Einen Kommentar hinterlassen

Suffragette: Taten statt Worte (2015/2016) Review

© 2016 Concorde Filmverleih GmbH

© 2016 Concorde Filmverleih GmbH

„Was wollen Sie denn tun? Uns alle einsperren? Wir sind in jedem Haus, wir sind die Hälfte der Menschheit – Sie können uns nicht aufhalten!“

Einer der stärksten Sätze aus „Suffragette: Taten statt Worte“, einem Film über die gleichnamige Frauenrechtsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Was anmutet wie ein hochpolitisches Biopic ist tatsächlich ein Historiendrama – nur ohne die romantisch verklärte Patina und all den schwülstigen Trief. Nun ja, ein bisschen Trief dann doch, denn was uns Regisseurin Sarah Gavron und Drehbuchautorin Abi Morgan hier präsentieren, ist ein Melodram par excellence – Tränen inklusive.

Die junge Mutter Maud Watts (Carey Mulligan) arbeitet nicht nur seit Kindertagen in einer Londoner Wäscherei, nein, sie wurde sogar dort geboren, denn auch ihre Mutter war bereits dort als Wäscherin angestellt, bevor sie bei einem Unfall tödlich verbrüht wurde. So beginnt auch der Film mit dem harten Arbeitsalltag, zum Feierabend soll Maud noch eine Wäschelieferung ins Londoner West End bringen. Dort gerät sie in einen Tumult aus Frauen, die nicht etwa Babys in ihren Kinderwägen spazieren fahren, sondern Backsteine und mit selbigen die Schaufenster von Geschäften einwerfen. Maud flüchtet verängstigt – wie sie und der Zuschauer bald erfahren, handelt es sich um den ersten militanten Protest der Suffragetten. Unter den Frauenrechtlerinnen ist auch eine Kollegin aus der Wäscherei, Violet (Anne-Marie Duff), die Maud für ihre Sache begeistern möchte. Nach anfänglicher Weigerung wird Maud durch gesellschaftliche Repressalien schließlich zu einer der engagiertesten Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht. Der Zuschauer verfolgt sie bei ihrer stetigen Radikalisierung, die nicht vorrangig politisch motiviert ist, sondern durch persönliche Schicksalsschläge.

So ist Mauds aufkeimendes Interesse zunächst nur wenig nachvollziehbar dargestellt und lässt sich nur vage aus ihrer Backstory Wound rekonstruieren – der Unfalltod der Mutter, die harten Arbeitsbedingungen, der sexuelle Missbrauch im Teenageralter durch den Wäschereiinhaber, dem auch andere junge Frauen in einer stetigen Wiederholung zum Opfer fallen, all dies veranlasst Maud zu Zweifeln, ob es nicht auch ein anderes Leben geben kann und treibt sie schließlich zum Ausbruch aus ihrer Opferrolle. Danach geht jedem Schritt in der Radikalisierung ein traumatisches Erlebnis voran. Nachdem Maud für die von ihrem Ehemann verprügelte Violet als Rednerin vor dem Parlament einspringen muss und in ihrer ehrlichen Schilderung das Gefühl hat, verstanden zu werden, führt ihre Enttäuschung über den abgelehnten Antrag dazu, dass sie das erste Mal ihre Stimme bei der öffentlichen Kundgebung erhebt. Die Demonstration wird von der Polizei brutal niedergeschlagen und endet in zahlreichen Verhaftungen. Es folgen weitere Gefängnisaufenthalte, unter denen Maud vor allem aufgrund der Kontaktsperre zu ihrem Sohn leidet. Sie entfremdet sich von Ehemann Sonny (Ben Wishaw), der ebenfalls in der Wäscherei arbeitet und ihr zuvor als fürsorglicher Ehemann zur Seite stand, nun aber kein Verständnis für seine Frau aufbringen mag. Gefangen in gesellschaftlichen Konventionen und einem strikten männlichen Rollenbild verhaftet, wendet er sich von Maud ab und untersagt ihr den Kontakt zum gemeinsamen Sohn. Als Maud auch noch ihren Job verliert, bleibt ihr in der sozialen Isolation nur noch die Gemeinschaft der Frauen und der Kampf für ihre Sache. Die immer militanteren Aktionen gipfeln schließlich in Brandanschlägen.

© 2016 Concorde Filmverleih GmbH

© 2016 Concorde Filmverleih GmbH

Zum zentralen Antagonisten avanciert Inspektor Steed (Brendan Gleeson), der für die damalige Zeit innovative Überwachungstechnik einsetzt, um die Suffragetten zu überführen. Steed erscheint zu Beginn des Films jedes Mittel recht, angesichts der brutalen Zwangsernährung von Maud, die im Gefängnis mit anderen Frauen in einen Hungerstreik getreten ist, keimen in ihm jedoch leise Zweifel auf. Der Film belässt es aber bei der Andeutung und spielt die Ambivalenz nicht aus. So wird ein einseitiges Männerbild gezeichnet: Selbst ein Mann, der seine Frau in dem Kampf um das Frauenwahlrecht unterstützt, wie der Apotheker Hugh (Finbar Lynch), stellt sich am Ende – zwar aus Sorge um die Gesundheit seiner Frau – über Edith (Helena Bonham Carter) und verhindert, dass sie an einer weiteren Protestaktion teilnimmt.

Anstatt eine historische Persönlichkeit in den Fokus zu nehmen, entscheiden sich Gavron und Morgan mit Maud für eine fiktive Figur aus der Arbeiterklasse, die ein Konglomerat aus reellen Akteurinnen der Bewegung ist. Das bietet offensichtlich den Vorteil, ein Melodram über ein Einzelschicksal zu erzählen, das zwar konventionell, aber hochemotional und durchkomponiert ist, jedoch der politischen Schlagkraft entbehrt, die ein Film über ein weitgehend filmisch unaufbereitetes Thema der jüngeren Geschichte hätte entfalten können. Auch wenn die schonungslose Gewaltdarstellung ein Bewusstsein für den unerbittlichen Kampf der Suffragetten schafft und der Film einen Teil zur Aufarbeitung beiträgt, krankt gerade der Schluss mit Archivmaterial des Trauerzuges für Emily Davison an einem Versprechen, das er nicht einlöst: Maud ist als fiktive Figur bei wichtigen historischen Ereignissen dabei, die wahren Akteurinnen bleiben aber unbeleuchtet. Den Märtyrertod stirbt eine andere.

Spätestens beim Abspann holt den Zuschauer die Realität aber doch noch ein: Mit einer Auflistung der Einführungsjahre des Frauenwahlrechts weltweit führt er noch einmal deutlich vor Augen, dass „Suffragette“ trotz seiner Schwächen ein hochaktuelles Thema behandelt. Und das ist der eigentliche Schock – nicht die Drastik der Frauenbewegung und Brutalität ihrer Widersacher, sondern dass Gleichberechtigung noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Autorin: Felicitas Hilge

Leave a Reply