) sind ein bahnbrechendes Meisterstück des visuellen Attraktionskinos. Das Kammerspiel von Regisseur Alfonso Cuarón schafft es, den Zuschauer in seine Atmosphäre förmlich einzusaugen und enthebt ihn dadurch inmitten spektakulär gefilmter Weltraum-Szenen vollständig der Realität des Kinosessels. Ein episches Werk, dessen Faszination sich in Worten fast nicht messen lässt, so sensationell sind seine Bilder. Nebenbei schuf Cuarón einen der seltenen Filme, bei welchem der Einsatz von 3D-Technik auf atemberaubende Weise lohnenswert ist.

2. Kick-Ass 2

Inmitten des Wirbelsturms aus Gewalt und schwarzem Humor, den Regisseur Jeff Wadlow in seinem Superhelden-Sequel auf den Zuschauer loslässt, findet sich einer der intelligentesten Filme des Jahres, welcher sich im besten Sinne als ein metadiegetisches Spiel der Möglichkeiten entpuppt. Was kann ein Superheld können und wo verläuft die Grenze zwischen den Möglichkeiten realen und fiktiven Handelns? Mitten durch den eigenen Film, der als ein zentrales handlungstragendes Moment seine eigene Wirklichkeit noch mehr als der erste Teil permanent selbst thematisiert und dies mit einer Reflexion unserer und damit der medialen Welt des Films verknüpft. So werden gleichermaßen Mechanismen Hollywoods und die damit verbundenen Mechanismen der Massenmedien entlarvt und in den Kontext einer immer gewaltvoller werdenden Gesellschaft eingebettet. Abgerundet durch ein famoses Drehbuch und herausragende Darsteller gelang es selten einem Film, einen derart elementaren Subtext mit einer derart lustigen Inszenierung zu verknüpfen.

1. Elysium

Nicht nur der beste, sondern auch der wichtigste Film des Jahres, da er (in der Tat ähnlich wie „Spring Breakers”) unserer Zeit einen adäquaten Spiegel vorhält und uns nach den Konsequenzen unseres Handelns und unserer Moralvorstellungen fragt. Sich dabei der Mittel des Blockbusters bedienend, vereint er fulminant actiongeladenes Attraktionskino auf eine derart kongeniale Weise mit soziopolitischem Anspruch, dass er sich in der Gesamtschau aller in ihm vereinten Elemente als eine geschlossen abgestimmte Mischung erweist und dadurch einen direkten Zugang zur Thematik ermöglicht. Wer wissen will, wie unsere Welt hinter ihrer medialen Hochglanzfassade aussieht und wie kaputt unsere Gesellschaft doch ist, der schaue sich „Elysium“ an!

Autor: Jakob Larisch

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