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Tops und Flops 2013 – Die fünfte Perspektive

Flop 5


5. Man of Steel

Das Männlein aus Stahl ist eines der anschaulichsten Beispiele für die Tendenz des gegenwärtigen Hollywoodkinos, trotz Riesenbudgets offensichtlich nicht einmal Peanuts in die Finanzierung der Drehbuchentwicklung zu investieren. Nicht verwunderlich, dass dabei ein von Logikfehlern durchsetzter dramaturgischer Flickenteppich entsteht, der gerade so von deus-ex-machine-Schlüssen lose zusammengehalten wird. Obwohl Zack Snyder in den Rückblenden unbestreitbar ein besonderes Gespür für die visuelle Gestaltung beweist, bleibt dieses Potential beinahe gänzlich ungenutzt. Snyder setzt auf Spektakel, um über die angesprochenen Mängel hinwegzutäuschen – das allerdings, ist mit die größte Schwäche an „Man of Steel“.

4. Don Jon

Das Staraufgebot in Joseph Gordon-Levitts Regiedebüt und der witzige Trailer haben auch hier die Erwartungen steigen lassen. Im Endeffekt reicht es für Gordon-Levitt aber auch nur zu einem besseren Schweighöfer. Zwar liefert er mit „Don Jon“ im Grunde einen soliden Film ab und beweist sowohl Humor als auch einen sicheren Umgang mit filmischen Mitteln, da das Ende aber so nervt, reicht es doch für eine Platzierung in der Flop-Liste. Hingegen all seiner Ambitionen wird am plakativen Umgang mit Frauen und deren Stereotypisierung in zwei Kategorien festgehalten, die Barbaras und die Esthers. Gordon-Levitt steigt mit der Thematisierung der Pornosucht auf den Zug auf, die RomCom mit einem ernsten Thema zu unterfüttern, wie es sich aktuell als neuer Trend abzeichnet (so zum Beispiel auch in „Love and Other Drugs“), der gewünschte Aha-Effekt stellt sich aber nicht ein, der Film endet schwülstig sentimental und völlig uninspiriert.

3. Das ist das Ende

Der Film zeigt, dass ein großes Staraufgebot auch in die Hose gehen kann, nämlich genau dann, wenn dieses aus einer postpubertären Männertruppe besteht, die denkt, sie wäre saukomisch. Was dabei rumkommt? Penishumor. Und noch mehr Penishumor. Und dann noch ein bisschen Penishumor.

 


2. The Bling Ring

Sofia Coppola stellt sich – hingegen der Erwartungen nach ihren beiden ersten Langfilmen – wohl doch als das untalentierteste Familienmitglied des Coppola-Clans heraus. The „Bling Ring“ ist ihr bisher schlechtestes Werk und bildet damit vorerst die Spitze des Eisberges der Mittelmäßigkeiten. Zumindest kann man dem Film zu Gute halten, dass er den sinnentleerten Lebensinhalt der Jugendlichen auf die Filmsprache übersetzt und die blassen Darsteller mit ihrer vor Langweile triefenden Performance das Bild der Protagonisten unterstreichen. Die Einbrüche laufen immer nach Schema F ab und sind damit so monoton wie das Leben besagter gelangweilter Rich-Kids. Der Film bleibt mit seiner verhaltenen Gesellschaftskritik so oberflächlich und belanglos wie eine Verfilmung eines Boulevardblatt-Artikels es eben auch vermuten ließ. Höhepunkt der 90 Minuten dahinkrankenden Handlung ist Emma Watsons 30-sekündiger lasziver Zungenaufschlag.

1. Der große Gatsby

Baz Luhrman hatte wohl die besten Voraussetzungen, um aus Fitzgeralds Roman ein pompöses filmisches Meisterstück zu schaffen, allerdings setzt er das ganze Projekt komplett in den Sand. Der Film ist eine visuelle Katastrophe, der auf Effekthascherei beruht. Schlechte Animationen, Schnittgewitter und wahnwitzige Kamerafahrten, die den Zuschauer schwindelnd machen und rein dem Selbstzweck dienen, verderben die eigentlich tolle Idee. Luhrman hätte sich lieber auf seine früheren Romanadaptionen besinnen sollen, anstatt alle Gedanken allein an die 3D-Auswertung zu verschwenden. Mit „Romeo und Julia“ hat er bereits eindrucksvoll bewiesen, wie eine zeitgenössisch moderne Adaption eines Literaturklassikers glücken und mit seinem eigenwilligen visuell überbordenden Stil harmonieren kann. Deshalb ist „Der große Gatsby“ die Enttäuschung des Jahres: Baz, du hättest es einfach besser machen können!

Top 10

10. Der Schaum der Tage

„Der Schaum der Tage“ besticht vor allem durch den Ideenreichtum und die blühende Fantasie von Regisseur Michel Gondry. Angenehm unaufdringlich in Bezug auf die Emotionalisierung des Zuschauers, dafür aber umso opulenter in Ausstattung und Design, kann man getrost über die dramaturgischen Schwächen hinwegsehen und den „Oberflächenrausch“ genießen.


9. Trance

James McAvoy, die Erste und auch hier wie in „Drecksau“ eine unerwartete Charakterwendung, eingeleitet durch Plot Twists. Was als unspektakuläres Heist Movie beginnt, entwickelt sich in einem alptraumhaften Strudel zur Psychonummer. Boyle steigert die Spannung bis zum Zerreißen, immer tiefere Einblicke in die Psyche der Hauptfigur werden gewährt, der Wahnsinn immer offenbarer, nach und nach Geheimnisse enthüllt, während die Atmosphäre immer fiebriger wird und in einem fast tranceartigen Zustand kulminiert. Der typische Boyle-Stil lässt zwar ein bisschen vermissen, „Trance“ bietet aber dennoch spannendes Unterhaltungskino, das zu mehr taugt als schnell vergessenen 90 Minuten „Abschalten“.

8. The Place Beyond the Pines

Bereits mit seinem ersten Langfilm „Blue Valentine“ hat Derek Cianfrance eine Richtung für sein nachfolgendes Oeuvre vorgegeben und eine Vorliebe für den Zusammenbruch der Familie zu erkennen gegeben, welche keine Einheit mehr darstellt, sondern aus Einzelparteien besteht; das Ganze kombiniert mit innovativen Erzählstrategien. Während in „Blue Valentine“ die Ehe im Fokus steht, widmet sich Cianfrance in „The Place Beyond the Pines“ der Vater-Sohn-Konstellation. Und dies nicht nur anhand einer Geschichte, wie der Trailer suggerierte, sondern in gleich drei Filmen, welche Cianfrance virtuos in einen Erzählfluss verschmilzt. Zweimal kommt es zu Endpunkten und einem neuen Ansetzten Cianfrances, um neu zu beginnen und weiterzuerzählen. Die Intimität und Einfühlsamkeit, die „Blue Valentine“ bereits so großartig gemacht hatte, steht in „The Place Beyond the Pines“ im Wechsel mit Action-Szenen, Cianfrance gelingt damit eine ausgewogene Mischung aus Mainstream und Independent, die in allen Belangen überzeugt. Großes Drama, besonderes Kino.

7. Blau ist eine warme Farbe

Der Skandalfilm des Jahres, welcher einerseits einen Affront in der lesbischen Kommune auslöste, andererseits zum Überraschungserfolg in Cannes avancierte und das erste Mal nicht nur dem Regisseur, sondern auch den beiden Hauptdarstellerinnen die goldene Palme einbrachte – zu recht. Das wirklich skandalöse Potential dieses Films liegt nicht etwa in der siebenminütigen Sexszene, die heftige Kontroversen auslöste, sondern in seiner Eindringlichkeit. So gekünstelt die lesbischen Sexszenen laut Kritik vielleicht auch sein mögen, so schonungslos und authentisch sind doch die Emotionen, die vor allem Newcomerin Adèle Exarchopoulos mit einem Gesichtsausdruck zu vermitteln imstande ist. Der Film ist so nah, dass man sich ihm nicht entziehen kann, ob man da nun nackte Hintern und Schmambehaarung oder offene Münder beim Essen und Rotz beim Weinen aus der Nase fließen sieht – es gibt kein Entkommen. Und das ist obszön und wunderschön zugleich!


6. Die Tribute von Panem – Catching Fire

So lange wie möglich habe ich einen Bogen um die gehypte „Hunger Games“-Reihe gemacht, welcher ich im Vorfeld skeptisch begegnet bin. Zu Unrecht, denn die Twilight-bedingten Vorbehalte und das allzu hysterisch problematisierte Frauenbild in den Kritiken wurden einfach vom Sturm der Handlungen weggeschwemmt, der mich mitgerissen hat. Auch wenn Katniss bei näherer Betrachtung einen durchaus unsympathischen Charakter abgibt und Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence in den emotionalen Momenten nicht sonderlich überzeugen konnte, bleibt doch immer noch die übrige Bevölkerung von Panem, allen voran Peeta, Gael und Haymitch, mit welchen mitgefiebert werden kann. Und dann macht man sich ja irgendwie doch Sorgen um Katniss, wenn sie als Dreh- und Angelpunkt der Revolution in der Arena ums Überleben kämpfen muss. Obwohl der dystopische Zukunftsentwurf durch die immer größer werdende Arm-Reich-Schere und die steigende Fremdbestimmung nah am Puls der Zeit liegt, entführt „Catching Fire“ in eine andere Welt, aus der man erst durch den Einfall des Lichts in das Dunkel des Kinosaals am Ende der Vorführung wieder auftaucht. Ganz besonders gelungen ist im zweiten Teil wiederum die Frage nach Wahrheit und Schwindel, welche bereits in Teil 1 gestellt wurde: Bis zum Schluss erahnt man nicht, wer Freund und Feind ist. Teil 3 wird nach der Auflösung umso sehnsüchtiger erwartet.

5. Oh Boy

Jan Ole Gerster trifft mit seinem Spielfilmdebüt genau ins Schwarze – um es mit den Worten von The Who zu sagen: „This is my generation“! Entschleunigt und zurückgenommen stimmt das ebenso melancholische wie humorvolle Generationenporträt eine Hymne auf Berlin und den Flaneur der Gegenwart an, „Sinfonie der Großstadt 2013“. Wenn Student Niko (Tom Schilling) mal wieder zu sehr in die Sinnsuche, den Weltschmerz oder die Zukunftsangst versinkt, die sich viel mehr als eine Angst vor zu vielen Möglichkeiten als keiner Alternative entpuppt, zaubert der Running Gag vom Suchen und Nicht-Finden eines stinknormalen schwarzen Kaffees die nötigen „Comic Relief“-Momente. Deutsches Kino, wie es ebenfalls sein kann, amüsant, tiefgründig, einfach gut!

4. Drecksau

Auch wenn der Humor manchmal über die Schmerzgrenzen hinaus derb daherkommt und man in der schottischen Originalversion kaum ein Wort versteht, muss man diesen Film gerade auch aus diesen beiden Gründen einfach lieben. Wer bei dem Abgesang auf die schottische Gesellschaft und den korrumpierten Polizeiapparat lediglich eine 97-minütige „Schweinerei“ ohne moralische Läuterung erwartet, ist allerdings nicht ganz richtig aufgehoben. Ich für meinen Teil bin beruhigt, dass es doch eine Erklärung und vor allem einen Grund für das Drecksautum gibt. Dieser Umschwung der Handlung im letzten Drittel komplettiert den Film nicht nur, sondern fügt ihm eine weitere Ebene hinzu und bietet James McAvoy Raum, auch hier wieder in seiner Rolle zu brillieren. Souverän und glaubwürdig verkörpert er beide Seiten der Medaille.


3. Ginger & Rosa

Vor der Folie der angespannten politischen Situation der 1960er Jahre und doch irgendwie zeitlos erzählt dieser Film von Liebe und Freundschaft und davon, wie beides zerbricht. Wie kannst du nur an die Liebe denken, wenn die Welt den Bach runtergeht?! Ginger und Rosa sind beste Freundinnen seit sie denken können, mit der Pubertät entfernen sie sich mehr und mehr voneinander: Während Ginger zunehmend politisiert und in ihrem Denken radikaler wird, träumt Rosa einzig und allein von der großen Liebe und beginnt schließlich eine folgenschwere Affäre. Die drohende nukleare Katastrophe wie ein Damoklesschwert stets über sich schwebend, erfährt Ginger vom „Familienzuwachs“. Dieses einfühlsam fotografierte Porträt einer Mädchenfreundschaft mit offenen Ende kommt ohne große Sentimentalitäten aus und beleuchtet sowohl die Ideale als auch die Neurosen zweier Generationen Ende der 1960er Jahre.

2. Stoker

Das Verblüffende an „Stoker“ sind die falschen Fährten, die Chan-Wook Park in seinem US-Debüt legt. Er beschwört durch Allusionen und die Inszenierung eine mythisch-märchenhafte Atmosphäre herauf, nur um diese im nächsten Moment mit einer kalt(blütig)en Thrillerästhetik zu brechen. Resultat ist ein enigmatischer Genremix aus Gothic-Horror, Psychothriller und Coming-of-Age, dessen Story und Optik einen gleichermaßen fesseln.


1. Take this Waltz

„New things get old.“ Diese Feststellung einer älteren Dame im Film steht stellvertretend für die gesamte Story, welche von nicht mehr und nicht weniger handelt, als der Vergänglichkeit der Liebe. Regisseurin Polley ist nah dran an der Realität und schreibt die Geschichte nach einem vermeintlichen Endpunkt über die Hollywoodkonvention hinaus fort. Authentisch wie selten erzählt sie vor allem über die Sprache der Bilder ohne viele Worte zu verlieren und durch die kluge Variation von ähnlichen bzw. gleichen Motiven. So endet der Film fast so, wie er begann; mit einem sehnsuchtsvollen Blick in den Backofen, der die Welt bedeutet: Die Begierde auf das Neue und Aufregende kann nur kurzzeitig gestillt werden, auch die zweite Beziehung scheitert am Alltag, der die Leidenschaft verdrängt. Höhepunkt bildet definitiv die letzte Szene, welche Margo (Michelle Williams) während einer Karussellfahrt begleitet und ein zugleich trauriges Ende sowie einen hoffnungsvollen Neubeginn bedeutet.

Autorin: Felicitas Hilge

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