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Summer of ’84 (2018) Review

© Pandastorm Pictures

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Derzeit bekommen wir in der Film- und Fernsehwelt – neben zahlreichen Comicverfilmungen – auch eine richtige Packung Nostalgie geboten, insbesondere die 1980er-Jahre feiern dabei ein Revival. Nicht zuletzt durch die Serie „Stranger Things“ der Duffer-Brüder oder Andrés Muschiettis Neuauflage von „Es“ (2017), der die Geschichte um den Club der Verlierer sogar extra von den 50ern in die 80er verlegt hat, steht dieses Jahrzehnt in der Liste ganz oben, wenn man seinen Horror-Mystery-Coming-of-Age-Familienfilm-Cocktail dreht. Im Falle des kanadischen Regie-Trios Francois Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell (u.a. „Turbo Kid“, 2015) und auch der Duffer-Brüder liegt die Vermutung nahe, dass sie sich von den Filmen ihrer Kindheit inspirieren lassen und sich deswegen – oberflächlich betrachtet – an Beispielen wie „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ (1986), „E.T. – Der Außerirdische“ (1982), „Die Goonies“ (1985) oder „Poltergeist“ (1982) orientieren. Trotzdem stellt sich unweigerlich die Frage, an welche Zielgruppe sich diese Filme und Serien denn eigentlich richten sollen? Bei „Summer of ’84“ ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten.

In „Summer of ’84“ geht es um die vier Jungen Davey (Graham Verchere), Eats (Judah Lewis), Woody (Caleb Emery) und Farraday (Corey Gruter-Andrew), die sich gerade mitten in der Pubertät befinden und bei denen sich abwechselnd alles um „Krieg der Sterne“ (1977), „Gremlins“ (1984), Mädchen (bzw. Sex), ihre Fahrräder, Verschwörungstheorien und Abenteuer dreht. Allerdings treibt im Sommer von 1984 auch ein Serienkiller in Oregon sein Unwesen, der bereits für das Verschwinden von dreizehn Teenagern verantwortlich ist. Als Davey dann verdächtiges Verhalten bei seinem Nachbarn Wayne Mackey (Rich Sommer) beobachtet, beschließen die vier Jungs, den Polizisten zu beschatten und erleben dabei ihr Abenteuer des Jahres 1984.

„Summer of ’84“ entwickelt sich im Laufe der Spielzeit zu einer Mischung aus „Das Fenster zum Hof“ (1954) bzw. „Disturbia“ (2007) und den bereits im ersten Absatz genannten Coming-of-Age-Filmen. Den Plot könnte man in der Tat eins-zu-eins auch so in „Stranger Things“ wieder finden, aber auf Horror-Elemente oder mit „Turbo Kid“ vergleichbare Gore-Effekte wird überhaupt nicht zurückgegriffen. Gerade bei den voyeuristischen Szenen und den Beinahe-Konfrontationen mit dem vermeintlichen Serienmörder wird allerdings viel Potenzial für mögliche Spannung verschenkt. So richtig mitfiebern wird der Zuschauer mit den vier Protagonisten daher sicherlich nicht in solchen Szenen, in denen sie das Haus oder die Garage des vermeintlichen Täters durchsuchen oder ihn selbst beschatten. Dies liegt auch an der relativ einfältigen Inszenierung: Wir bekommen einen generischen Synthie-Soundtrack serviert, ab und zu das Rattern einer alten Heizung, ein-bis-zwei POV-Shots und leicht abgedunkeltes Licht. Auf der anderen Seite sind die Szenen ziemlich vorhersehbar und manchmal wird die drohende Gefahr, dass beispielsweise der Nachbar früher als erwartet nach Hause kommt, absolut nicht spannend inszeniert.

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Die größte Schwäche von „Summer of ’84“ ist allerdings, dass die vier Jungs als Figuren einfach nicht interessant genug sind. Natürlich handelt es sich bei den Protagonisten von „Stand By Me“, „Stranger Things“ oder „Es“ auch mehr oder weniger um Archetypen, aber diese Figuren haben trotzdem etwas Echtes und lassen uns mit ihnen mitfiebern. In „Summer of ’84“ fällt es sogar schwer, die Archetypen zu identifizieren, da die einzelnen Figuren derart profillos sind und die vier auch sonst keine Chemie in ihrem Umgang miteinander haben. Einzig der Running-Gag, dass Eats auf die Mutter von Woody steht, bleibt einigermaßen hängen, aber das nicht unbedingt, weil diese Szenen so lustig sind. Ansonsten haben wir (mutmaßlich) den „Nerd“ (Farraday), den „coolen Draufgänger“ (Eats), den „Dicken“ (Woody) und eben die „Hauptfigur“ (Davey). Aber selbst diese Klischees wurden besser bei der Vermarktung von 90er-Jahre-Boygroups umgesetzt als in diesem Film. Selbst in den Diskussionen der Protagonisten um Dinge, die ihnen wichtig sind (können Ewoks wirklich Sturmtruppen besiegen? Fährt das heiße, ältere Mädchen von nebenan auf Davey ab?) wird das Bild von ihnen nicht wirklich deutlich. Das ist sehr schade, weil „Summer of ’84“ dadurch der emotionale Unterbau fehlt.

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Somit ist es insgesamt ein sehr unspektakulärer Film geworden, der im Prinzip einem Rezept folgt und kaum davon abweicht – einzig das Ende des Films weiß etwas zu überraschen, macht das Seherlebnis letztlich aber auch nicht viel interessanter. Trotzdem richtet sich der Film wohl an Leute, die entweder ein Faible für die 80er haben oder zumindest mit den Filmen der 80er aufgewachsen sind und nochmal in Erinnerungen schwelgen wollen. Gerade Leute, die an „Turbo Kid“ Gefallen gefunden haben, dürften hier aber enttäuscht werden, denn „Summer of ’84“ schwimmt mehr auf der 80er-Nostalgie-Welle mit, als dass er irgendwie eine Bereicherung darstellt. Wenn man an anderen Vertretern des „Genres“ Gefallen gefunden hat, braucht man hier nicht zuzugreifen, weil prinzipiell alles, was der Film zu bieten hat, schon woanders zu sehen war, so dass sich qualitativ bessere Werke dieser Neuaufguss-Welle finden lassen. Die Einfallslosigkeit von „Summer of ’84“ ist aber ein Indikator dafür, dass dieses „Nostalgiarrhö“ ein baldiges Ende hat und die Industrie sich eine neue Welle suchen muss.

Autor: Torsten Stenske

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