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Snowden (2016) Review

© Universum Film

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Oliver Stone ist zurück! Nun ja, eigentlich war er nie wirklich weg, aber er ist auf eine Weise zurück, wie man ihn kennt und schätzt (zumindest, wenn man kein Republikaner ist): als ein hochgradig politischer Filmemacher, das linke Gewissen Hollywoods. Sein letzter Film „Savages“ liegt bereits vier Jahre zurück und war eher kein explizit politisches Werk, während die vorigen Werke „Wall Street: Geld schläft nicht“ und „W. – Ein missverstandenes Leben“ nicht unbedingt die Art von politischen Filmen waren, für die man ihn kannte: kritische Kommentare zu US-amerikanischer Politik und Kultur, gern auch mal gut für Debatten oder Skandale. Nun nimmt er sich filmisch erstmals ein (zum Zeitpunkt der Produktion) hochaktuelles Thema vor und wer außer Oliver Stone wäre besser in der Lage, den NSA-Skandal in einen Kinofilm zu gießen? Heraus kommt nicht nur eine Chronologie und gleichzeitig Aufarbeitung der Ereignisse rund um den Whistleblower Edward Snowden, sondern zudem ein äußerst packender Thriller.

Das Ganze wird anhand des Werdegangs von Snowden vollzogen, der als patriotischer CIA-Agent beginnt, welcher nicht die leiseste Kritik an seiner Regierung gelten lässt, unabhängig von deren Handeln. Er wechselt zur NSA und arbeitet dort als Cyber-Experte und IT-Analyst an verschiedenen Orten, der Rest ist, nun ja, Geschichte. Es kommen ihm Zweifel, die ihn über ein Hotelzimmer in Hongkong, aus welchem er seine Geschichte retrospektiv erzählt, schließlich nach Russland führen. Oliver Stone hat im Vorfeld des Filmes nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Edward Snowden als einen Helden betrachtet und natürlich ist der Film entsprechend ausgerichtet. Wer den Whistleblower also für einen Verräter hält, wird „Snowden“ definitiv als unamerikanische Propaganda brandmarken und den Kinobesuch vermutlich mit einem T-Shirt antreten, auf welchem der Schriftzug „Ich habe nichts zu verbergen“ steht. Diese platte Phrase nimmt Stone natürlich auch in seinen Film auf, in Gestalt von Snowdens Lebensgefährtin Lindsey Mills (Shailene Woodley); eine Aussage, die natürlich vollkommener Blödsinn ist und es bereits immer war. Jeder hat etwas zu verbergen, beispielsweise seine EC-Karten-PIN. Was sich hinter „nichts verbergen“ verbirgt, das kann sich von heute auf morgen ändern und es ist interessant, dass bei Anwendung dieser Floskel zur Rechtfertigung von Überwachung die Definitionshoheit über Dinge, welche man eventuell gerne privat halten möchte (die dabei jedoch nicht im mindesten illegal sein müssen), nicht nur individuell, sondern kollektiv nicht mehr bei einem selbst liegt. Und ja, es gibt da dieses altmodische Konzept namens „Privatsphäre“, übrigens ein Recht von Verfassungsrang, das aber im Zeitalter sozialer Netzwerke niemanden mehr zu interessieren scheint. Doch warum werden Facebook-Exhibitionisten immer wieder als scheinbar kollektiv gültige Begründung dafür herangezogen, a) alles abzugreifen, was digital preisgegeben wird, und b) somit sämtliche anderen Menschen gleich mit in Sippenhaft zu nehmen? Das Ganze mit einem Verweis auf eine hierbei handelnde Demokratie zu rechtfertigen, deren Interessen vollständig im Gegensatz zu denen einer Diktatur stünden, funktioniert nicht: Wenn eine von politischer Seite vollzogene Handlung gegen rechtsstaatliche und freiheitliche Prinzipien gerichtet ist, hängt es nicht davon ab, wer sie durchführt.

„Terrorismus ist bloß eine Ausrede“, sagt der von Joseph Gordon-Levitt ganz formidabel verkörperte Edward Snowden dann auch an einer Stelle. Und genau darin manifestiert sich das Problem der Totalüberwachung, was auch ein paar junge Mitarbeiter der NSA zumindest ansatzweise bemerken, als ihnen auffällt, dass der Geheimdienst in den USA die Daten von etwa drei Mal so viel Menschen gesammelt hat wie in Russland und darüber ganz furchtbar bestürzt sind. Beim Klassenfeind, okay, aber zu Hause? Und dann auch noch so massenweise? Nein, es ging nie primär um Terrorbekämpfung, sondern stets um das Verschaffen von allumfassender Kontrolle, sowohl daheim wie auch überall anders sowie damit verbunden um ökonomische und politische Vorteile auf dem globalen Schachbrett. Oder wie lässt es sich anders begründen, dass sich der Geheimdienst die komplette Kontrolle über das japanische Stromnetz sichert? Es könnte ja sein, dass die Japaner eines Tages mehr keine Verbündeten sind, dann kann man ihnen in genau jenem Moment den Saft abdrehen, so die von Snowden wiedergegebene Begründung, als er zusammenfassend von NSA-Aktivitäten rund um den Globus erzählt. Alles im Namen der Sicherheit, versteht sich. Und das ist vermutlich nur eines von zahlreichen Beispielen.

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„Snowden“ erklärt und verdeutlicht das Ausmaß der Überwachung, teils auf vermutlich vereinfachte Weise; wenn sich IT-Experten wie Edward Snowden und seine Kollegen unterhalten, dann wird das ganz bestimmt nicht so geschehen, dass ein durchschnittlicher Kinobesucher davon irgendetwas versteht. Doch Oliver Stone bereitet die Informationen quasi benutzerfreundlich auf, er kombiniert immer wieder Montagesequenzen mit Snowdens Voice-Over-Erzählung und legt auf diese Weise dar, wie die einzelnen NSA-Programme mit den kryptischen Namen funktionieren und welche Auswirkungen daraus erwachsen. Dankenswerterweise wird digitaler Traffic hierbei nicht lediglich als ein dickes CGI-Kabel dargestellt, durch dass sich eine Masse an leuchtenden Punkten bewegt, stattdessen greift Stone in den entsprechenden Momenten auf eine assoziative Montage zurück, die in gewisser Weise (allerdings deutlich entschärft) an frühere Werke seinerseits erinnert, wenn Nachrichtensendungen etwa mit Reportagen und punktuell gesetzten Inserts kombiniert werden, was einen fast schon dokumentarischen Charakter aufweist und ein Gegengewicht zu den Szenen bildet, in denen Snowden im Hotelzimmer in Hongkong der Dokumentarfilmerin Laura Poitras und den Journalisten Glenn Greenwald sowie Ewen MacAskill seine Geschichte erzählt, welche dabei zumeist parallel für den Zuschauer bebildert wird. Das alles ist nicht neu, das alles ist nicht bahnbrechend und revolutionär, es erfüllt aber den Zweck, den der Film verfolgt. Er will jenes, was man immer nur so ungefähr wusste, aber in all seiner Komplexität nie ganz greifen konnte, auf eingängige Weise zusammenfassend veranschaulichen.

Vor zwanzig Jahren hätte man „Snowden“ vermutlich nach dem Kinobesuch mit den Worten: „spannend, aber dann doch etwas unrealistisch“ quittiert. Spannend ist der Film auch heute, sehr sogar, die zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug, aber unrealistisch? Die Tatsache, dass dies alles mehr oder weniger auf wahren Begebenheiten beruht und dass der Film nicht die Vorurteile linker Verschwörungsspinner bedient, das macht ihn so wichtig. Oliver Stone verpackt die Thematik mit nicht mehr ganz so viel stilistischer und emotionaler Wucht wie noch in seiner Vietnam-Trilogie oder in „JFK – Tatort Dallas“. Doch da er trotz einer sehr subjektiven Erzählweise kein reines Biopic dreht, sondern Edward Snowden mehr als Ausgangspunkt für eine schnörkellos erzählte Beschäftigung mit dem Thema Überwachungsstaat nutzt, funktioniert das Konzept auch ohne die Vehemenz seiner früheren Werke. Traurig ist nur, dass „Snowden“ wohl keinerlei gesellschaftlichen Diskurs befördern wird, weder in den USA noch in Europa. Dass Filme diese Kraft aufweisen, scheint seit den ausgehenden 1980er-Jahren irgendwie vorbei zu sein.

Autor: JL

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