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The Wolf of Wall Street (2013) Kontrast-Review

Mehr, mehr, mehr ist nie genug, so ließe sich das Motto der Protagonisten aus „The Wolf of Wall Street“ beschreiben, welches bereits im Trailer dergestalt in Szene gesetzt wurde. Eine Welt jenseits jeglicher Werte, in der es gar nicht mehr um den Inhalt des „mehr“ geht, sondern nur noch darum, dass es sich überhaupt um „mehr“ als zuvor handelt. Dieser Welt nimmt sich nun Altmeister Martin Scorsese in seinem neuesten Streich an, wobei es sich keineswegs um sich in der Oberflächlichkeit von Partyexzessen ergehende Trivialkost handelt, sondern ein durch und durch politisches Statement. War das alles legal? Natürlich nicht!

„The Wolf of Wall Street“ ist zunächst ein visueller Rausch. Partys, Drogen, Alkohol und vor allem immer mehr Geld; all dies lässt in einem knallenden Zusammenspiel der Exzesse die Leinwand vibrieren. Doch die porträtierte Welt gerät dabei immer mehr aus den Fugen und es ist auch in Verbindung mit den durch die Bank fantastischen Schauspielleistungen ein meisterhafter Zug des Regisseurs, die gezeigte Widerwärtigkeit auch aufgrund eines brillanten Einsatzes der Musik ein ums andere Mal krachend und teils schon fast brachial humorvoll zu halten, um den Unterhaltungswert des Films aufrecht zu erhalten und dem Zuschauer so den Zugang zur Materie zu erleichtern.

Börse, Finanzprodukte, Märkte. Scorsese demaskiert die Selbstzweckhaftigkeit der kompletten Branche und zeigt, dass hinter dem Finanzsystem, das derartige Exzesse erst möglich gemacht hat, keinerlei Substanz steckt. Es ist ein Organismus, welcher allein existiert, um zu existieren, keine Werte generiert, sondern lediglich welche vorgaukelt und sich damit als die Essenz kapitalistischer Perversion entlarvt. Dies wird bereits in den erste Minuten durch den Eingangsmonolog von Mark Hanna (Matthew McConaughey) deutlich, welcher Jordan Belfort aufzeigt, dass der Handel mit Finanzprodukten lediglich etwas suggeriert, was niemals existiert hat. Gibt man sich diesem System hin, so lässt es sich vermutlich nach einiger Zeit gar nicht vermeiden, dass man jegliches Realitätsbewusstsein verliert, wofür die ausschweifenden Partys und die noch ausschweifenderen Drogenexzesse stehen. Die Werte arbeitender Menschen werden ganz offen mit Füßen getreten, großartig visualisiert durch Jordan Belforts zum großen Teil aus Mittelfingern bestehende Gestik, während er einem ahnungslosen Opfer per Telefon wertlose Aktien andreht.

In gewisser Weise ist „The Wolf of Wall Street“ eine Neuinterpretation von „Der Pate“ (1972) und „Der Pate – Teil II“ (1974), da bereits Francis Ford Coppolas Mafia-Epos offenlegte, dass der American Dream nur dann zu realisieren ist, wenn man sich mit seinen Geschäften jenseits der Legalität bewegt. Martin Scorsese transformiert nun dieses bei Coppola noch an den Gründungsmythos der USA geknüpfte Versprechen ins 21. Jahrhundert und verpasst ihm durch die Figur des Jordan Belfort eine adäquate Modernisierung. Die Mafiosi und politischen Strippenzieher der heutigen Zeit treffen sich nicht mehr in Hinterzimmern und arbeiten nicht mehr mit derart altmodischen Methoden wie abgetrennten Pferdeköpfen. Stattdessen tragen sie Anzug und Krawatte, erfinden eine seriös klingende Sprache und gründen Firmen, die keinen anderen Sinn haben, als anderen Menschen ihr Geld für einen nicht vorhandenen Gegenwert abzuknöpfen und sie damit in die Verschuldung zu treiben.

Die Dramaturgie des Films folgt keiner klassischen Struktur, es ist eher ein Auf und Ab mit dem Charakter einer Collage. Das Porträt des Lebens von Jordan Belfort ist die Geschichte des Films, seine Exzesse sind die Story. Es geht darum zu zeigen, dass dieses Leben, scharf formuliert, aus nicht viel anderem besteht, als im Büro ab und an zu telefonieren und ansonsten das Geld anderer Leute bei wilden Partys auf den Kopf zu hauen. Zwar besteht „The Wolf of Wall Street“ zu großen Teilen aus deren Visualisierung, jedoch wird dadurch ein ums andere Mal die Realitätsferne der Protagonisten verdeutlicht. Und genau daraus besteht die Handlung, weswegen in den Film auch keinerlei Ruhe einkehrt. Diese Menschen bewegen sich in Sphären, denen man gar nicht nahekommen will, außer man betrachtet ein Leben inmitten von Koks und Prostituierten mit anschließenden Entzugserscheinungen, kaputt gefahrenen Autos und Ermittlungen von Bundesbehörden als erstrebenswert. Wenn man den Aufzeichnungen des realen Jordan Belfort glauben darf, dann verdeutlicht genau dieser Lebensstil die bis an den Nullpunkt gehende Leere der abzuschließenden Geschäfte: Da im massenhaften Verkauf eines Nichts keinerlei Substanz stecken kann, muss man sich diese Substanz scheinbar auf anderem Wege holen.

Drogenmissbrauch wird von Scorsese zwar polemisiert, ist jedoch zumindest für seine Protagonisten negativ konnotiert, da sowohl Belfort als auch Donnie Azoff (Jonah Hill) mit dessen familiären sowie gesundheitlichen Folgen zu kämpfen haben. In der Szene, in welcher deren Drogenkonsum mit einer Fernseh-Episode von „Popeye“ parallelisiert wird, porträtiert Sorsese seine beiden Hauptfiguren als abgestürzte Existenzen, die sich in einem derart heruntergekommenen Zustand befinden, dass sie ohne den Rauschzustand nicht mehr in der Lage zu irgendwelchen Handlungen sind, geschweige denn zu solchen, die einen Sinn besitzen.

Die Erzählperspektive liegt (bis auf eine kleine Ausnahme) ausschließlich in den Händen von Jordan Belfort, der dem Publikum seine Weltsicht präsentiert. Dafür durchbricht er entweder die Vierte Wand und wendet sich direkt an den Zuschauer, erklärt Dinge und überbrückt visuelle Zeitsprünge, oder aber er lässt ihn durch innere Monologe direkt an seinen Überlegungen teilhaben. Ob direkt oder indirekt schildert er jedoch stets seine Gedanken und baut damit ein höchst subjektives Bild der gezeigten Ereignisse auf, welches an einer Stelle sogar eine ironische Kommentierung findet. Die einzige Szene, die sich nicht auf Belforts Wissen stützen kann, stellt zwar einen Bruch mit der Perspektive dar, der jedoch von Scorsese gezielt eingesetzt wird, um seinen Subtext zu untermauern: Wenn der FBI-Agent Patrick Denham (Kyle Chandler) nach erledigter Arbeit allein mit der U-Bahn nach Hause fährt, so handelt es sich dabei um ein Statement, dass in dieser Welt chronisch die Falschen zu Geld kommen. Derjenige hingegen, der seiner Arbeit ehrlich nachgeht und sich damit als wahre Stütze der Gesellschaft entpuppt, verdient gerade so viel, dass er zu großen Sprüngen nicht fähig ist. Dass er auch nach der Verhaftung eines lange verfolgten Finanzbetrügers seinen Lebensstil nicht ändern können wird, stellt einen bewussten Kontrast zur Welt der Wall-Street-Broker her, der die Werteverteilung der heutigen Zeit reflektierend in Frage stellt.

Durch den Fokus auf Belforts Leben und die damit verbundenen Exzesse findet Scorsese einen stimmigen Rahmen für eine Bebilderung des schier unfassbaren Irrsinns der Welt der Finanzhaie. Dies erklärt auch, warum seinem FBI-Gegner Denham ein so geringer Platz in der Dramaturgie eingeräumt wird: In „The Wolf of Wall Street“ geht es prinzipbedingt um die Wölfe der Wall Street, um ihre Exzesse, ihre pervertierte Sicht auf die Welt und die realitätsfremden Sphären, in die sie sich begeben. Dementsprechend bleibt der Agent lange eine Randfigur, da Jordan Belfort ihn auch als solche wahrnimmt. Erst als sich Denhams Einfluss auf sein Leben vergrößert, wird ihm mehr Raum zugestanden, seine Antagonistenrolle zu entfalten. Ein solcher bleibt er aufgrund der subjektiven Erzählung durchweg, erst in seiner letzten und von Belfort losgelösten Szene kommt ein nachdenklicher und damit etwas objektiverer Zug seines Charakters zum Vorschein.

„The Wolf of Wall Street“ demonstriert die Absurdidät eines auf den reinen Selbstzweck ausgerichteten Systems, hinter dem nichts weiter steht als die Gewinnmaximierung einiger weniger Leute. Martin Scorsese zeigt sich so politisch wie lange nicht mehr und setzt sich auf womöglich übertriebene, aber definitiv nachdrückliche Weise mit den abnormalen Auswüchsen des Casino-Kapitalismus auseinander, so dass einen letztlich keine Finanzkrise mehr wundern kann. Wie sagte Mark Hanna (Matthew McCounaughey) zu Beginn des Films? „Das Spiel heißt: Zieh deinen Klienten das Geld aus der Tasche und lass es in deine wandern.“ Und dieses Spiel geht ungebremst weiter.

Autor: Jakob Larisch

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