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Showgirls (1995) Review

Ein kolossaler Flop an den Kinokassen muss zwar nicht zwingend ein Grund zur Trauer sein, hat jedoch schon einigen Regisseuren dauerhaft oder zumindest für längere Zeit das Genick gebrochen. Michael Powell („Peeping Tom“, 1960), Michael Cimino („Heaven’s Gate“, 1980), Francis Ford Coppola („One for the Heart“, 1982) oder Kevin Costner („Waterworld“, 1995) sind nur einige Beispiele, Paul Verhoeven ist ein weiteres. Sein Film „Showgirls“ (1995) wurde von Kritik wie Publikum gleichermaßen verschmäht, konnte nur etwa die Hälfte seines Budgets wieder einspielen und gewann darüber hinaus sieben Goldene Himbeeren. Zwar gelang ihm 1997 mit „Starship Troopers“ zumindest in gewissen Kreisen noch ein Achtungserfolg und für „Hollow Man“ (2000) konnte er Kevin Bacon verpflichten, seinen aktuell letzten Film „Black Book“ (2006) realisierte er nach sieben amerikanischen Werken dann allerdings lieber wieder in Europa. Jedoch wird „Showgirls“ trotz eines gewissen durch Heimkinoauswertung erarbeiteten Kultstatus‘ in der öffentlichen Bewertung nach wie vor massiv unterschätzt. Denn Paul Verhoevens fünfte amerikanische Regiearbeit ist nichts Geringeres als eine brutale und schonungslose Abrechnung mit dem „American Dream“.

Die junge und attraktive Tänzerin Nomi Malone (Elizabeth Berkley) begibt sich nach Las Vegas, da sie sich dort Chancen auf eine erfolgreiche Karriere erhofft. Zwar wird sie kurz nach ihrer Ankunft bestohlen, findet jedoch in der Kostümbildnerin Molly (Gina Ravera) eine Freundin, die sich ihrer annimmt. Durch sie lernt Nomi Cristal Connors (Gina Gershon), die Protagonistin einer Hotelrevue-Show, sowie ihren Manager Zack (Kyle MacLachlan) kennen. Nomi ergattert einen Job im Stripclub „Cheetah’s“, wird jedoch von Zack mit dem Argument, dass sie dort ihr Talent verschwende, für die Cristal-Connors-Show „Goddess“ abgeworben. Dass der schöne Schein der Glitzer-Metropole Las Vegas mehr als trügt, erfährt Nomi bald am eigenen Leib…

„Showgirls“ war Verhoevens Anfang vom Ende in Hollywood. Nach den drei äußerst erfolgreichen Werken „RoboCop“ (1987), „Total Recall“ (1990) und „Basic Instinct“ (1992) wurde ihm dieser kolossale Flop auch wegen dessen öffentlicher Wirkung letztlich nicht mehr verziehen. Dass Verhoeven mit „Showgirls“ provozieren wollte, steht vermutlich außer Frage. In den prüden USA gibt es filmisch gesehen definitiv nichts Schlimmeres, als in jeder Szene mehrfach blankgezogene weibliche Brüste zu zeigen. Und der Regisseur tut genau dies. „Showgirls“ ist ein schönes Beispiel für die aufgesetzte Heuchelei im US-amerikanischen Filmgeschäft, wo jeder halbnackte Frauenkörper die Sittenwächter auf den Plan ruft, filmische Brutalität jedoch klaglos hingenommen wird, sofern sie ideologisch gesehen die richtigen Gegner trifft. Der Zweck heiligt schließlich die Mittel, frei nach dem Motto: Erst schießen, dann fragen, dies aber bitte vollständig bekleidet. Ob nun aber die vielen Feinde der Freiheit oder körperliche Freizügigkeit gefährlicher für die Entwicklung der Jugend ist, da sind sich konservative US-amerikanischen Gruppierungen noch nicht einig.

Die Intensität der Provokation hätte es zwar für das Voranschreiten der Handlung in der Tat nicht gebraucht, jedoch bleibt Verhoeven sich insofern treu, als dass Brutalität und Sexualität bei ihm schon immer im Fokus standen und gerne überzeichnet inszeniert werden. Durch die Explizität des Ganzen wird die Härte der Botschaft nun noch deutlicher transportiert, denn wenn man hinter die vielen sexualisierten Szenen schaut, die teilweise in der Tat an der Grenze zur Pornografie liegen, kann man einen durch und durch kritischen Kommentar zu den Aufstiegsmöglichkeiten à la „jeder kann es schaffen“ erkennen. Ohne die Szenen im einzelnen zu verraten, lässt sich konstatieren, dass die Gemeinschaft der Tänzerinnen letztlich als Gesellschaftsbild im Kleinformat fungiert und zwar eines, welches komplett von Neid und Missgunst beherrscht wird. Zwar wird Nomi in dem Bordell-artigen Stripclub, in dem sie ihre Karriere zunächst beginnt, finanziell mehr oder weniger ausgenommen, hat jedoch wenigstens Freunde, die ihr das Laufen in der großen Stadt beibringen. Dass es somit letztlich besser ist, bei „seinen Leuten“ zu bleiben und nicht um jeden Preis zu versuchen, sich in die abgehobenen Sphären der wie auch immer gearteten Elite zu begeben, ist eine Erkenntnis, die für sie zu spät kommt.

Was Verhoeven hier dekonstruiert, ist somit jegliche Legende von unbegrenztem gesellschaftlichem Aufstieg. Selbst wenn man diesen vordergründig schafft, muss man sich hintergründig im wahrsten Sinne des Wortes prostituieren (die eigenen Werte verleugnen) und mit unfairen Mitteln gegenüber anderen spielen, um seine Position zu verteidigen. Und auch dann ist man letztlich nur Hure auf anderer Ebene, so dass sich eigentlich nichts verändert hat. Zumal ist der ewige Kreislauf nicht zu durchbrechen, welcher zuschlägt, sobald man an der Spitze steht: Gerade in dieser Situation läuft es irgendwann darauf hinaus, dass zwangsläufig jemand anders diesen Platz einnehmen und man selbst wieder in die Bedeutungslosigkeit hinabgestoßen wird. Am Beispiel von Nomi und Cristal wird dieser Verlauf schonungslos durchgespielt. Denn gerade Nomi ist die prototypische Person, die den „American Dream“ leben müsste. Jung, mittel- und heimatlos, auf der Suche nach dem großen Glück.

Schönheit und Brutalität sind, dargestellt durch einen unvermuteten Plot Point im letzten Drittel des Films, in sprichwörtlich ein und demselben Haus beheimatet. Hinter dem schönen Schein der Partygesellschaft von Las Vegas stecken ebenjene dumpfen Triebe, die sonst eher anderen Gesellschaftsschichten vorgeworfen werden. Doch es ist gerade die Elite, die sich durch niedersten Umgang mit den Mitmenschen auszeichnet. Und die Tatsache, dass alle im selben Boot sitzen, unabhängig davon, was man sich gegenseitig angetan hat. setzt dem Fatalismus des Films die Krone auf. Am Ende hält jeder bei allem den Mund, um das große Ganze (den Profit) nicht zu gefährden. Die Macht und der Einflussreichtum der Führungsschicht sind ohnehin zu hoch, um etwas am Status Quo zu ändern, Fehler lassen sich ausschließlich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten korrigieren. Verhoeven porträtiert eine Welt, in der alle Werte, die eine Gesellschaft eigentlich ausmachen sollten, nichts mehr zählen und in welcher die einzige Entscheidung, die jemandem bleibt, diejenige ist, ob man sich in der Tat selbst verleugnen will oder nicht.

Elizabeth Berkley ist eine Idealbesetzung für die Rolle der Nomi Malone. Zwar ist sie in der Tat kein herausragendes Schauspieltalent, jedoch ist die harte Kritik (inklusive Goldener Himbeere), die ihr teilweise entgegenschlug, etwas überzogen. Ihre Höhepunkte hat sie ohnehin in den Tanzszenen, welche sich wegen ihrer fulminanten Choreografien teilweise auch generell gesehen als Highlights präsentieren und in denen sie ihre eigentlichen Fähigkeiten unlimitiert ausspielen kann. Der Part der zunächst naiven Blondine vom Land, die in der Stadt fürs Leben lernt, ist ihr auf den Leib geschneidert, welchen sie mit einem scheinbar eher offensiv ausgelegten Impetus den meisten Teil der Zeit unbekleidet präsentiert. Kyle MacLachlan bleibt am ehesten durch seine Frisur in Erinnerung, genau wie Gina Gershons Charakter ist seine Figur ohnehin eher als Karikatur angelegt und wird auch genau so verkörpert. Wichtig für die Handlung ist darüber hinaus noch Gina Ravera als Berkleys Sidekick, die jedoch nicht nachhaltig im Gedächtnis haften bleibt.

Mit „Showgirls“ schuf Paul Verhoeven eines der vermutlich kontroversesten Werke der jüngeren amerikanischen Filmgeschichte, welches im Gewand des Exploitation-Films die zwar für dieses Genre typische, hier allerdings sehr nachdrücklich zu findende gesellschaftskritische Ader in sich trägt. Durch den nachträglich erarbeiteten Kultfaktor begann der Film sogar, sich finanziell zu rentieren und erfreut sich en passant einer Wertschätzung durchaus namhafter Personen wie Quentin Tarantino und Nouvelle-Vague-Altmeister Jacques Rivette. Paul Verhoeven holte seine Goldene Himbeere für den „Schlechtesten Regisseur“ übrigens persönlich ab und war damit die erste mit dem Negativpreis ausgezeichnete Person, die zur Razzie-Zeremonie erschien.

Autor: Jakob Larisch

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