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Serena (2014) Review

© STUDIOCANAL

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Die dänische Regisseurin Susanne Bier hat bereits mit einigen Filmen auf sich aufmerksam gemacht. Zu nennen wären da zum Beispiel „Brothers – Zwischen Brüdern“, welcher 2009 ein amerikanisches Remake mit Jake Gyllenhaal, Tobey Maguire und Natalie Portman in den Hauptrollen erhalten hat; „In einer besseren Welt“, welcher 2011 den Auslands-Oscar gewinnen konnte; die romantische Komödie „Love Is All You Need“ (2012) mit Pierce Brosnan und Trine Dyrholm oder das Drama „Eine neue Chance“/„Things We Lost in the Fire“ mit Halle Berry und Benicio del Toro, welches Biers englischsprachiges Debüt im Jahre 2007 markierte. Nun, nach 18-monatiger Arbeit, hat es endlich ihr neues Werk „Serena“ in die Kinos geschafft. Leider kenne ich bisher keinen weiteren Film der Regisseurin, so dass ich ihr neues Werk nicht in den Kontext ihres Gesamtwerks einordnen kann. Aber eines sei bereits an dieser Stelle gesagt: Susanne Biers (Quasi-)Western, der auf der gleichnamigen literarischen Vorlage von Ron Rash basiert, ist ein hervorragendes Charakterdrama geworden, das sich Arthouse-affine Cineasten nicht entgehen lassen sollten.

George Pemberton (Bradley Cooper) besitzt in den Smoky Mountains in North Carolina im Jahre 1929 nach dem verheerenden Börsenkrach und zu Zeiten der anschließenden Großen Depression ein Holzhandel-Unternehmen, um das es jedoch mehr schlecht als recht bestellt ist. Geld- und Zukunftssorgen machen ihm zu schaffen. Der Sheriff (Toby Jones) und einige weitere Offizielle verlangen sogar den Verkauf seines Grundstücks, um dort ein Naturreservat zu errichten, bevor Pembertons Firma alles abgeholzt hat. George heiratet auf einer Reise nach Boston Serena Shaw (Jennifer Lawrence), die er dort gerade erst kennengelernt und in die er sich gleich auf den ersten Blick verschossen hat. Diese kennt sich im Holzgeschäft bestens aus und wird dann nicht nur die Ehefrau von Pemberton, sondern auch Teilhaberin seines Betriebs. Doch an der Grenze zwischen Kultur und Zivilisation sollen im Laufe des Films erbitterte (Macht-)Kämpfe zwischen Freunden, Liebenden und Verbündeten ausgetragen werden, an deren Ende sich (fast) jeder seinem eigenen Unvermögen entgegen stellen muss. Ein uneheliches Baby und eine Fehlgeburt mit anschließender Zeugungsunfähigkeit sorgen ebenfalls für (emotionalen) Zündstoff.

„Serena“ ist ein fantastisch gespieltes Charakterstück, bei dem das „Silver Linings“-Dreamteam Bradley Cooper und Jennifer Lawrence erneut auf ganzer Linie überzeugt. Doch fernab der herausragenden Darstellerleistungen ist Bier auch zuweilen ein im positiven Sinne rätselhafter und stilistisch höchst ansehnlicher und eigenwilliger Anti-Western gelungen. Ihr Film spielt in einer Zeit, in der die Wildnis fast erobert ist, die Industrialisierung weiterhin unaufhaltsam voranschreitet, die „frontier“ schon längst den Pazifik erreicht und die Finanzkrise die Menschen in den Ruin gestürzt hat. Inmitten dieses filmischen Erzähl-Rahmens tut die Regisseurin etwas, was viel Mut und Können voraussetzt: Sie dekonstruiert den amerikanischen Traum. Sie betont die von Gewalt geprägte (kulturelle) Historie und Identität der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich u.a. der Kulturkritiker und Historiker Richard Slotkin einst in „Regeneration Through Violence“, „The Fatal Environment“ und „Gunfighter Nation“ befasste (ich habe die Bücher zwar nicht gelesen, aber alleine die Titel sind schon so fancy, dass ich sie einfach nennen musste; an dieser Stelle übrigens Grüße an meinen ehemaligen Dozenten: Ich hab mir mal etwas gemerkt). Darin analysierte er das Selbstverständnis und die Konstitution des amerikanischen Volkes.

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Mit geradezu archaischer Wucht erzählt „Serena“ daher vom Untergang seiner Protagonisten durch Ehrgeiz und Egoismus, von Traumata, vom Sündenfall, von Mythen, die sich selbst zerstören. Biers Film ist voll von Metaphern und Momenten, die als Schlüssel zu ihrer teils kryptisch angehauchten Erzählung dienen – man achte nur einmal auf die Jagd nach dem Puma, die Zähmung des Adlers, die Kleidung, den Namen der Titelfigur, das zeitgeschichtliche Setting (und den dadurch möglicherweise zu spannenden Bogen in unsere heutige Zeit), etc. Der Film scheint offen für vielfältige Interpretationen zu sein und lädt ein, sich etwas näher mit der amerikanischen Kulturgeschichte zu befassen – mehrmaliges Sehen scheint zu einem umfassenderen Verständnis des Films und seiner zahlreichen Themen quasi unabdingbar zu sein.

Ein uns andere Mal wirkt „Serena“ aber geradezu holprig erzählt, verwendet die Regisseurin doch oftmals Schwarzblenden und handelt sie die Love Story zwischen George und Serena vielleicht etwas allzu lapidar ab. Doch irgendwie macht dies auch alles Sinn, im Endeffekt ist der Vorwurf einer ungeschickten Erzählweise daher auch klar von der Hand zu weisen, eher muss man hier von einer deutlichen Handschrift eines Auteurs sprechen, was den Film eigentlich nur noch ansprechender macht. Die Kameraführung erinnert mit ihren ungewöhnlichen Bewegungen, den Nahaufnahmen und ihrer gesamten Steadicam-Wackel-Ästhetik u.a. auch an Vorbilder aus der Dogma95-Bewegung und trägt mitunter zur latenten Irritation beim Betrachten des Films bei. Genauso wie die relativ explizit gezeigten Momente der Gewalt, die den Zuschauer aufrütteln und – weil sie so unerwartet auftauchen – richtig schockieren. Auch Rhys Ifans und Toby Jones geben gute Performances ab, wobei gerade der Charakter von Ifans genauso wie der von Lawrence zur Diskussion und Interpretation auffordert. Die aktuelle Leading Lady Hollywoods stellt erneut unter Beweis, dass sie auch vielschichtige Rollen stemmen kann: Ihre Verwandlung in eine geradezu paranoide und psychisch immer labiler werdende und vom Leben schwer gezeichnete junge Frau nimmt man ihr jederzeit ab. Dass es dem ebenfalls stark aufspielenden Bradley Cooper in Anbetracht dieser Leistung trotzdem gelingt, nicht neben Lawrence unterzugehen und schauspielerisch stets mitzuhalten, dürfte wohl das größtmögliche Lob sein, das man ihm an dieser Stelle aussprechen kann und muss: Wieder einmal zeigt der durch die „Hangover“-Trilogie zu Ruhm gelangte Akteur, dass er auch komplexe Charakterrollen beherrscht.

Die Figuren in Biers Drama verhalten sich devot und bestimmend, stark und fragil, zielgerichtet und dem Wahnsinn nahe – inmitten von Loyalität, Verrat, Gier, und dem Traum von einem besseren Leben. Gelungen ist der dänischen Regisseurin damit ein enorm starker Film, der den Zuschauer fordert und ihn stets mit neuen Details füttert, damit dieser das filmische Gesamträtsel zu lösen vermag. „Serena“ ist natürlich kein kryptischer Film à la David Lynch, sondern ein Werk, das zwar story- und character-driven, aber zudem auch formal fordernd und eigenwillig ist. Hinter der eigentlich simplen Geschichte steckt eben noch viel mehr, etwas schwelt unter der Oberfläche dieses Films. Doch was es damit genau auf sich hat, das muss jeder selbst herausfinden und herauszufinden bereit sein. Der Film ist symbolisch aufgeladen und dadurch immer auch leicht rätselhaft und vielleicht auch ein ums andere Mal daher gerade fürs Mainstream-Publikum viel zu ungewöhnlich und unkonventionell geraten – Leute, ich weiß von was ich spreche, ich habe den Film in der Sneak gesehen und konnte die Reaktionen der Leute beobachten… und leider auch hören. Auch wenn ich mir im Endeffekt nicht sicher bin, ob ich jedem Dialog, jedem szenischen Übergang, jeder Idee etwas abgewinnen kann: Intensiv, packend und unterhaltsam ist „Serena“ in jedem Fall. Im ausklingenden Kinojahr sollte man sich Susanne Biers neues Werk daher nicht entgehen lassen. 8/10

Autor: Markus Schu

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