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The Artist (2011) Review

Schwarz-Weiß-Filme erregen aufgrund ihrer Seltenheit zu Zeiten des Farbfilms fast immer ein gewisses Aufsehen, auch und gerade wenn ihre Stilistik in den meisten Fällen einen sinnvollen Hintergrund hat. So beispielsweise „Good Night and Good Luck“ (George Clooney, 2005) oder „Schindlers Liste“ (Steven Spielberg, 1993), in welchen bewusst auf Farbe verzichtet wurde, um sie näher an den historischen Kontext heranzurücken, in welchem sie spielen. Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ führt diese Idee nun konsequent zu Ende und erzählt eine Geschichte über das Ende der Stummfilmära, welche 1927 mit dem Film „The Jazz Singer“ von Alan Crosland eingeläutet wurde, als Stummfilm. Und zwar mit allen Finessen und einem leichten Augenzwinkern.

Im Hollywood des Jahres 1927 ist der Schauspieler George Valentin (Jean Dujardin) ein gefeierter (Stumm-)Filmstar. Nach der Premiere seines neuesten Films stößt er auf dem roten Teppich vor dem Kino mit der jungen Peppy Miller (Bérénice Bejo) zusammen, die ihm nach einigem Posieren einen Kuss auf die Wange drückt. Ein Fotograf hält die Szene fest und am nächsten Morgen fragt sich die gesammelte Presse der Stadt, wer denn dieses Mädchen sei. Peppy begibt sich, dadurch beflügelt, zu den „Kinograph Studios“, und stellt sich für eine Statistenrolle vor. Zufälligerweise ist der Hauptdarsteller des Films, für den sie verpflichtet wird, natürlich George Valentin. Als der Produzent Al Zimmer (John Goodman) sie wegen des durch sie hervorgerufenen Medienechos wieder fortschicken will, interveniert George, so dass sie bleiben darf. Während des Drehs wird klar, dass sie sich gut verstehen. Kurz darauf tritt der Tonfilm seinen Siegeszug an und George wird von Al Zimmer gefeuert, da er sich weigert, dem neuen Trend zu folgen. Er produziert somit seinen eigenen Stummfilm, der ihn in den finanziellen Ruin treibt und an den Kassen floppt. Peppy Miller hingegen wird über die Zeit zum umjubelten Star, vergisst jedoch George auch nicht, als dieser immer tiefer in eine persönliche Krise rutscht…

Es sei angemerkt, dass der Begriff „Stummfilm“ etwas irreführend sein kann. Schließlich war er nie komplett stumm, sondern immer nahezu durchgehend von Musik begleitet, die entweder live von einem Orchester kam oder per Grammophon eingespielt wurde. Auch dieses Element greift Hazanavicius auf. Es findet sich in „The Artist“ eine fast andauernde akustische Beschallung, nur wenige Szenen sind etwas stiller gehalten und lediglich in der emotionalsten Szene des Films ist kein Ton zu hören, was ihr eine zusätzliche Dramatik verleiht. Die Musik selbst ist an typische Stummfilmmusik der 1920er-Jahre angelehnt, die ein wenig an das noch heute teilweise bei Zeichentrickfilmen verwendete Mickey-Mousing erinnert: Lustige Szenen werden von fröhlicher Musik begleitet, traurige Szenen von melancholischer. Eine Ausnahme bildet hierbei eine wundervoll-geniale Traumsequenz, die Georges Angst vor der Neuerung des Tonfilms geschickt visualisiert und seine Überforderung mit dem Thema verdeutlicht. Auch andere konstituierende Elemente des Stummfilms werden übernommen; so das 4:3-Bildformat, die Zwischentitel anstelle des gesprochenen Dialogs und die kurze Bildstörung, wenn (vorgeblich) die Filmrolle gewechselt wird. Dies alles führt dazu, dass man sich trotz der inhaltlich mehr oder minder leichten Boy-meets-Girl-Thematik des Films an seine Ästhetik gewöhnen muss. Wer Stummfilme kennt und mit ihnen absolut nichts anfangen kann, sollte einen Bogen um „The Artist“ machen. Wer noch nie einen Stummfilm gesehen hat, sollte die Chance nutzen und mit einem grandiosen Exemplar anfangen. Es eröffnet sich ein wahrhaft fantastisches Filmvergnügen, eine mit Zitaten und Verweisen gespickte und liebevolle Hommage an die Filme der stummen Ära.

Es gehört Mut dazu, in Zeiten eines Kinos, was unter der beständigen Maxime des „schneller, höher, weiter, mehr“ steht, einen Film zu drehen, der von der Ästhetik derart weit in die Vergangenheit zurückreicht. Doch durch seinen konsequenten Umgang mit den Stilmitteln und seinen durchaus triftigen Grund, den Film so und nicht anders zu inszenieren, bleibt das von Hazanavicius gezeichnete Bild in sich stimmig. Großen Anteil daran haben auch seine Hauptdarsteller. Ein Film, in dem sich Emotionen ausschließlich über Mimik und Gestik transportieren, verlangt Schauspielern andere Qualitäten ab als sonst. Hazanavicius beweist jedoch ein glückliches Händchen mit seinen beiden Hauptdarstellern, die bereits in seinen vorherigen Werken über den französischen Spion „OSS 117“ zum Einsatz kamen. Jean Dujardin bringt sich mit seiner Darstellung des George Valentin schon jetzt in Oscar-Nähe; sein fast ironisches Overacting, speziell in den Film-im-Film-Szenen, nimmt eine damals in der Tat vorherrschende Spielweise gekonnt auf. Auch sein gebrochener Charakter im zweiten Teil des Films mit dem immer wieder durchblitzenden Stolz wirkt ohne Einschränkungen authentisch; trotz aller Vorwürfe, die man ihm beispielsweise aufgrund seiner Besserwisserei machen kann, verkommt er nie zur unsympathischen Karikatur. Bérénice Bejo als teilweise fast hyperaktiv anmutende Peppy Miller nimmt man den zu Beginn aufgeregten Fan, der sich im Laufe der Zeit zum Filmstar wandelt, mühelos ab, sie hat keine Probleme, die Rolle glaubhaft und vor allem sympathisch darzustellen. John Goodman erfüllt zwar ein wenig das Klischee des dicken, Zigarre rauchenden Bosses, auch er sorgt jedoch in den richtigen Momenten für die richtige Stimmung. Darüber hinaus zu erwähnen wäre noch James Cromwell als Georges treuer Butler Clifton, der gegen Ende eine wichtige Einsicht bringt, die fast zu spät gekommen wäre. Neben schauspielerischen Qualitäten tragen auch die metaphorisch aufgeladenen Bilder ihren Teil dazu bei, dass Dinge mühelos ohne Sprache erzählt werden können. Es braucht beispielsweise nur einige kurze Momente, um Peppy Millers Zuneigung für George zu erkennen. Georges letzter eigener Stummfilm endet mit einer Einstellung, die ihn im Treibsand versinkend zeigt und somit verdeutlicht, dass seine Karriere am Ende ist und als Peppy ihn kurz nach ihrem Karrierestart in einem Filmset-Treppenhaus trifft, wird ihr Erfolg schon aufgrund der Stellung auf den Stufen verdeutlicht. Als George dann noch nach dem Gespräch im Durcheinander der Statisten untergeht und man einige Sekunden damit zubringt, ihn nicht mehr zu sehen, ist seine Position in der Zeit des neuen Mediums vollkommen unmissverständlich.

Tatsächlich standen viele Filmschaffende dem „Sprechfilm“, wie er zunächst abfällig genannt wurde, zu Beginn eher skeptisch gegenüber. „The Artist“ spiegelt diese Stimmung authentisch wider und verdeutlicht sie durch eine Grenze, die sich zunächst durch die Charaktere zieht. Auf der einen Seite steht George Valentin, der mit Stummfilmen alle Erfolge seiner Karriere gefeiert hat, seine künstlerische Kreativität in Gefahr sieht und davon überzeugt ist, dass der Tonfilm nichts weiter als neumodischer Unsinn ist. Auf der anderen Seite stehen zum einen Al Zimmer, der dem Tonfilm eher aus kommerziellen Überzeugungen zugeneigt ist, um das Publikum bei der Stange zu halten, zum anderen Peppy Miller als Vertreterin einer neuen Generation von Filmschaffenden, die mit dem Stummfilm wenig Berührungspunkte hat und die Chancen des neuen Mediums voll auskostet. Als sie bei einem Interview begeistert dafür plädiert, Platz für das Neue in der Filmwelt zu machen und dabei zunächst nicht bemerkt, dass ein enttäuschter George Valentin hinter ihr sitzt, weiß dieser, dass seine Stunde als Filmstar mehr oder weniger geschlagen hat. Mit einer ähnlichen Problematik setzte sich bereits „Singin‘ in the Rain“ (Stanley Donen & Gene Kelly, 1952) auseinander, an den man sich bei „The Artist“ mehr als einmal erinnert fühlt. Während ersterer jedoch den Schwerpunkt auf den Tonfilm legte, ihn als Neuerung akzeptierte und die daraus resultierenden Schwierigkeiten beim Filmdreh aufs Korn nahm, wählt letzterer schon aufgrund seiner Stilistik bewusst einen anderen Weg, geht quasi einen Schritt zurück und legt den Fokus auf den Stummfilm und die Schwierigkeiten, den Tonfilm überhaupt anzuerkennen. Bereits dadurch macht er es sich zur Aufgabe, das Erbe der Stummfilme zu bewahren. Wie man heute weiß, hat sich der Tonfilm am Ende zwar durchgesetzt, jedoch ist „The Artist“ eine eindringliche Erinnerung an die Größe der Stummfilmzeit, ein Plädoyer dafür, das Neue zuzulassen, das Alte als dessen Ursprung jedoch nicht zu vergessen. Der Fortschritt ist nur dann anzuerkennen, wenn man die Dinge, aus denen der Fortschritt entsteht, nicht aus den Augen verliert.


Via YouTube

Autor: Jakob Larisch

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