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Testament of Youth (2014/2015) DVD-Kritik

Wann beginnt das Leben? Mit der Geburt oder doch erst mit dem ersten Kinobesuch, der den jungen Zuschauer sein eigenes Leben für einen kurzen Moment vergessen und in das virtuelle Leben der – mittlerweile – digitalen Bilder und des projizierten Lichts eintauchen lässt?

In „Testament of Youth“, der am 22. Oktober auf DVD erscheint, beginnt mit dem Eintritt des Vereinigten Königreichs in den Ersten Weltkrieg zumindest der erwachsene Teil des Lebens für Vera Brittain, ihren Bruder Edward – mit 18 Jahren der Jüngste– und ihre beiden Freunde Roland und Victor. Mit einem Schlag dreht sich ihr Leben mit und um den Krieg und alle gemeinsam geschmiedeten Pläne sind für die Katz. Roland wirft als erster das Karriere-Handtuch und entscheidet sich gegen ein Elite-Studium, um in die Schlacht gegen den deutschen Kaiser und seine Truppen zu ziehen. Alle drei Männer sind überzeugt „geboren zu sein, um Spuren zu hinterlassen“ und etwas „noch nie dagewesenes“ zu erleben. Also ziehen sie in den Krieg. Veras „Musketiere“ lassen ihre Muskeln spielen und landen mit ihrem Standardgewehr, der „Brown Bess“ in den Schützengräben Ost-Frankreichs.

Erinnert man sich an Lewis Milestones Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ aus dem Jahr 1930, der damals von Kritikern mit Lob überhäuft wurde, ist es erstaunlich, dass jetzt, 2015, mit James Kent erneut ein Regisseur die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht der jungen und damit nicht kriegs-treibenden sondern zwangsweise kriegs-führenden Generation auf die Leinwand bringt. Auch wenn „Testament of Youth“ auf den autobiographischen Erinnerungen der berühmten Feministin und Pazifistin Vera Brittain basiert, stellt sich die Frage, inwieweit eine aktuelle Notwendigkeit für die Verfilmung fast 100 Jahre alter Geschichte besteht oder ob sich anhand der Nachfrage nach Erstweltkriegsthemen für die britische Gesellschaft ein Verarbeitungsbedarf ableiten lässt.

© Sony Pictures Home Entertainment

© Sony Pictures Home Entertainment

Auch ohne die komplette Autobiographie Brittains gelesen zu haben, kann man davon ausgehen, dass es sich bei dem 34 Jahre nach ihrem Tod entstandenen Film um ausgewählte Filetstücke des Buchs und der im Krieg entstandenen Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Verlobten Roland handelt, die zu einem abendfüllenden Spielfilm mit Potential zur Aktivierung der Tränendrüsen zusammengeschnitten wurden. Fairerweise muss man dann aber hinzufügen, dass es sich bis auf ein paar Szenen um sehr gut filetierte Ausschnitte handelt. Schon der Trailer lässt vermuten, dass man sich mit „Testament of Youth“ keinen großen Gefallen tut, wenn man einen amüsanten, das Gehirn berieselnden Kinoabend mit Popcorn und Limonade geplant hatte. Die Bild- und Emotionsgewalt der aufwendigen, 10 Millionen Euro teuren Produktion und die schauspielerische Leistung der jungen Besetzung – angeführt von Alicia Vikander als Vera Brittain – machen „Testament of Youth“ am Ende jedoch zum (Alb)Traum für jeden Pazifisten und Anti-Pazifisten: Der Krieg aus und mit dem Auge der geopferten und sich opfernden Jugend.

Autor: Simon Oldenbruch

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