Einen Kommentar hinterlassen

Skyfall (2012) Doppelkritik

Man kann mit zweierlei Erwartungen in den neuen Bond gehen. Zum 50. Jubiläum eines der erfolgreichsten Franchises der Filmgeschichte erwartet der eine vielleicht ein Actionspektakel, das eine Charakterzeichnung wie Casino Royale durchführt. Andere hoffen vielleicht auf die Rückkehr zum guten, alten James Bond, einem Agenten ohne Rücksicht auf Verluste.

Skyfall versucht diesen Drahtseilakt nicht nur in Actionszenen mit Hochglanzoptik, sondern auch bei Ausarbeitung der Figuren und ihrer Konflikte. Dabei schafft es der Film dem jungen Zuschauer den Agentenkrimi mit persönlichem Drama als neu und unverbraucht vorzustellen, gleichzeitig aber auch dem 007-Nostalgiker die Welt der Agenten als modern und klassisch zu präsentieren. Im Gegensatz zu Quantum of Solace verzichtet der neue Film auf permanente Hektik und orientiert sich stattdessen lieber an Erzählweise und Stil der alten Sean Connery-Filme.

Ex-Geheimagent Silva möchte sich am MI6 und dessen Chefin M rächen, die er dafür verantwortlich macht, dass er in Gefangenschaft geriet. Javier Bardems Darstellung Silvas erinnert angenehm an frühe Bond-Bösewichter, wie Goldfinger, Dr. No und Blofeld und erreicht mit seinen psychotischen Anwandlungen aber auch Charakterzüge von Hannibal Lecter.

James Bonds (neue) Biographie, die mit Casino Royale ihren subtilen Anfang fand, wird hier weiter ausgebaut, so dass wir verstehen, warum er eine so intensive Beziehung zu seiner Ersatzmutter M aufbaut. Durch angedeutete Ereignisse in seinem Leben erreicht die Vermenschlichung Bonds ihren bisherigen Höhepunkt. Wo kommt er her? Ist er und der Geheimdienst ein Relikt einer vergangenen Epoche? Braucht die Welt James Bond noch? Brauchen wir, die Zuschauer, James Bond noch?

Der Film schafft es, die meisten dieser Fragen klar zu beantworten ohne es in Worte zu fassen und sich trotzdem nicht als Bergmannsche Charakterstudie zu entpuppen. Stattdessen führt er uns zurück zu den Anfängen der Bond Filme, wobei nichts so bleibt, wie es war.

Im Gegensatz zu diesen, die nahezu alle einen zeitgeschichtlichen Kontext schafften, verzichtet Skyfall auf Aktualität zugunsten einer ödipal anmutenden Mutter-Sohn-Tragödie. So schrumpft die Problematik des Cyberkriegs autonomer Terror-Zellen zur Randbemerkung im Kampf der beiden verlorenen Söhne um Judy Dench. Noch beide Vorgänger beschäftigten sich mit internationalem Terrorismus, Geldwäscherei und Rohstoffspekulation in großem Stil –  Skyfall ist quasi ein Einzelstück in Sachen Personalisierung und Verzicht auf Weltbeherrschungsphantasien.

Allerdings ist dieser Film eine private Geschichte und benötigt deswegen keine Welt im permanenten Kriegszustand. James Bond und die Welt sind erwachsen geworden.

Die – so oft verdrängte – tragische Geschichte des Geheimagenten 007 wurde außerdem noch nie so berauschend schön erzählt, wie in Casino Royale und nun auch Skyfall. Ruhige Kameraarbeit, eine getragene Montage, die an „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnert und Kämpfe vor pittoresken Hintergründen bestimmen das Bild des neuen Agentenabenteuers. Und während sich der Film auf eine traditionell-moderne Ästhetik besinnt, überwindet Bond die Traumata seines Lebens und findet auch den Humor wieder.

Autoren: Simon Oldenbruch und Balthasar Marko

Leave a Reply