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The Sea of Trees (2015/2017) Blu-ray-Kritik

© Ascot Elite Home Entertainment

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Gus Van Sant – genau, das ist der Regisseur, der mit „Good Will Hunting“ einen wahren Klassiker des 1990er-Jahre-Independent-Kinos schuf; der Regisseur, der mit „Elephant“ die wohl intensivste filmische Verarbeitung des Columbine-Amoklaufs vorlegte; der Regisseur, der mit „Milk“ Sean Penn zum Oscar verhalf; der Regisseur, der mit „Promised Land“ die Fracking-Thematik einer nachdrücklichen kritischen Betrachtung unterzog. Dieser Regisseur hat einen neuen Film gemacht: „The Sea of Trees“, mit Stars wie Matthew McConaughey, Naomi Watts und Ken Watanabe in den Hauptrollen. Ein Film, der in Deutschland aber nur eine Direct-to-Video-Auswertung erhielt. Was zum Teufel?

Nach „The Forest“ aus dem letzten Jahr mit Natalie Dormer in einer Doppelrolle spielt auch „The Sea of Trees“ zu großen Teilen im berüchtigten „Selbstmordwald“ Aokigahara am Fuße des japanischen Berges Fuji („The Forest“ hatte im Gegensatz zum neuen Film von Gus Van Sant allerdings einen Kinostart erhalten, obwohl er als generischer Horror-Mystery-Thriller im direkten Vergleich zu „The Sea of Trees“ der definitiv schwächere Film ist und auch weder die schauspielerische Zugkraft noch einen derart versierten Regisseur auffahren konnte, aber hier ist nicht der Platz für eine solche Diskussion). Matthew McConaughey spielt den Wissenschaftler Arthur Brennan, der extra nach Japan fliegt, um sich im Aokigahara das Leben zu nehmen (dieser sehr umständliche Weg findet im Film auch eine Erklärung). Während er dabei ist, eine Überdosis zu nehmen, stolpert ihm Takumi Nakamura (Ken Watanabe) vor die Füße, der seit Tagen im Wald umherirrt. Arthur versucht ihm dabei zu helfen, den Weg nach draußen zu finden, worüber sein eigener Suizid nach und nach in den Hintergrund rückt. In Flashbacks bekommt man zusätzlich noch Ausschnitte aus Arthurs nicht sehr glücklicher Ehe mit Joan (Naomi Watts) zu sehen, wodurch der Film mit der Zeit die Hintergründe seines Selbstmordversuches freilegt.

„The Sea of Trees“ ist, und das ist gut so, ein sehr lebensbejahender Film, der jedoch dankenswerterweise nicht in pseudo-metaphysischen Spiritismus abdriftet. Die beiden Männer im Wald unterhalten sich über ihre Beweggründe, über das Mysteriöse des Ortes, an dem sie sich befinden und über ihre Vergangenheit. Takumi ist verletzt, Arthur fällt irgendwann einen Abhang hinunter und ist es fortan ebenfalls, doch sie merken mit der Zeit beide, dass der Suizid eventuell nicht die Lösung ihrer Probleme mit sich bringen wird. Die stärkste Szene des Filmes ist hierbei Arthurs Erzählung seiner Ehe, auf die hier inhaltlich allerdings nicht weiter eingegangen werden kann. Sein Gesicht wird währenddessen über mehrere Minuten fast ausschließlich in Großaufnahme präsentiert und obwohl man die Dinge, die er erzählt, in Teilen bereits in den Flashbacks gesehen hat, ist dieser Moment ungemein packend und ganz großes Schauspiel des Hauptdarstellers, in dessen Brillengläsern sich während seiner Worte die Flammen des zuvor errichteten Lagerfeuers spiegeln: Sein Lebenswille ist nicht verschwunden, sondern lodert noch in ihm.

© Ascot Elite Home Entertainment

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Das ist auch der Moment, ab welchem der Film dramaturgisch anzieht und seine Spannung bis zum Schluss konsequent zu halten vermag, wozu er zu Beginn leider nicht immer im Stande ist. Die Flashbacks in die Ehe von Arthur und Joan bestehen zunächst ausschließlich aus Streits und man hat irgendwann begriffen, dass die beiden sich auseinandergelebt haben und als Ehepaar nur noch qua Konflikt zu existieren vermögen. Auch wenn einige Momente davon wichtig für den späteren Verlauf der Handlung sind, hätte man das Ganze etwas eindampfen können. Das Gleiche gilt für die ersten Sequenzen der beiden Hauptdarsteller im Wald. Sie laufen, verirren sich, stolpern, verletzen sich, es regnet; und währenddessen scheint die Zeit ab und an etwas bemüht gestreckt. Auch hier wäre etwas weniger Redundanz wünschenswert gewesen.

Doch wie im Aokigahara ist auch in „The Sea of Trees“ nicht alles, wie es scheint. Wohin sich die Story am Ende entwickelt, was hinter der Art und Weise der Kombination der beiden zeitlichen Ebenen steckt, das entschädigt in großen Teilen für die teils recht langen Minuten im ersten Drittel des Filmes. Kleine Hinweise im Wald werden mit kleinen Hinweisen in den Flashbacks kombiniert, die sich langsam zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Wenn der Film am Ende seinen Twist vollständig ausspielt, dann wäre das mit einer derartigen stilistischen Akzentuierung vielleicht gar nicht einmal nötig gewesen, das ändert jedoch nichts daran, auf einmal ein ganz anderes und dennoch nach wie vor kohärentes Bild der Dinge vor sich zu haben. Und das funktioniert, sehr gut sogar.

Gus Van Sant hatte definitiv schon stärkere Zeiten, das ist klar, aber bei jemandem, der die eingangs genannten Filme im Portfolio stehen hat, lässt sich auch nicht jedes neue Werk an den ganz großen Dingern messen. „The Sea of Trees“ ist ein kleiner, netter Film, der zwar etwas Zeit braucht, um seinen Rhythmus zu finden, aber nach und nach zu einer inneren Struktur gelangt und sich in der Gesamtschau als durchaus sehenswert gestaltet.

Autor: Jakob Larisch

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