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The Jungle Book (2016) Review

 © 2016 Disney Enterprises, Inc.

© 2016 Disney Enterprises, Inc.

Ein Jährchen hätte es noch gebraucht. Dann hätte Disneys „The Jungle Book“ das große Jubiläum abfeiern können. Der geliebte Zeichentrickklassiker „Das Dschungelbuch“ hat inzwischen nämlich 49 Jahre auf dem Bärenbuckel. Für Disney also höchste Dschungeleisenbahn, das Abenteuer um den jungen Mogli, aufgewachsen unter allerlei Waldbewohnern wie dem klugen Panther Bagheera oder dem faulen Bär Balu, erneut auf die Leinwand zu bringen. Und natürlich alle CGI-Tricks der heutigen Zeit aus dem Hut zu zaubern, um den Urwald lebendig werden zu lassen – statt beherztem Zeichentrick aus dem Stift ist also Animation aus dem Tablet angesagt. Aber auch überflüssiges Remake statt herzlicher Kindheitserinnerung?

Zumindest bei der Grundhandlung hält es Disney old-school: Der kleine Junge Mogli (Neel Sethi), einziges Menschenkind weit und breit im grünen Dickicht, hat es schwer: Als Kind von dem väterlichen Panther Bagheera (Ben Kingsley) gefunden und einem Wolfsrudel anvertraut, tut Mogli sein Bestes, um seine Ziehmutter Raksha (Lupita Nyongo’o) nicht zu enttäuschen. Doch als Mensch ist es natürlich sichtlich schwer, mit dem Wolfsleben mitzuhalten, besonders da es die anderen Tiere ungern sehen, wenn er auf seine menschlichen Talente wie einen erfinderischen Geist zurückgreift. Ein Menschenkind unter ihresgleichen nimmt der gebrandmarkte Tiger Shere Khan (Idris Elba) besonders persönlich und zwingt Mogli damit widerwillig zur Flucht. Dabei begegnet er neuen Freunden wie dem Faulpelz Balu (Bill Murray), aber auch zwielichtigen Bewohnern wie der Schlange Kaa (Scarlett Johansson) oder dem bedrohlichen King Louie (Christopher Walken).

Die Handlung liest sich also wie bekannt, hier weichen Regisseur Jon Favreau („Iron Man“, „Kiss the Cook“) und seine Kreativen wenig von Disneys erster Interpretation des Kinderbuches von Rudyard Kipling ab. Tonal allerdings verschieben die Macher ihre Neuausgabe des Dschungelbuchs dagegen deutlich, weg vom Kinderfilm, hin zum Abenteuerkino. Moglis erste Flucht vor Tiger Khan kommt gleich mit ordentlich Erdrutschen und einer Stampede daher, seine spätere Flucht aus Louies Palast artet zur tempelzerstörerischen Verfolgungsjagd aus während sich Bär und Panther gleichzeitig mit einer ganzen Affenarmee prügeln müssen. Nichts also mehr mit ohrwurmiger Gesangsnummer und Kokosnuss-BHs zur Ablenkung, das Treffen mit König Louie ist nicht der einzige, aber sicher einer der deutlichsten Momente wo die Neuauflage ein klares Bekenntnis zu einem neuen Ton hinzulegen versucht. Versucht, denn so ganz möchte man sich von der Tradition auch nicht trennen, wie beispielsweise Komponist John Debney beim Soundtrack durchschimmern lässt, verwebt er doch die bekannten Melodien eines „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ oder „Ich wär‘ so gern wie du“ in seinem action-orientierten Score. Nicht falsch verstehen, „The Jungle Book“ verkommt nicht zum zynischen Gritty-Reboot, dafür sorgen allein die immer noch naiv-positive Grundhandlung und die kindliche Unschuld, die Mogli-Darsteller Neel Sethi mit in den Film bringt. Der Film ist lediglich ein klares Kind seiner Zeit, wie ein „Jack and the Giants“, „Snow White and the Huntsman“ oder ein düsterer „Harry Potter“ – an sich zunächst kein Vorwurf, ob es das allerdings für Disneys Klassiker gebraucht hat, ist eine andere Frage.

© 2015 Disney Enterprises, Inc.

© 2015 Disney Enterprises, Inc.

Für sich stehend bringt der Film jedoch genug Qualitäten mit ins Dschungelcamp, so dass man sich als Zuschauer nur zu gerne nachsichtig gibt. Regisseur Favreau zeigt sich nach seiner Blockbuster-Pause mit „Kiss the Cook“ genesen und macht klar, dass man ihn zukünftig hier wieder gerne öfter sehen darf. Er hat das Tempo perfekt im Griff, Langeweile lässt er keine aufkommen und auch die makellosen Effekte ordnen sich immer brav dem Geschehen unter. Der Bruch durch hochrealistisch animierte Tiere, deren Münder sich beim Sprechen bewegen, bleibt überraschenderweise aus. Das Publikum braucht nur eine kurze Eingewöhnungszeit, ein Amtosphären-Killer wie der Uncanny-Valley-Effekt bleibt aus. Dafür sorgt sicher auch die durch die Bank top-besetzte und -agierende Sprecherriege; Murray als faulpelziger Balu ist ein Selbstläufer, ähnlich wie Ben Kingsley als Mentor Bagheera. Noch einen überraschenden Ausschlag nach oben auf diesem schon hohen Niveau liefert Idris Elba („Thor“, „Luther“) als tyrannischer Tiger. Elba schafft es in jeder Szene, Khan ein ordentliches Maß an Bedrohung einzuimpfen, ob ganz offene Feindseligkeit oder ein nur unterschwelliges Brodeln – in diesen Momenten erinnert Tiger Khan nicht nur ans tolle Original, sondern auch an andere böse Buben Disneys wie Löwe Scar aus „The Lion King“.

Disneys „The Jungle Book“ ist eine im wahrsten Sinne „moderne“ Neuauflage des Klassikers, was sich vordergründig erstmal auf die zeitgenössischen Effekte und das höhere Tempo bezieht. Beide Punkte werden in ihrem Fundament durch eine Top-Leistung der Sprecher und gutes Regie-Handwerk Favreaus untermauert und Neel Sethi als Mogli ist eine passende Wahl, um den Film über seine angenehm knackige Laufzeit zu tragen. „Modern“ allerdings auch im ambivalenten Sinne, dass alles etwas pseudo-erwachsener, actionreicher und düsterer ausfallen muss. Diese Disharmonie in manchen Momenten kostet „The Jungle Book“ nicht das Prädikat eines gelungen Familien-Films für den sonntäglichen Kinobesuch. Allerdings wird wieder einmal deutlich, wie schwer es ist, einem absolut runden Klassiker eine Neuauflage zu verpassen, die wirklich Neues an den Tisch bringt. Dennoch, unterm Schlussstrich sei jedem das neue Dschungelbuch ans Herz gelegt, der sich dank Trailern und Berichterstattung darauf gefreut hat.

Autor: Simon Traschinsky

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