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Thor: Tag der Entscheidung (2017) Review

© Disney / Marvel Studios 2017

© Disney / Marvel Studios 2017

Seit dem ersten Kino-Auftritt Iron Mans vor nun fast zehn Jahren sind die Marvel-Helden aus der Blockbusterlandschaft nicht mehr wegzudenken und 2017 könnte dabei durchaus als die „bunte Periode“ des Studios in Erinnerung bleiben. Denn wo die Captain Americas, die Avengers und sogar die schrilleren Guardians zwar immer mit lockerem Ton, aber auch gedämpften Farben die Leinwand für sich beanspruchten, leitete doch spätestens „Dr. Strange“ die Kehrtwende ein – und das „Guardian of the Galaxy“-Sequel feierte sein Filmende mit einem bunt-knalligen Weltraumfeuerwerk kurzerhand selbst und farbenfroh. Nur passend also, wenn das in der Vorlage schon immer etwas abgespacedere „Thor“-Universum in seiner dritten Auskopplung der aktuellen Linie weiter folgt und seine Weltenhatz zwischen Hulk-Grün und Alien-Rosa anlegt. Und das, obwohl sich doch am Horizont schwarze Wolken für Thor, Loki und ihr Volk auftun.

Denn der deutsche Verleihtitel „Tag der Entscheidung“ mag das Schicksal der Figuren nicht annährend so gut voraussagen wie das Original; „Ragnarok“, die Apokalypse, das Ende der Welt in der nordischen Mythologie und auch für Göttervater Odin (trotz Kurzauftritt wie immer einprägsam: Anthony Hopkins) keine Spukgeschichte für die Kleinen, sondern unabwendbare Realität. Die Zeit des Allvaters geht zu Ende, seine Kraft schwindet und damit auch sein Einfluss auf eigentlich für immer weggesperrtes Böses. Das müssen Göttersohn Thor (Chris Hemsworth) und Adoptiv-Bruder Loki (Tom Hiddleston) am eigenen Leib erfahren, als sie plötzlich der asgardischen Totengöttin Hela (Cate Blanchett) gegenüberstehen und ihnen nach einem demütigenden Geplänkel nur die überstürzte Flucht bleibt. Ihre hastige Irrfahrt per Bifrost führt sie dabei aber nicht ins heimische Asgard, um den Thron von der scheinbar unbesiegbaren Hela zurückerobern zu können, sondern lässt sie auf der Sklavenwelt Sakaar stranden. Thor gerät in die Fänge einer Sklavenjägerin (Tessa Thompson) und muss sich fortan für die Gladiatorenspiele des Grandmasters (Jeff Goldblum) als Prügelknabe verdingen. Es gilt also nicht nur, sich aus der Gefangenschaft zu befreien, sondern auch Asgard vor seinem Ende durch Hela zu bewahren. Und dabei stolpern Thor und Loki über einige alte Bekannte.

Von den drei Großen des MCU Iron Man, Captain America und eben Thor hatte sich Letzterer bisher immer als etwas stiefkindlich herausgestellt. Wo Iron Man auch mal schlingernde Wege gehen konnte, blieb die erdende Konstante doch stets das schier unendliche Charisma von Robert Downey Jr., während die Filme um Steve Rogers mit interessanten Politik-Metaphern und einer zum Schneiden dicken Dichte punkten konnten. Für den Odinsohn schien dagegen nach dem ersten Film bereits die Luft raus, das unterhaltsame Götter-Shakespeare des ersten Teils, inszeniert von Kenneth Branagh, wich in Teil 2 plumpen Weltuntergangsszenarios. Anstatt die neun Welten zu erkunden, spielte ein Großteil der Handlung auch aufgrund von Love-Interest Jane Foster (Natalie Portman) dann doch wieder auf der nur allzu bekannten Erde. Mit deren Weggang scheint sich „Thor 3“ also leichter von diesen Fesseln lösen zu können; dass Praktikantin Darcy (Kat Dennings) und Dr. Selvig (Stellan Skarsgard) aus den Vorgängern hier komplett fehlen, dürfte vielen erst Tage nach dem Kinobesuch ein- und auffallen. Und so nutzt der Film seine neu gewonnene Freiheit vom blauen Planeten, um unter der Regie des neuseeländischen Comedian Taika Waititi nicht nur zum spacigsten, sondern auch zum lustigsten Film der Reihe, mit dieser hohen Gag-Quote wahrscheinlich sogar zu einem der humorigsten Filme des MCU zu werden. Gerade im ersten Filmdrittel steht Spaß an erster Stelle; ob ein in Ketten gelegter Göttersohn, der einem lebensbedrohlichen Verhör jede Ernsthaftigkeit nimmt oder eine Theateraufführung der Geschehnisse aus dem letzten Teil (wo nicht nur Anthony Hopkins, sondern auch ein brüllend komischer Gastauftritt noch einmal richtig aufspielen dürfen), bevor Schurkin Hela auf den Plan tritt und dem Spaß vorerst ein Ende bereitet, um den Plot in seine dramatische Richtung zu lenken. In diesen Momenten zu Beginn zündet eigentlich jeder Gag, die Lacher sind groß, die Stimmung in und vor der Leinwand ausgelassen und auch nach dem Stimmungsknick durch den ersten Plotpoint behält der Film seinen Ton auch auf der Sklavenwelt Sakaar komplett bei. Die für Marvel inzwischen typischen ironischen Brechungen sind dabei natürlich wieder mit von der Partie. Daran beteiligen sich sogar Schurkin Hela selbst und auch der Besuch in Dr. Stranges Refugium wird zu einer einzigen Aneinanderreihung von visuellem und verbalem Humor, die den Film auf eine vielleicht unerwartete, aber absolut unterhaltsame Reise zu schicken gedenkt.

© Disney / Marvel Studios 2017

© Disney / Marvel Studios 2017

„Have your cake and eat it, too“ – dieser leider so unübersetzbare Begriff aus der englischen Sprache wird meist dann ins Gespräch gebracht, wenn jemand unbedingt an zwei Sachen festhalten möchte, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Und wie der Kuchen eben nicht gleichzeitig gegessen und aufbewahrt werden kann, so ist es auch fraglich, ob ein Film „Ragnarok“ heißen und die Apokalypse erzählen kann, während der Erzählton aller Beteiligten eigentlich auf selbstreferentiellen Spaß gebürstet scheint. Die Antwort ist hierbei ein klares Nein; „Thor: Tag der Entscheidung“ ist ein Film in zwei Teile gespalten wie per göttlichem Hammerschlag und schafft es bis zum Ende nicht, diese wieder miteinander zu vereinen. Im finalen Drittel des Films liegen so auch die größten Schwierigkeiten. Wo der krachend-humorige Anfang mit dem Großen und Ganzen ja noch nicht viel zu tun haben muss, wird es eigentlich unmöglich, diese Lockerheit mit dem durch Hela drohenden Weltuntergang zu vereinbaren. Das hat, wieder einmal, mit dem an sich schon schwachen Bösewicht einerseits zu tun; Cate Blanchett bringt zwar sichtbaren Spaß an ihrer Rolle mit, allerdings gehen Motivation und Ausmaß nicht über das übliche „böse, weil böse“ hinaus. Andererseits können es sich die Macher auch einfach nicht verkneifen, selbst in den dramatischsten Momenten eine emotionale Inszenierung nicht wieder zu brechen. In Teilen wirkt dieses Verhalten Marvels, lediglich unterbrochen vom ernsteren „Civil War“, nun fast schon wie pubertäre Angst vor den eigenen Gefühlen und denen des Publikums. Als trauriger Höhepunkt lässt sich dies wohl in einem Moment der finalen Schlacht erkennen, wenn einer der Helden mit heroischer Geste aus einem Flugzeug springt, um sich einem heranrasenden Monster entgegenzuwerfen und stattdessen von seinen Kräften im Stich gelassen lediglich mit einem dumpfen Krachen auf dem Boden aufschlägt. Nicht das erste Mal im MCU, schon gar nicht das erste Mal in der Spielzeit genau dieses Filmes; wo aber zu Beginn noch anerkennendes, ehrliches Gelächter den Kinosaal füllte, war hier die Luft aus dem Gag inzwischen raus, mehr als einige Grunzer nicht zu hören und der Film sowie sein Finale um eine weitere emotionale Facette beraubt.

Was bleibt, ist ein spaßiger Film, der immerhin ordentlich am Status Quo des MCU rüttelt und damit alle Schachfiguren für das nächste gigantische Helden-Chaos im kommenden „Infinity War“ in Position rückt, gleichzeitig aber, wie so manche Marvel-Produktion, geplagt bleibt von seiner eigenen Mutlosigkeit. Hinter der absolut humorigen Fassade, mit Leben gefüllt von einem wieder mal fantastischen Cast, dem Zuschauer in bunten, knalligen und bombastischen Bildern präsentiert, steckt ein bedauernswerter, zwiegespaltener, stellenweise schon feiger Klotz der Emotionslosigkeit. Dem breiten Publikum wird der Film zu gefallen wissen, Marvelianern sowieso, die bekommen, was sie inzwischen erwartet und was sie gewohnt sind, auf dem Silbertablett serviert. Niemand sagt, dass Weltuntergang und Spaß sich auszuschließen hätten (auf der Leinwand wohl schon erst recht nicht!), „Thor: Tag der Entscheidung“ präsentiert sich allerdings als Paradebeispiel dafür, welches erzählerische und spielerische Potenzial auf der Strecke bleibt, wenn trotz Milliardengewinnen, positiver Zuschauerresonanz und guten Kritiker-Echos der Mut fehlt, auch nur kleinste Schritte in Richtung neuer, unberührter Kinopfade zu gehen.

Autor: Simon Traschinsky

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