Einen Kommentar hinterlassen

Snowpiercer (2013) Review

Die Welt im Jahre 2031: Bereits seit 17 Jahren kreuzen die letzten Überlebenden der Eiszeit, die durch den Fehlschlag eines vermeintlichen Mittels zur Verhinderung der Erderwärmung frühzeitig ausgelöst wurde, im als „Snowpiercer“ bekannten transkontinentalen Zug von Wilford (Ed Harris) über die postapokalyptische und mit einer dichten Schnee- und Eisschicht bedeckte Erde. Der streng nach Klassen unterteilte Zug (hinten sitzen und hungern die Armen, vorne verspeist der Erbauer genüsslich seine Steaks) ist quasi ein einziges Pulverfass: die Armen unter Führung des weisen Gilliam (John Hurt) und des rebellischen Curtis (Chris Evans) begehren auf und schmieden einen Plan, um nach vorne zu gelangen und die allmächtige Maschine außer Kraft zu setzen, um so die soziale Ungerechtigkeit zu beenden.

Der südkoreanische Sci-Fi-Film von Bong Joon-ho (bekannt für „Memories of Murder“, „The Host“ und „Mother“) ist eine freie Adaption des französischen Graphic Novel „Le Transperceneige“ von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette. Bei seinem Cast kann er sich neben den erwähnten Darstellern sowohl auf weitere namhafte Hollywood-Mimen wie Jamie Bell, Octavia Spencer, Ewen Bremner, Tilda Swinton und Alison Pill als auch auf die Südkoreaner Song Kang-ho und Go Ah-sung verlassen. Bongs kammerspielartiges Sci-Fi-Epos ist als Gesellschaftsparabel konzipiert und richtet sich vornehmlich an Zuschauer, die bereit sind, sich auf einen Film abseits des Mainstreams einzulassen. Der Mikrokosmos inmitten des sich selbst erhaltenden und niemals still stehenden Zuges entwirft eine Klassengesellschaft, die auf ihren Siedepunkt zustrebt: ein revolutionärer Aufstand ist daher Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Digital-Effekte sind zwar teilweise nicht auf der Höhe der Zeit, was auf das bescheidene Budget zurückzuführen ist, doch die brillante Gesellschaftskritik unterhält mit ihren zahlreichen cleveren visuellen Einfällen, abwechslungsreichen Schauplätzen und den vielschichtigen gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Subtexten.

Die allegorische Dystopie über das sich selbst erhaltende System, das wir unsere Gesellschaft nennen, fordert den Zuschauer mit seinen grotesken und absurden Elementen (nicht umsonst heißt einer der Protagonisten Gilliam und verweist somit auf den Regie-Querkopf Terry Gilliam) immer wieder zur erneuten Reflexion auf und führt gegen Ende alle erzählerischen und metaphorischen Stränge zusammen, sodass ein in sich rundes Gesamtbild entsteht. Themen wie die Revolution als treibende Kraft der Menschheitsgeschichte, Sozialdarwinismus und auch religiös konnotierte Plot-Elemente ergänzen sich kongenial zu einer Quasi-Schöpfungsgeschichte, die als satirische und kritische Position gegenüber der aktuellen Konstitution der Menschheit zu lesen ist. Am Ende stehen dann ein Neubeginn und die nächste Stufe der Evolution, auf welche die Macht des Zufalls natürlich erheblichen Einfluss ausgewirkt hat. Das alles klingt nun womöglich so, als sei der Film arg überfrachtet und viel zu intellektuell für den durchschnittlichen Kinogänger, doch dem Regisseur ist es gelungen, jedem Zuschauer, der ihm auf die Reise in die Postapokalypse folgt, eine kohärente und intelligente Geschichte zu präsentieren, die absolut klug, aber auch nicht mega-kompliziert, dafür aber umso reichhaltiger ist – solange man sich eben darauf einlässt. Die gegen Ende aufgeworfene Meta-Ebene fügt sich ebenfalls clever in den Gesamtkontext ein und stellt eines unmissverständlich klar: fordernd ist „Snowpiercer“ in jedem Fall. Doch auch klassische erzählerische Komponenten wie z.B. die des flawed hero (Held mit Fehlern) oder die der backstory wound (schmerzliches/traumatisches Ereignis in seiner Vergangenheit) sind in Bongs Helden-Genese vorhanden und erleichtern somit den Zugang zur Geschichte.

Fazit: „Snowpiercer“ ist ein brillanter sozialkritischer Science-Fiction-Film, der den Zuschauer einige Male vor den Kopf stößt, aber ihn genau dadurch auch immer wieder zum Nachdenken zwingt. Bong Joon-hos Dystopie spielt sich auf allerengstem Raum ab, ist audiovisuell fantastisch geraten (an dieser Stelle noch dicke Props an Komponist Marco Beltrami), top gespielt und absolut fesselnd. Ein umwerfendes Meisterwerk mit vielen tollen Ideen und vielschichtigem Subtext. Das südkoreanische Kino hat bereits einige Meisterwerke hervorgebracht und mit Bongs neuem Film wird diese Liste nunmehr um ein weiteres bereichert. Diesen Regisseur sollte man definitiv im Auge behalten, denn „Snowpiercer“ ist die 10/10 in jeder Hinsicht.

Autor: Markus Schu

Leave a Reply