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The Florida Project (2017/2018) Review

© Prokino

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Es gibt wahrlich nicht viele Filme, die sich den dezidiert Armen in dieser eigentlich reichen Gesellschaft widmen, den Ausgeschlossenen, denen außerhalb der Strukturen, die jeder irgendwie sieht, aber keiner wahrhaben will. Zwar drehen sich viele Filme der Hollywood’schen Traumfabrik durchaus um Figuren, die sich als Außenseiter bezeichnen lassen, doch ist es wichtig, hier eine klare Linie zu ziehen: Außenseiter werden in der Regel immer eingebunden, wenn das Märchen vom American Dream perpetuiert werden soll: Jeder kann es schaffen, auch ein Außenseiter kann zum Star werden, auch der Nerd kann eine Freundin bekommen, auch das hässliche Entlein kann sich zum schönen Schwan wandeln. Oder aber Außenseiter werden in den eher platten Vertretern des populären Kinos einfach direkt herabgewürdigt und diskriminiert, dann dienen sie zur Bestätigung des eigenen Selbstwertgefühls als „normal“ (selbstverständlich sind all diese Ausführungen ein wenig pauschal, aber treffen nichtsdestotrotz den kulturellen Kern). Die (ökonomisch und dadurch gesellschaftlich) Ausgeschlossenen sind jedoch nicht einmal mehr Außenseiter, denn letzterer Begriff impliziert zumindest eine Zugehörigkeit zu etwas (wenn auch am Rande), während das Ausgeschlossensein dies wiederum verneint. Die Ausgeschlossenen können zwar zu Außenseitern werden, doch dient dann ihr Porträt im Rahmen eines falschen filmischen Abbiegens meist wieder dem Aufstiegsmythos, so wie vor einigen Jahren in „Precious – Das Leben ist kostbar“, der trotz seiner vielversprechenden Prämisse am Ende doch wieder zumindest mittelbar in altbekannte US-amerikanisch geprägte Erzählmuster verfiel. In diese Falle tappt „The Florida Project“ nicht. Der Film von Regisseur Sean Baker, welcher einen Hang zu Werken hat, die sich mit Ausgeschlossenen beschäftigen, ist ein intensives Porträt derjenigen, die keinen Anteil an der Gesellschaft haben, ausgegrenzt, ausgeschlossen, ausgestoßen.

Der Film ist dabei dankenswerterweise kein mit Pathos getränktes Soziodram, sondern immer wieder mit beachtenswert guter Laune durchsetzt, was nicht zuletzt daran liegt, dass es sich bei den maßgeblichen Protagonisten um eine Gruppe von drei Kindern handelt, deren Tun der Film über den Zeitraum der Sommerferien collagenhaft verfolgt. Es gibt kaum so etwas wie eine klassische Dramaturgie, stattdessen zeigt „The Florida Project“ schlaglichtartig einzelne Momente in dem betreffenden Sommer und bebildert die Freundschaft von Moonee (Brooklynn Prince), Jancey (Valeria Cotto) und Scooty (Christopher Rivera), die in einer Motelanlage in unmittelbarer Nähe zu Disney World in Florida leben. Insbesondere Moonee und ihre Mutter Halley (Bria Vinaite) stehen dabei im Fokus und auch hier entzieht sich der Film den vorurteilsbelasteten Klischees, die über sozial Schwache kursieren mögen. Denn das Mutter-Tochter-Verhältnis ist zwar unkonventionell, aber liebevoll, Moonee ist keinesfalls ein vernachlässigtes Kind, sondern wird von ihrer Mutter in einem stringenten Geist des Anarchismus erzogen, der den Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) regelmäßig an den Rand seines Nervenkostüms bringt. Doch auch hier besteht keinesfalls Missmut oder Aversion, zwar sind Halleys Umgangsformen eher rustikal und ihr Verhalten ist sicher nicht an jeder Stelle gutzuheißen, doch Bobby sind die die Ausgeschlossenen im Kosmos des Motels wichtig, er passt mit wachem Auge auf, das nichts passiert, kümmert sich um die Belange seiner Dauergäste und zeigt vor allem eines: Verständnis.

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Denn dies ist etwas, was die Außenwelt nicht an den Tag legt, wann immer sie in den Kreis der Ausgeschlossenen einbricht. In einer eindringlichen Szene müssen Halley und Moonee für eine Nacht das Motel verlassen (da Bobbys Chef dort keinen permanenten Aufenthalt gestattet) und kurzzeitig in ein anderes Motel ziehen, mit dem es bislang einen entsprechenden Deal gab. Doch die Besitzer sind nun nicht mehr gewillt, den ermäßigten Preis gelten zu lassen und selbst als Bobby dazukommt und das fehlende Geld auf den Tisch legt, werden Halley und Moonee des Motels verwiesen. Die Geschäftsführerin will die Belange der beiden dabei gar nicht verstehen, man spürt ihre Furcht, mit etwas in Verbindung zu kommen, was sie bislang aus ihren Gedanken, ihrem Weltbild ausgeschlossen hat. Fast wirkt es so, als hätte sie Angst, sich mit Armut quasi zu infizieren und dann sagt sie diesen fatalen Satz, der als neoliberales Kerngedankengut gelten kann: „Kein Wunder, dass sie in dieser Lage sind.“ Diese Frau, die absolut nichts über die Lebensumstände von Halley und Moonee weißt, maßt es sich an, zu urteilen, maßt es sich an, dezidiert von oben herab zu entscheiden, wer „würdig“ ist, in den Gemächern ihres Motels zu nächtigen. Einen besseren Spiegel solch verheerender gesellschaftlich vorgefasster Meinungen hätte man kaum in den Film einarbeiten können. Auch beim zweiten Eindringen der Außenwelt in den Kosmos der Ausgeschlossenen, der hier nicht weiter ausgeführt werden soll, da er sich nahe am Ende befindet, wird diese folgenschwere gesellschaftliche Anmaßung auf einer noch viel tiefer gehenden Ebene deutlich. Hier zeigt sich auch ein Unwillen zur Kommunikation, der mit dem geschilderten anmaßenden Verhalten einhergeht: Es gibt Momente, in denen Halley schlichtweg nicht zugehört wird und diese Aussage ist sprichwörtlich wie auch symbolisch zu verstehen. Dank der progressiv angelegten Identifikationsstrukturen des Filmes wird dabei eindringlich vor Augen geführt, was dies für dramatische Auswirkungen haben kann. Kommunikation auch in der eigenen Sphäre ist ein Schlüsselbegriff in „The Florida Project“, denn es ist ihr Mangel an nur einer entscheidenden Stelle, der zu Konflikten führt. Hätte man in bestimmten Augenblicken miteinander geredet, wäre einiges nicht so weit gekommen. Doch wiederum hat dieser Film auch nur so eine der ergreifendsten und am meisten zu Herzen gehenden Schlusssequenzen, die man sich vorstellen kann (nicht zuletzt aufgrund der musikalischen Untermalung, die sich am Ende dieser Kritik eingebunden findet).

Denn die Interaktion der Protagonisten/Ausgeschlossenen untereinander ist meist von beeindruckender Solidarität geprägt: Gerade diese Leute, die nichts haben, lassen andere in ihren ohnehin schon viel zu kleinen Wohnungen schlafen, gerade diese Kinder, die nichts haben, teilen ihr Eis, als wäre es das Normalste überhaupt. „Du bist neu, deshalb bekommst du den Rest“, sagt Moonee hinsichtlich eines zuvor erschnorrten Eises relativ zu Beginn des Filmes zu Jancey, als letztere in den Zirkel der Freunde aufgenommen wird. Dies ist ein Verhalten mit Vorbildfunktion und bei allem Chaos, das diese Kinder immer wieder anrichten, so sind es doch solche Wesenszüge die den Kern des Ganzen ausmachen. „The Florida Project“ ist ein bemerkenswerter Film, schonungslos, aber gleichermaßen warmherzig; dramatisch, aber gleichermaßen hoffnungsfroh. Wie sagt Moonee doch an einer Stelle: „Weißt du, wieso das hier mein Lieblingsbaum ist? Er ist umgefallen, aber er wächst immer noch weiter.“

Autor: Jakob Larisch

Die Musik der Schlusssequenz:

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