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Sieben (1995) Review

Sieben 1

Eine nordamerikanische Stadt. Welche genau – das wissen wir nicht. Wir wissen lediglich, dass es dort fast unablässig regnet. Lieutenant William Somerset (Morgan Freeman) hat hier noch sieben Tage bis zur Pensionierung vor sich, die Ablösung ist in Form von Detective David Mills (Brad Pitt) bereits eingetroffen. Der eine stets besonnen, der andere ein typischer Heißsporn: Ein ungleiches Ermittlerduo hat sich da gefunden. Ich spreche von gefunden, weil die beiden sich natürlich irgendwann zusammenraufen, um gemeinsam einen brutalen Serienkiller zu schnappen, der seine Opfer nach den sieben Todsünden auswählt: Maßlosigkeit, Habgier, Trägheit, Hochmut, Wollust, Neid und Zorn. Vorhang auf für einen der besten Thriller aller Zeiten.

David Finchers „Sieben“ ist ein Schlag in die Magengrube. Alles, was gut ist, ist flüchtig, idyllische Momente sind selten in seinem Ausnahmewerk. Sein Film wird von einer düster-morbiden, unheilschwangeren Grundstimmung durchzogen. „Sieben“ ist ein perfekter Kriminalfilm, der alle Register der Spannungsdramaturgie zieht, ohne dabei jemals in Hektik zu verfallen. Mal wird hier ein Hinweis entdeckt, mal findet man dort eine Spur und langsam aber sicher ergänzen sich die einzelnen Teile zu einem grausigen Puzzle über die Abgründe der menschlichen Seele. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein (Nietzsche). Jegliche Farbe scheint aus den Bildern verschwunden zu sein, Helligkeit sucht man vergebens – wenn ein Bild einmal einen Hauch von Licht versprüht, dann nur in sepiafarbenen, gelblichen Tönen. Alles scheint krank zu sein in dieser Welt. Und wenn doch einmal die Sonne scheint, dann um alle Hoffnung zu verhöhnen.

Sieben 2

Wenn man über „Sieben“ schreibt oder spricht, dann gehen einem relativ schnell die Superlative aus. Finchers virtuos inszeniertes Meisterstück ist nicht nur einer der ganz großen Filme der 90er, sondern auch einer der besten Filme aller Zeiten. Natürlich stehe ich heutzutage mit dieser Meinung nicht alleine da, zu sehr und natürlich auch zu Recht hat sich der amerikanische Filmemacher als einer der talentiertesten Regisseure mittlerweile einen Platz im Regie-Olymp erarbeitet. Was seine Filme seit jeher auszeichnet, ist eben auch ihre formale Brillanz, die auch in diesem Thriller wieder hervorsticht. Die unheilvolle Musik von Howard Shore, der verstörende Vorspann, der nicht minder irritierende Abspann, die herausragende Kameraarbeit von Darius Khondji, das schaurig-schöne Produktionsdesign vom langjährigen Ridley-Scott-Mitarbeiter Arthur Max. Hinzu kommen Pitt und Freeman mit Performances für die Ewigkeit und Andrew Kevin Walkers cleveres Skript. „Sieben“ ist ein pessimistischer Gesellschaftskommentar, ein schockierender Psychothriller mit einem herausragenden Antagonisten, den man am ehesten als diabolische Allegorie auf und Kritik an menschliche(r) Apathie, Doppelmoral und Scheinheiligkeit sehen kann. Aber Finchers Werk ist nicht komplett depressiv stimmend: Es gibt zwar wenig Hoffnung und wenig Gutes in dieser Welt, doch die wenigen schönen und so fragilen Momente sind es wert, dass man um sie kämpft. Letztendlich lebt das schauerliche Meisterwerk dann von zwei essentiellen Fragen: Wie hätte man selbst am Ende entschieden? Und wer ist eigentlich John Doe? Die Antworten bleibt sich jeder selber schuldig. Das ist die große Stärke dieses Geniestreichs. Gott hat sieben Tage benötigt, um das Leben zu erschaffen, John Doe fordert die Seele des Menschen in sieben Stufen zum Duell heraus.

Fazit: Bedrückend und klug, spannend und verstörend. Alltime Classic: 11/10. Besser und gehaltvoller kann man einen Thriller, nein, kann man einen Film nicht inszenieren. Mit Spannung darf daher Finchers neuer Streifen „Gone Girl“ mit Ben Affleck und Rosamund Pike erwartet werden, der am 2. Oktober in den Kinos startet. Ein Thriller natürlich. Die Erwartungen könnten also höher nicht sein.

Autor: Markus Schu

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