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The Founder (2016/2017) Review

© splendid film

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„Ich sage Ihnen: McDonald’s ist vielleicht die neue amerikanische Kirche. Nahrung für den Leib, Nahrung für die Seele und die hat nicht nur sonntags geöffnet, Jungs. Es ist sieben Tage die Woche geöffnet.“ Wenn der von Michael Keaton gespielte Ray Kroc in „The Founder“ diese Sätze zu den beiden McDonald-Brüdern sagt, dann erhalten sie durch ihre retrospektive Betrachtung im Rahmen eines etwa sechzig Jahre später entstandenen Films natürlich eine ganz andere Bedeutung. Ob die Aussage tatsächlich in der Form getroffen wurde, ist dabei unerheblich. Das Wissen des Zuschauers darum, dass sie sich als mehr oder weniger zutreffend erweisen sollte, ist entscheidend, schließlich dürften nicht nur in den USA mehr Menschen pro Woche zu McDonald’s als in die Kirche gehen („nicht nur sonntags geöffnet“), auch die Bekanntheit beider Institutionen dürfte sich in nichts nachstehen. Die McDonald-Brüder Mac und Dick (Nick Offerman und John Carroll Lynch), das sind diejenigen, man könnte es am Namen erkennen, die McDonald’s tatsächlich gegründet haben, mit der ersten und lange Jahre einzigen Filiale in San Bernadino, Kalifornien. Ray Kroc ist wiederum derjenige, der den Grundstein legte, dieses Restaurant zu einem millionenschweren Franchise auszubauen. Doch der „Founder“, der Gründer, das ist er definitiv nicht.

Das weiß „The Founder“ natürlich, schließlich hat er zuvor knapp zwei Stunden gezeigt, wie Ray Kroc den beiden Brüdern mit unlauteren Methoden nach und nach ihr Geschäft sowie insbesondere ihre Ideen wegnimmt und verändert. Wenn er am Ende somit einem Journalisten seine Visitenkarte in die Hand drückt, auf der unter einem McDonald’s-Logo und seinem Namen „Founder“ steht, dann ist der Film quasi bei sich selbst angekommen. Eigentlich ist Kroc ein Vertreter für Milchshake-Mixer, verkauft jedoch kaum welche, weswegen er sehr irritiert ist, dass ein kalifornisches Restaurant gleich sechs Stück davon haben will: McDonald’s. Er fährt hin, erhält von den beiden Besitzern eine Tour durch die Filiale und ist von dem System vollkommen optimierter und auf minimalen Zeitaufwand zugeschnittener Arbeitsabläufe (das „Speedee System“) hellauf begeistert. Er will ein Franchise daraus machen, allen US-Amerikanern die Möglichkeit geben, an den „sehr köstlichen“ Hamburgern teilzuhaben. Die Brüder sind zuerst nicht überzeugt, stimmen jedoch unter der Bedingung zu, jede Veränderung abzusegnen. Kroc heuert erste Franchisenehmer an, jedoch hat McDonald’s aus vielerlei Gründen lange Zeit finanzielle Schwierigkeiten. Erst als der Geschäftsmann Harry Sonneborn (B. J. Novak) die Idee hat, nicht das Land für die Restaurants zu pachten, sondern stattdessen das Land zu erwerben und die Franchisenehmer die Pacht zahlen zu lassen, stellt sich der finanzielle Erfolg ein. Kroc beginnt zudem, gegen den Vertrag mit den McDonald-Brüdern zu verstoßen, da er kulinarische Veränderungen vornimmt, was zu Auseinandersetzungen und schließlich zu Rechtsstreitigkeiten führt.

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Hierbei handelt es sich nicht nur um die Inhaltsangabe des Films, sondern auch um die Wiedergabe der historischen Hintergründe. „The Founder“ ist diesbezüglich relativ akkurat, er lässt lediglich einige verkomplizierende Faktoren weg, um sich vollkommen auf die Story um Kroc und seinen wachsenden Konflikt mit den Brüdern zu konzentrieren. Während diese nämlich durchaus Wert auf Qualität ihrer Produkte legen („Das Getränk heißt Milchshake, Ray! Aus echter Milch! Jetzt und für alle Zeiten!“) und versuchen, dies gegenüber Kroc durchzusetzen, so ist dieser mit der Zeit lediglich an ökonomischem Gewinn interessiert. Michael Keaton, der seinen seit „Birdman“ eingesetzten zweiten Frühling auch mit diesem Film weiter zu untermauern vermag, gelingt es dabei ganz famos, seine Figur nicht als eindimensionalen Schurken anzulegen, obwohl sich Kroc nach und nach zu einem arroganten und skrupellosen Unsympathen entwickelt. Er ist zunächst ehrlich fasziniert vom System der beiden Brüder, er nimmt sogar eine Hypothek auf sein Haus auf, um den Franchise-Aufbau stemmen zu können und steht mehrfach am Rand der finanziellen Pleite. Doch als sich die Brüder gegen eine immer weiterführende Rationalisierung stemmen, kommt der rücksichtslose Geschäftsmann in Kroc zum Vorschein, der die beiden gnadenlos ausbootet und sogar beim schlussendlichen Verkauf der Marken- und Namensrechte noch ein finales Mal über den Tisch zieht. „The Founder“ reiht sich mit dieser Darstellung in diejenige Reihe der Filme seit „Der Pate“ ein, die zeigen, dass der amerikanische Traum nicht auf integre Weise zu erreichen ist und nun einmal nur dann verwirklicht werden kann, wenn man sich abseits von Moral und Gesetzen bzw. Absprachen bewegt.

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„The Founder“ überhöht seinen Protagonisten somit keineswegs, sondern wahrt auch durch den wiederkehrenden Einbezug der Perspektive der McDonald-Brüder eine kritische Distanz zu Ray Kroc. Daneben ist der Film schlicht eine spannende Erzählung der Geschichte, wie McDonald’s zu dem wurde, was es heute ist; wie die Entwicklung dahin, eine Ikone westlicher Konsumkultur mit Fokus auf maximalen Profit beim minimalem Aufwand zu werden, dem Unternehmen durch Kroc und seine Methoden quasi in die Wiege gelegt wurde. Anekdote am Rande: Die erwähnte Methode, den Grund und Boden für die Restaurants zu kaufen und schließlich die Franchisenehmer die Pacht zahlen zu lassen, hat McDonald’s zu einem der größten Immobilienbesitzer der Welt werden lassen.

Autor: Jakob Larisch

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