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Steve Jobs (2015) Review

© Universal Pictures

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Während Michael Fassbender aktuell den echten Macbeth verkörpert, wird er in „Steve Jobs“ nicht zu einer Figur Shakespeares, sondern zu einem menschlichen Algorithmus. Ein großartiges  Drama von Danny Boyle.

Die Struktur des Films ist so einfach wie feinsinnig. Aufgezogen als Dreiakter, der kurz vor den offiziellen Produkteinführungen des Macintosh, des NeXTcube und des iMac einsetzt, wird Jobs‘ Leben auf die Präsentation von Technik reduziert. Die technischen Aspekte vor jedem Fanboy-Gig erhalten nicht nur eine höhere Aufmerksamkeit als die Menschen in unmittelbarer Umgebung, die Beziehungen selbst werden technisiert, wenn sie denn nicht als leidige Verpflichtungen gesehen werden. Sie werden funktionalisiert, in ihrem Potenzial lösungsorientiert begutachtet und von Empathie bereinigt.

Jobs‘ Präzision für Kommunikation als eine Art binärer Code (Befehl – Ausführung) lässt ihn zur Perversion der aufklärerischen Ideale von Logik, Verstand und Rationalisierung werden: Ein Unmensch, der Kalkül der Wärme vorzieht, der Fingerspitzengefühl gegen Wahrscheinlichkeitsrechnung eintauscht und der so davon besessen ist, perfekt und makellos zu sein, dass es ihm fast gelingt, der erste Computer humanen Antlitzes zu werden. Boyles Jobs nutzt Sprache wie ein Werkzeug zum Programmieren, die im Kontrast zu seinen Mitmenschen, allen voran Steve Wozniak, gefühlsduselig gespielt von Seth Rogen, zu dialektischen Spannungsverhältnissen führt. Nach außen lässt ihn das wie ein gut aussehendes Arschloch wirken. Fassbender spielt wie kein zweiter: Ein PC wäre (und ist) sein bester Freund, weil dieser genauso funktioniert. Wäre: Denn am Ende nuckelt Jobs nur allzu menschlich an ganz normalen Minderwertigkeitskomplexen. In diesen Momenten zeigt sich wie viel Spaß der Küchenpsychologe am Sezieren hätte und woran man die Schwächen in diesem Drama ausmachen könnte, wenn nicht die Analogie Macintosh – Jobs um so vieles kraftvoller wäre als stumpfe Psychoanalyse. Nur dank Aaron Sorkins großartigem ersten und zweiten Akt ist es zu verzeihen, dass das ein Tick zu versöhnliche Ende noch stilsicher und nicht abgedroschen wirkt und der Aufschrei, dass das alles viel zu platt sei, ausbleibt.

© Universal Pictures

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Boyle hält seinem Zuschauer den Prozess der Arbeit vor, er repetiert in einer Dramaturgie des Resultats nur bereits entschiedene Streitigkeiten. Für die Figuren sind es nur alte Grabenkämpfe, aufgewärmt, noch einmal ausgetragen. Das ist aber kein verquerer Fatalismus, sondern die Beziehungsendprodukte, inkompatibel und schwer einsehbar für den Zuschauer, höchstens durch kurze Flashbacks. Fast, so könnte man meinen, wie Jobs‘ Vorstellung eines perfekten Macintosh.

Was dadurch klar wird: „Steve Jobs“ ist keine Biografie alter Schule, kein Fanboy oder Hater-Film, der sich auf Wahrheitssuche begibt oder besonders investigativ sein möchte, sondern eine Dekonstruktion dessen, was Fiktionalisierung eines Mythos ist: Die Zerstörung eines Mythos, die zugleich einen neuen schafft. Quasi: Der Mythos ist tot, lang lebe der Mythos.

Jobs wird so von Napoleon zur Personifikation einer längst in der Gesellschaft verankerten Ideologie des Silicon Valley, eine Ideologie, die es uns paradox wie es klingt, diktiert, leichter mit unseren Computern zu kommunizieren, als mit unseren Mitmenschen. Das ist zwar mittlerweile zu einer anti-humanistischen Binsenweisheit geworden, doch hat es kaum ein Filmschaffender so ambitioniert umgesetzt wie es Danny Boyle tut. Nicht einmal David Finchers „The Social Network“. Dass sich der Film nebenbei für einige Kategorien bei den kommenden Oscars empfiehlt, geht bei all dem Subtext fast unter und darf ruhig erwähnt werden.

Autor: Lucas Curstädt

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