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The Promise: Die Erinnerung bleibt (2016/2017) Review

© capelight pictures

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Der türkische Genozid an den Armeniern ist ein Thema, das filmisch bislang kaum aufgearbeitet wurde; zwei nennenswerten Ausnahmen sind „Ararat“ (2002) von Atom Egoyan und „The Cut“ (2014) von Fatih Akin. Nun erscheint mit „The Promise“ der erste federführend US-amerikanische Spielfilm über das Thema, der in dieser Form auch vermutlich nur deshalb zustande kam, da der armenisch-stämmige US-Unternehmer Kirk Kerkorian nahezu komplett das Budget stellte. Offenbar brauchte es erst jemanden, dem die Thematik eine Herzensangelegenheit ist, womöglich deshalb, da die Geschehnisse im damaligen Osmanischen Reich im Zeitraum 1915/1916 zu wenig identifikatorischen Nährboden für die USA bieten. Dies löst der Film auf eine relativ geschickte Weise, indem er das Ganze in den größeren Kontext des Ersten Weltkriegs einordnet (an dem die USA wiederum beteiligt waren) und einen von Christian Bale gespielten US-amerikanischen Journalisten als eine von drei Hauptfiguren ins Zentrum der Handlung stellt. Mit dieser Entscheidung, insgesamt drei Protagonisten in der Konstellation love triangle ins Drehbuch zu schreiben, geht jedoch auch der ganz entscheidende Nachteil des Filmes einher, denn „The Promise“ schafft es nicht, die für dieses Thema nötige Eindringlichkeit an den Tag zu legen.

Bale spielt den Associated-Press-Journalisten Chris Meyers, der an vorderster Front über die Geschehnisse im Osmanischen Reich berichtet und mit seiner Freundin Ana (Charlotte Le Bon) in Konstantinopel lebt. Dritter im Bunde ist der von Oscar Isaac verkörperte Medizinstudent Mikael, ebenso wie Ana armenischer Abstammung. Auch wenn er in seinem Heimatdorf bereits verlobt wurde und die Mitgift als Etat für sein Studium aufwendet, verliebt er sich natürlich in Ana, wird jedoch verhaftet und muss Zwangsarbeit leisten. Als er fliehen kann, kreuzen sich die Wege der drei erneut, stets unterfüttert von sowohl den historischen Ereignissen wie auch gleichermaßen emotionalen Spannungen zwischen den Charakteren.

Und genau an dieser Stelle findet „The Promise“ absolut nicht zu sich selbst, denn die Aufarbeitung des überaus ernsten und wichtigen Grundthemas wird durch den mitunter arg kitschigen Ballast immer wieder auf unpassende Weise verwässert. In einer Szene können Mikael und Ana gerade so einer Horde marodierender Osmanen entkommen, sie finden Zuflucht in einem Hotel, in dem das Foyer voll von gleichermaßen Flüchtigen ist, erhalten jedoch wie selbstverständlich ein Einzelzimmer, in dem sie sich von ihrem Emotionen übermannen lassen und Sex haben, während draußen die Geschäfte brennen. Jegliche Momente, wo die Erzählung der armenischen Schicksale von primär Mikaels in Konstantinopel lebender und später in die Berge fliehender Familie immer wieder angehalten werden muss, um Raum für emotionale Konflikte im Rahmen der Dreiergeschichte zu schaffen, wirkt wie ein vollkommen deplatziertes dramaturgisches Stolpern, das den Fokus von dem ablenkt, was eigentlich wichtig ist. Der Film strapaziert dabei immer wieder Liebesfilm-Klischees, etwa wenn Ana und Mikael in einem Flüchtlingslager nach einigen Monaten wieder aufeinandertreffen, sich in die Arme fallen und dies natürlich in dem riesigen Lager an genau einem Ort tun, an dem sie Chris wiederum aus seinem Arbeitszimmer heraus beobachten kann.

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Dabei besitzt der Film durchaus eindringliche Szenen und zwar immer dann, sobald auf die Liebesgeschichte verzichtet wird. Wenn etwa Mikael Zwangsarbeit verrichten muss und mit seinen Mitgefangenen dabei der sadistischen Willkür der Aufseher ausgeliefert ist oder wenn er gemeinsam mit Chris im Wald die Leichen aller kurz zuvor ermordeten Bewohner seines Heimatdorfes findet, dann sind dies Augenblicke, welche der Ernsthaftigkeit des Anliegens deutlich besser Ausdruck zu verleihen vermögen. Eventuell wäre es klüger gewesen, dem Journalisten lediglich eine armenische Figur gegenüberzustellen, ohne ein romantisches Interesse jedweder Form mit einzubinden. Dann hätte es sowohl eine persönliche als auch eine außerhalb stehende Perspektive auf die Geschehnisse gegeben, aus deren entstehender Dialektik man die historischen Hintergründe sehr viel bestimmter hätte erzählen können. Regisseur Terry George hat mit „Hotel Ruanda“ (2004) bewiesen, dass er es deutlich besser kann. Es wäre doch auch niemand auf die Idee gekommen, Kriegsfilme wie „Platoon“ (1986) oder „Der Soldat James Ryan“ (1998) mit einer Liebes-, geschweige denn einer Dreiecksgeschichte anzureichern. So wird jedoch selbst der finale Kampf zwischen der osmanischen Armee und einer Gruppe eigentlich völlig unterlegener armenischer Dorfbewohner mit Unterstützung der französischen Marine trotz eines halbwegs stimmigen Beginns zum Ende hin viel zu überstürzt abgehandelt. Fast wirkt es so, als hätte man diese Sequenz nur eingebunden, um einen vernünftigen Showdown im Film zu haben und damit verbunden noch ein letztes Mal an der Dramatik-Schraube zu drehen.

Die Prämisse von „The Promise“ bleibt äußerst respektabel und wichtig, der Film lässt jedoch nur in einigen wenigen, kurzen Momenten sein Potenzial für die Aufarbeitung der historischen Hintergründe durchscheinen und schafft es nicht, deren Grauen adäquat zu transportieren. Dafür wären nicht einmal zwingend drastische Szenen nötig gewesen, die so etwas ohnehin niemals angemessen abzubilden vermögen, doch auch der immer wieder aufgenommene Fokus auf die Auswirkungen und Folgen der Gegebenheiten für die Zivilbevölkerung bleibt lediglich oberflächlich, da dem beständig die Beziehung der drei Protagonisten zueinander sowie der gescheiterte Versuch im Weg steht, durch die hiermit verbundene emotionale Anbindung des Zuschauers an die Liebesgeschichte sein Bewusstsein für die Geschehnisse noch zu verstärken.

Autor: Jakob Larisch

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