Einen Kommentar hinterlassen

Spieglein, Spieglein (2012) Review

Es war einmal in Hollywood… Findige Produzenten, die erkannt haben, dass sich mit Fantasystoffen enorme Einspielergebnisse generieren lassen, haben seit geraumer Zeit auch altbekannte Märchen wieder für sich entdeckt. So erfuhr „Rapunzel“ eine Disney-Generalüberholung („Rapunzel – Neu verföhnt“), „Rotkäppchen“ verkam zum seelenlosen Romantik-Grusler im Fahrwasser der gigantischen „Twilight“-Erfolge („Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond“), „Hänsel und Gretel“ werden sich im kommenden Jahr im Horror-Spaß „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ mit allerlei Gruselwesen herumschlagen und auch im TV-Bereich gibt es aktuell eine moderne Neuinterpretation bekannter Märchen in „Once Upon a Time – Es war einmal…“ zu bestaunen. Das alles jedoch mal mehr, mal weniger lukrativ. Doch Hollywoods Interesse an Märchen scheint ungebrochen und findet seinen Höhepunkt im aktuellen Kinojahr, in welchem uns das selbe Märchen gleich in zwei verschiedenen Versionen angeboten wird. Die Rede ist vom Grimm’schen Märchen „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“, welches unter der Regie von Rupert Sanders als „Snow White and the Huntsman“ zum peinlichen Action-Blödsinn geriet und in der Version von Tarsem Dhandwar Singh als komödiantisches Fest für die Sinne adaptiert wurde. Tarsems Märchen-Spektakel „Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ darf bereits an dieser Stelle als die bessere der beiden Adaptionen angepriesen werden. Stellt sich nur die Frage, wie gut der Film tatsächlich geworden ist und ob es Tarsem gelungen ist, einen unterhaltsamen Film für die ganze Familie auf die Beine zu stellen.

Vom Splatter zum Slapstick

Drei Filme hatte Tarsem vor „Spieglein“ erst auf seiner Visitenkarte stehen: „The Cell“, „The Fall“ und „Krieg der Götter“. Und auch wenn „The Fall“ natürlich nicht so brutal ist wie die beiden anderen Werke, scheint die Entscheidung doch schon fast verwunderlich, einen Regisseur, der eigentlich nur Filme für Erwachsene inszeniert hat, mit der familientauglichen Adaption eines Grimm’schen Märchens zu betrauen, auch gerade deshalb, wenn man bedenkt, dass es in vielen Märchen nicht gerade zimperlich zur Sache geht. Doch von Tarsems Splatterexzessen aus „Krieg der Götter“ ist in „Spieglein“ keine Spur mehr zu finden. Seine Fantasy-Komödie ist ein äußerst humorvoller Film geworden, der über fast die gesamte Laufzeit hinweg grandiose Unterhaltung bietet und Groß und Klein zu begeistern weiß. Ich persönlich ärgere mich, dass ich Sanders Version im Kino den Vorzug vor Tarsems Variante gegeben hatte und „Spieglein“ nun „nur“ auf dem heimischen TV-Gerät betrachten durfte. Aber wie heißt es doch so schön: besser spät als nie.

Das etwas andere Märchenreich

Die Böse Königin (Julia Roberts) hat ihr Ziel erreicht: hinterlistig hat sie ihren Gemahl aus seinem eigenen Königreich vertrieben und dessen Tochter Schneewittchen (Lily Collins) im Königsschloss quasi eingesperrt. Das Königreich siecht dahin, die Menschen leben in Armut, doch der Palast erstrahlt weiterhin in hellem Glanz. An ihrem 18. Geburtstag jedoch schafft Schneewittchen es, sich aus dem Staub zu machen und selbst nachzusehen, was seit der Abwesenheit ihres Vaters aus dem Königreich geworden ist. Der Beginn einer abenteuerlichen Geschichte, in deren Verlauf Schneewittchen die altbekannte Fantasy-Heldengenese durchmachen muss, um gemeinsam mit einem edlen Prinzen (Armie Hammer) und den mutigen Sieben Zwergen das Königreich von der Schreckensherrschaft der Bösen Königin zu befreien. So weit so unspektakulär. „Spieglein“ erzählt im Prinzip eine Standard-Geschichte, in deren Kern es darum geht, seine eigenen Unzulänglichkeiten zu überwinden, zu seiner wahren inneren Stärke zu finden und so das Böse zu besiegen. Das ist aber auch völlig okay, denn was den Film dann eben doch noch besonders macht und ihn erst auszeichnet ist u.a. sein ironischer Umgang mit Märchen-Klischees. Hip und modern wird hier die Geschichte von „Schneewittchen“ zwar mit bekannten Motiven aber doch irgendwie neu erzählt und begeistert mit Märchen-untypischen Dialogen („Wenn du’s keinem sagst, sag ich’s auch keinem!“ „Ehrlich?“ „Indianer-Ehrenwort!“) und humorvollen Verweisen auf die literarischen Konventionen der Vorlage („Alle lachten und tanzten im Königreich – Moment mal, hat denn niemand gearbeitet?“).

Ein visuelles Spektakel

Typisch für die Filme von Tarsem ist die überbordende Kreativität im Bezug auf die Ausstattung, also die Kulissen, Requisiten und Kostüme. Und auch was diesbezüglich in „Spieglein“ aufgefahren wird, sucht im aktuellen Kinojahr (bisher) seinesgleichen. Bei Tarsem wird geklotzt, statt gekleckert und das gute daran: alles wirkt wie aus einem Guss. Vielleicht kann man dem Film in einigen Momenten unterstellen, dass er es bei aller wundervollen kreativen Energie manchmal fast schon zu übertreiben scheint, dem Seh-Genuss hingegen tut dies aber eigentlich keinen Abbruch. Vor allem die visuell beeindruckenden Szenen, in denen die Böse Königin im Dialog mit ihrem Spiegel steht und die wunderschöne Intro-Sequenz, in welcher die Geschichte von Schneewittchens Geburt bis zur Machtübernahme durch die Böse Königin mit computeranimierten, porzellanartigen Puppen erzählt wird, wissen nachhaltig zu beeindrucken.

Kindgerechter Humor? Ich bitte darum!

Auch wenn man im Vorfeld befürchten durfte, dass der Humor in „Spieglein“ vielleicht etwas zu kindgerecht ausfallen könnte, darf ich hiermit Entwarnung geben. Natürlich gibt es durchaus flache Gags in diesem Film, doch glücklicherweise sind die Gags, die nicht zünden, rar gesät. Viele humoristische Einfälle wissen Jung und Alt zu begeistern und bringen den Zuschauer zum Schmunzeln. Nicht zuletzt dank den zumeist großartigen Szenen mit den Sieben Zwergen (besondere Erwähnung verdienen hierbei die etlichen Versuche, den Prinzen von einem Fluch zu befreien und die „Was wurde aus…?“-Bilder zu Beginn des Abspanns), den Slapstick-Sounds und der enormen Spielfreude aller Akteure attackiert der Film ein ums andere Mal gekonnt die Lachmuskeln des Publikums. Für den etwas zu profanen Gag mit dem Hunde-Liebestrank, der gerade noch so durchgeht, entschädigen aber wiederum der running gag mit dem ein ums andere Mal halbnackt dastehenden Prinzen und der Flamenco-Kampf-Tanz zwischen eben jenem und Schneewittchen.

Doch wo Licht ist…

… naja, da ist halt auch Schatten, aber nur ein bisschen, denn das Licht überwiegt doch in fast allen Belangen. Allerdings muss man sich doch fragen, was solch überaus befremdliche Gags wie die Tauben-Kacke im Kosmetikprogramm der Königin, das Verstecken der Zwerge unter den Röcken des weiblichen Adels sowie die Aussage des kurzzeitig in eine Kakerlake verwandelten Dieners der Königin („Ein Grashüpfer hat sich an mir vergangen.“) in einem Kinderfilm zu suchen haben. Dass die FSK wieder mal gepennt hat, kann man natürlich nicht den Machern des Films zur Last legen, doch sollte man sich bei den oben genannten Witzen und dem düsteren Finale fragen, ob die Verantwortlichen bei der FSK noch ganz bei Trost waren, als sie „Spieglein“ mit der Kennzeichnung „Freigegeben ohne Altersbeschränkung“ bedacht haben.

Operation gelungen!

Die Frischzellenkur, die dem weltweit bekannten Märchen aus der Feder der Gebrüder Grimm in Tarsems Adaption zuteil geworden ist, funktioniert wunderbar. Präsentiert wird uns ein Schneewittchen, dass ihren Mann – pardon – ihre Frau steht und im actionreichen Finale den Männern sogar fast die Schau stiehlt. Dass das ganze aber nicht zum unglaubwürdigen Action-Unsinn à la „Snow White and the Huntsman“ verkommt, liegt vor allem an der spritzigen und humorvollen Inszenierung, welche die literarische Vorlage zwar mit Respekt aber auch nicht mit übermäßiger Ernsthaftigkeit behandelt, wobei dann ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene zugleich herausgekommen ist. Tarsem ist mit seiner „Schneewittchen“-Variante ein fantasievolles Stück Unterhaltung und eine der positivsten Überraschungen des Kino-Jahres gelungen, die mit weniger Budget als der direkte Konkurrent („Snow White“: 170 Millionen US-Dollar, „Spieglein“: 85 Mio) trotzdem visuell schöner und beeindruckender ausgefallen ist als Sanders Version mit Kristen Stewart, Chris Hemsworth und Charlize Theron. Das Publikum indes wusste dies bei der bisherigen Kinoauswertung zwar nicht entsprechend zu goutieren (Einspiel: „Snow White“ rund 400 Mio, „Spieglein“ circa 160 Mio), doch vielleicht wird sich dies im Zuge der Heimkino-Auswertung ja noch ändern. Tarsem zementiert jedenfalls nachdrücklich seinen Status als Meister der Fantastik und lässt seine Fans gespannt auf seinen nächsten Kinofilm hinfiebern. Von mir gibt’s daher eine unbedingte Empfehlung für alle, die mit Märchen und Fantasy auch nur im Entferntesten etwas anfangen können. Belohnt werdet ihr dann auch mit dem wahrscheinlich grandiosesten Gastauftritt im diesjährigen Blockbuster-Kino-Jahr. Und wenn ich euch den Film jetzt immer noch nicht schmackhaft genug gemacht habe, dann kann ich euch auch nicht mehr helfen ;-)

Autor: Markus Schu

Leave a Reply