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Safari – Match Me If You Can (2018) Review

© Concorde Home Entertainment

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Die Idee, Arthur Schnitzlers „Reigen“ in einen gegenwärtigen Stoff zu verwandeln, hatte Rudi Gaul nach eigener Aussage bereits vor etwa zehn Jahren. Die Geschichte über zehn Menschen, die über mehr oder weniger zufällige sexuelle Begegnungen miteinander in Verbindung treten, kam ihm allerdings stets „zu konstruiert“ vor, um sie glaubwürdig ins Heute zu übertragen. Als der Drehbuchautor und Regisseur jedoch begann, sich mit Dating-Apps wie Tinder auseinanderzusetzen, erschien ihm „Reigen“ plötzlich aktueller denn je und so nahm er sein ursprünglich bereits verworfenes Vorhaben erneut in Angriff: In „Safari – Match Me If You Can“ begleitet Gaul sieben Münchener auf ihren Streifzügen durch den Online-Dating-Dschungel, wobei er einige treffende – und gerade im Hinblick auf die Hintergründe falscher Selbstinszenierung im Internet auch durchaus interessante – Beobachtungen macht. Leider vermag Gauls vierter Kinofilm es aber nicht, seine Figuren mit der erforderlichen Glaubwürdigkeit auszustatten oder die eigentlich spannende Thematik wirklich kritisch aufzuarbeiten.

München im Sommer. Sieben Großstädter vereinbaren über die Dating-App „Safari“ unverbindliche Treffen, von denen sie sich ganz Unterschiedliches erhoffen. Harry (Justus von Dohnányi – „Der Vorname“), Mitte fünfzig, ist von seinem tristen Alltag und der Distanziertheit seiner Ehefrau frustriert und gibt sich online als weltmännischer Pilot aus, um junge Frauen zu One-Night-Stands in luxuriösen Hotelzimmern zu bewegen. Eine dieser Frauen ist Laurie (Elisa Schlott – „Spieltrieb“), deren Vorliebe für schnelle Sex-Dates im krassen Gegensatz zu der totalen Enthaltsamkeit steht, die sie auf ihrer erfolgreichen Instagramseite propagiert. Laurie trifft sich nicht nur mit Harry, sondern auch mit dem 24-jährigen David (Max Mauff – „Patong Girl“, „Victoria“), der unter seinen Freunden als Womanizer bekannt, tatsächlich aber noch Jungfrau ist. Flirttipps holt er sich auf dem YouTube-Channel von Pick-Up-Artist Arif (Patrick Abozen – „Kein Sex ist auch keine Lösung“). Zu dessen Safari-Matches zählt wiederum Fanny, eine idealistische Frau in ihren Dreißigern, die schon seit Jahren nach der großen Liebe sucht und so schnell wie möglich eine Familie gründen will. Mona (Juliane Köhler – „Der Untergang“, „Vielmachglas“), eine alleinerziehende Mutter Ende vierzig, hat hingegen die Nase gestrichen voll davon, sich um ihre mittlerweile erwachsene Tochter zu kümmern, und will nach Jahren der Entbehrungen endlich wieder Spaß und Abenteuer erleben. So trifft sie auf Life (Sebastian Bezzel – „Sauerkrautkoma“), der seinen Lebensunterhalt als Kinderclown verdient und unbedingt eine neue Mutter für seine kleine Tochter finden will.

Wenn so unterschiedliche Charaktere, Wünsche und Erwartungen aufeinandertreffen, sind Missverständnisse und Chaos natürlich vorprogrammiert, und damit eigentlich zugleich optimale Voraussetzungen für eine Komödie geschaffen. Dass es bei „Safari – Match Me If You Can“ trotzdem überraschend wenig zu lachen gibt, liegt nicht etwa daran, dass dessen Gags nicht zünden, sondern vielmehr daran, dass er offenbar gar keine Komödie sein will.

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Selbstverständlich wäre es auch falsch zu behaupten, dass es die ganze Zeit über todernst zuginge. Der Film ist von Anfang bis Ende von einer lockeren Grundstimmung geprägt, die nicht zuletzt durch die bunte Optik und den poppigen Soundtrack von Laing-Leadsängerin Nicola Rost kreiert wird. Ohne Frage gibt es auch viele komödiantisch angelegte Szenen. Besonders amüsant wird es immer dann, wenn Gaul das nicht nur in der Onlinewelt omnipräsente Spannungsverhältnis von Schein und Sein aufs Korn nimmt. Als sich Harry nach einem One-Night-Stand im Luxushotel auf den Weg zur Arbeit macht, verwandelt er seine schicke Pilotenuniform durch das Tauschen der Abzeichen innerhalb weniger Augenblicke in eine gewöhnliche Straßenbahnfahrerkluft. Eindrucksvoll beweist er, wie man seinen gesellschaftlichen Status mit nur wenig Aufwand gravierend anheben kann. Auch die Szene, in der Laurie, die Social-Media-Berühmtheit mit Traumfigur, zu Werbezwecken ein Stück von einer Bratwurst abbeißt, dieses nach vollendetem Selfie aber sofort wieder ausspuckt, ist sehr gelungen inszeniert.

Der Blick, den „Safari – Match Me If You Can“ auf seine Figuren richtet, ist jedoch nur selten von humoristischer Distanz oder gar sarkastischer Überheblichkeit, sondern vielmehr von einem ernsthaften Interesse an ihren Beweggründen und Interaktionen motiviert. Selbst in den besonders unangenehmen und peinlichen Situationen – von denen es wahrhaftig einige gibt – konzentriert sich die Kamera in zahlreichen Großaufnahmen schon fast feinfühlig auf die Zweifel und Unsicherheiten der Figuren, anstatt sie zugunsten eines platten Witzes einfach nur bloßzustellen. Dass man sich in vielen Momenten trotzdem schlichtweg fremdschämt, liegt vor allem daran, dass die Figuren viel zu eindimensional sind, als dass man ehrlich mit ihnen mitfühlen oder mitleiden könnte. Gerade die Frauenrollen fallen überaus klischeehaft aus. Die überzeugte Vegetarierin meditiert konsequent im WWF-Shirt und die reife, einsame Frau findet in SM die sexuelle Erfüllung. Hinzu kommt, dass sich die Figuren sowohl bei der Online- als auch bei der Offlinekommunikation einer so plumpen und gewollt abgespaceten Sprache bedienen, dass ihre Dialoge absolut unauthentisch wirken. An dieser Stelle kommt es dem Film wirklich zugute, dass Gaul zum ersten Mal in seiner Karriere ein größeres Budget zur Verfügung hatte und einige starke Schauspieler für sein Projekt gewinnen konnte. Grimme-Preisträger Max Mauff spielt seinen David zwar merkwürdig überdreht und lässt ihn damit zur anstrengendsten Figur im ganzen Film werden, doch gerade Sebastian Bezzel und Juliane Köhler verleihen ihren flachen Charakteren mit einfühlsamem Spiel zumindest ein paar sympathische Züge. Leider reichen aber auch diese nicht aus, um den Figuren über 109 Minuten mit Interesse zu folgen. Dass am Ende viele Töpfe doch noch ihre Deckel finden oder es schaffen, die Liebe für ihre alten Deckel wieder zu entfachen, ist dann auch nicht weiter überraschend – auch wenn positiv auffällt, dass zumindest einige Figuren ihr Glück letztendlich auch ohne das perfekte Match finden.

Die Gliederung in sieben Episoden hätte dazu beitragen können, den Film etwas kurzweiliger zu gestalten. Die einzelnen Geschichten sind aber so verworren und uneinheitlich, dass ohne die Texteinblendungen vor jeder Episode wirklich schwer zu sagen wäre, um wen genau es denn nun eigentlich gehen soll. Und so nimmt die Unterteilung dem Film eher an Dynamik, als ihm zu mehr davon zu verhelfen.

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Auf eine kritische Auseinandersetzung verzichtet „Safari – Match Me If You Can” größtenteils, obwohl sich seine Thematik – die durch Social Media und Dating-Apps veränderte zwischenmenschliche Kommunikation – gerade aufgrund ihrer Aktualität perfekt dafür angeboten hätte. Hierdurch verschenkt der Film einiges an Potenzial, denn es wird tatsächlich recht spannend, sobald Gaul (wenn auch aus neutraler Beobachterperspektive) weitergehende Fragen aufwirft. Warum zum Beispiel strahlt Harry in seiner Pilotenuniform auch dann noch viel mehr Selbstbewusstsein aus, wenn seine potenziellen Eroberungen überhaupt nicht in Sichtweite sind? Verstellen wir uns wirklich nur für andere? Oder wollen wir in Wahrheit vor allem uns selbst besser gefallen, wenn wir ein falsches Bild von uns entwerfen? Immerhin erlaubt sich der Film noch einen Hinweis darauf, wie vergänglich durch falsche Selbstdarstellung erlangter Ruhm sein kann. Laurie, die auf ihrem Instagramprofil damit angegeben hatte, auf „den Richtigen“ zu warten, sieht sich einem heftigen Shitstorm ausgesetzt, nachdem eine ihrer Safari-Bekanntschaften sie im Bett fotografiert und das Bild auf Facebook geteilt hat. Das unechte Image, auf dem Laurie ihre gesamte Existenz aufgebaut hat, ist innerhalb weniger Sekunden zerstört, ihr Leben wird zum absoluten Albtraum. Obwohl sich für Laurie schließlich doch noch ein kleiner Hoffnungsschimmer ergibt, verzichtet Gaul erfreulicherweise darauf, die Auswirkungen des Shitstorms herunterzuspielen oder wieder zu relativieren. Nichtsdestotrotz hätte es „Safari – Match Me If You Can” gerade angesichts der Tatsache, dass seine Figuren kaum Identifikation zulassen, gutgetan, sich etwas von dem satirischen Biss seines Vorbildes „Reigen“ abzuschneiden.

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Insgesamt ist „Safari – Match Me If You Can” ein zumindest streckenweise unterhaltsamer Ensemblefilm mit interessanten Ansätzen, der jedoch zu unglaubwürdig, unausgewogen und unkritisch ist, um wirklich zu überzeugen.

Autorin: Johanna Böther

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