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Stoker (2013) Review

Stoker 1

Nachdem Park Chan-Wook sich bereits mit „Thirst“ (2009) am Vampir-Genre versucht hatte, beschwört auch der Titel seines US-Regiedebüts die Blutsauger-Legende schlechthin wieder herauf. So sollte eigentlich klar sein, um was es sich bei „Stoker“ handelt – oder doch nicht?

An ihrem 18. Geburtstag sieht sich India Stoker (Mia Wasikowska) mit dem plötzlichen Unfalltod ihres Vaters konfrontiert, der der einzige Freund der Außenseiterin war und auch aufgrund der lieblosen Beziehung zu ihrer Mutter (Nicole Kidman) schmerzlich von India vermisst wird. Am Tag der Beerdigung taucht Indias Onkel Charlie (Matthew Goode) auf, von dessen Existenz sie bisher nichts wusste, und quartiert sich im Anwesen der Stokers ein. Während dieser sofort ihre Nähe sucht, muss India erst einmal ausloten, was es bedeutet, von gleichem Fleisch und Blut zu sein. Dabei entlarvt sie nicht nur allmählich das dunkle Geheimnis ihres Onkels, sondern entdeckt auch bisher verborgene Seiten an sich selbst.

Trotz der Gewalttätigkeit und der Gruselmomente ist es die Orientierungslosigkeit, die den Zuschauer an Stoker verstört. Eine Orientierungslosigkeit, die sich vor allem durch die Wendungen der mysteriösen Story und die zeitliche Entrücktheit einstellt. Während das viktorianische Anwesen der Stokers mit seiner luxuriösen Ausstattung noch in der Gegenwart verortet werden kann, scheinen die Kellerräume gänzlich in einer anderen Zeit stehen geblieben zu sein und auch das Bad sieht aus, als würde Janet Leigh alias Marion Crane gleich dort in die Dusche steigen. Es ist aber India, die sich dort nicht nur den Schmutz vom Körper, sondern auch ihre Unschuld abwäscht und im weiteren Verlauf des Filmes vom Kind zur Frau avanciert – gekrönt durch den symbolischen Akt des Wechsels der schwarz-weißen Halbschuhe, die India seit Kindertagen begleitet haben und buchstäblich mit ihren Füßen gewachsen sind, zum High Heel, den ihr der Onkel über den Fuß streift, wie der Prinz im Märchen Cinderella.

Stoker 2Auch aufgrund anderer Verweise (hier seien die binäre Opposition von gut und böse (verkörpert durch den Vater und den Onkel), die Rolle der bösen (Stief-)Mutter bzw. Hexe und die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf allein im Wald angemerkt) bietet sich die Lesart als Märchen an, welche wir aktuell in ähnlicher Verbindung mit Southern Gothic und Vampirmotivik aus der HBO-Serie „True Blood“ kennen. Die Southern-Gothic-Ästhetik findet sich auch in den Landschaftsaufnahmen, die mal saftig grünblau in der Schwärze der Nacht in Szene gesetzt werden oder golden glühend in der Hitze des Tages, wenn sich Nicole Kidmans rotblonde Haarsträhnen mit einem Bürstenstrich zu Grashalmen der goldbraunen Felder verwandeln. Bilder voller Poetik, die sich mit der kinematografischen Landschaftsmalerei eines Terrence Malick messen können, nur um im nächsten Moment wieder in die kühle Ästhetik des Thrillers zu verfallen. Stets muss man sich dem Genre und der Epoche, in welchen man sich befindet erneut vergewissern.

Die Vielzahl an Anspielungen und Zitaten der Film- und Literaturgeschichte, das Spiel mit Genreversatzstücken und die zeitlose stilisierte Optik befremden den Zuschauer ebenso, wie sie ihn dazu verführen mitzuspielen und die Protagonistin, wie die Kamera, in flüssigen Bewegungen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Ob India letztlich den Part der guten Fee oder bösen Hexe einnimmt, bleibt bis zum Ende des Filmes fraglich und auch danach lässt uns Park Chan-Wook mit der philosophischen Frage im Dunkel des Kinosaales zurück, ob im Menschen von Natur aus das Böse schlummert?

Angesichts der letzten Comic-Blockbuster dachte ich schon, der ewige Widerstreit von Inhalt und Form wäre eindeutig für letztgenanntes entschieden worden. Park Chan-Wook beweist mit „Stoker“ aber, dass Style und Substance durchaus zu vereinbaren sind: Der Film bietet eine fabelhafte Geschichte – das Drehbuch stammt übrigens von Wentworth Miller (oh ja, der aus Prison Break bekannte Schauspieler kann schreiben!) – in einem brillianten überstilisierten Gewand.

Autorin: Felicitas Hilge

2 Responses to “Stoker (2013) Review”

  1. 1
    Samantha Says:

    Ein schöner Artikel, der definitiv Lust darauf macht, sich diesen Film anzusehen (was ich allerdings sowieso vorhatte :-) ), ohne zu viel zu verraten. Beim Lesen ging ich ehrlich gesagt davon aus, dass es sich um einen „Jakob-Artikel“ handeln müsse … ähnlicher Stil irgendwie. Oder ist vielleicht „Felicitas“ die ausgeschriebene Variante von „Fee“ aus dem Trash-Talk?!

    Grüßle von Sam

  2. 2
    F to the double E Says:

    Ganz richtig, Sam – leicht zu erkennen am Avengers-Bashing ;-) Jakob hatte mir angeboten, den Artikel zu schreiben nachdem wir mit sehr unterschiedlichen Meinungen aus dem Film gekommen waren. Da freut es mich natürlich umso mehr, dass du dir den Film immer noch ansehen möchtest und bin gespannt auf deine Meinung.

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