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Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones (2014) Review

© Universum Film GmbH

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Liam Neeson ist schon ein cooler Hund. Charakterrollen in „Kinsey – Die Wahrheit über Sex“, „Michael Collins“ und „Schindlers Liste“, der weise Mentor in „Batman Begins“, „Königreich der Himmel“, „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ und „Kampf der Titanen“, Actionrollen in „Darkman“, „96 Hours“, „Das A-Team – Der Film“, „Unknown Identity“, „The Grey – Unter Wölfen“ oder „Non-Stop“ – der charismatische Nordire mit der markanten Nase meistert so ziemlich jede Rolle mit Bravour. Doch die Auflistung hat es bereits verdeutlicht: in der letzten Dekade hat sich der gute Herr Neeson primär auf actionlastige Rollen konzentriert – für einen Schauspieler, der 1952 das Licht der Welt erblickte, ist das nicht unbedingt ein typischer Werdegang. Dass es ihm mit diesen Performances jedoch immer wieder gelingt, das Publikum zu catchen (und zwar gerade dann, wenn er der alleinige Hauptdarsteller ist und nicht im Kollektiv agiert wie im finanziell nicht so richtig erfolgreichen „Das A –Team“) schlägt sich in zumeist äußerst beachtlichen Box-Office-Performances nieder. Der alte Mann gehört zu den großen Action-Haudegen der Neuzeit und genießt beim Publikum zu Recht einen hohen Stellenwert, auch wenn seine Filme nicht immer die gleiche Qualität aufweisen können. Der Survival-Thriller „The Grey“ war beispielsweise herausragend, der Paranoia-Thriller „Unknown Identity“ ein höchst unterhaltsames Verwirrspiel, „96 Hours“ ein harter, konsequenter Rache-Actioner. Etwas überambitioniert war hingegen „Non-Stop“, auch „96 Hours – Taken 2“ blieb hinter den Erwartungen zurück. In der Sneak bekam ich dann kürzlich Scott Franks Actionkrimi „Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones“ zu sehen. Das Publikum würdigte bereits die Opening Scene mit Liam Neeson mit derart lautem Beifall, dass für mich sofort klar war: der kernige Nordire hat sich mit seinen vergangenen Action-Thrillern in die Herzen der Zuschauer gespielt – der Name Liam Neeson ist mittlerweile zur Marke geworden, quasi zum Qualitätssiegel. Es scheint geradezu so, als sei der Konsens folgender: „Ein Krimi/Thriller/Actioner mit dem 62-jährigen in der Hauptrolle? Da kann man als geneigter Kinobesucher immer von mindestens solidem und bisweilen sogar großartigem Entertainment ausgehen.“ Scott Franks „Ruhet in Frieden“ pendelt sich ebenfalls irgendwo dazwischen ein und untermauert diese These dadurch erneut.

Protagonist Matt(hew) Scudder (Neeson) war einst Polizist. Doch ein Ereignis in seiner Vergangenheit hat ihn so sehr aus der Bahn geworfen, dass er seine Marke ablegte und begann, sich bei den Anonymen Alkoholikern seinen inneren Dämonen zu stellen. Als Privatermittler kann er acht Jahre danach zwar ganz gut leben, Familie hat er aber keine (mehr). Matt ist ein Loner der Großstadt, einer, der viel verloren hat, einer, der ein Trauma bewältigen muss. Er ist einer, der kurz vor der Jahrtausendwende noch alte Ideale aufrecht erhält, einer, der in dieser schwierigen und von Ängsten durchzogenen Zeit versucht, moralische Werte zu verkörpern und sich doch immer wieder durch Grauzonen manövrieren muss. Einer mit eigenem Kodex. „Ruhet in Frieden“ basiert auf Lawrence Blocks Roman „A Walk Among the Tombstones“ (dt.: „Endstation Friedhof“) und gehört zu einer ganzen Krimi-Reihe mit Matthew Scudder als Hauptcharakter. Seit 2002 gab es bereits Pläne für eine Verfilmung, es wurden Namen wie D.J. Caruso, Joe Carnahan und Harrison Ford mit dem Projekt in Verbindung gebracht, doch erst in der Kombination Scott Frank/Liam Neeson sollte der Roman im Jahr 2014 seinen Weg auf die Leinwand finden. Ob der Plot bereits bei der literarischen Vorlage so vorhersehbar war oder ob sich dies nun erst durch das Zusammenstutzen der Handlung auf eine filmisch angemessene Laufzeit von 113 Minuten so negativ bemerkbar macht, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist jedoch, dass „Ruhet in Frieden“ von Autor und Regisseur Scott Frank (u.a. bekannt für seine Drehbücher zu „Out of Sight“, „Minority Report“ (mit Jon Cohen), „Marley & Ich“ (mit Don Ross), sowie „Wolverine – Weg des Kriegers“ (mit Mark Bomback)) sehr geradlinig voranschreitet und sich narrativ auf altbewährten Pfaden bewegt – „ausgetretenen Pfaden“ würde mir jedoch allzu negativ erscheinen. Das ist an und für sich auch nicht weiter schlimm, weil Scudder und sein junger Partner TJ (Brian „Astro“ Bradley) in ihren gemeinsamen Szenen immer einen hohen Unterhaltungswert versprühen. Doch ein paar wirklich überraschende Momente hätten dem dramaturgisch eher konventionellen Krimi durchaus gut getan. Die Geschichte ist daher auch schnell zusammengefasst: Scudder soll in einem Entführungsfall ermitteln, in welchem psychopathisch veranlagte Kriminelle trotz Lösegeldzahlung die Ehefrau eines Mannes bestialisch ermordet haben. Widerwillig beginnt der Detektiv die Hintergründe der Tat aufzudecken und Zusammenhänge mit ähnlichen Fällen herauszufinden. Letzten Endes scheint es für den gepeinigten Ex-Polizisten sogar noch die Aussicht auf Absolution zu geben, sofern es ihm gelingt, die entführte Tochter eines russischen Mafioso aus den Klauen der Wahnsinnigen zu befreien.

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Klar, die Rückblenden und die damit einhergehenden Informationen über Matts Vergangenheit werden vernünftig eingestreut und lassen dem Zuschauer die angeknackste Seele des Ermittlers nach und nach plastischer erscheinen, doch irgendwie hat man das alles auch schon mal (besser) gesehen. Auch die Antagonisten bleiben eher blass, bewegen sie sich doch irgendwo zwischen nicht sorgfältig ausgearbeiteten Charakteren und allegorischen Stereotypen – vielleicht hätte man sich verstärkt auf die letztgenannte Komponente ihres Wesens konzentrieren sollen. Gut gefallen allerdings die visuelle Umsetzung der Story und die sich dadurch abzeichnende eigene Handschrift des Regisseurs. Ein ums andere Mal fokussiert die Kamera zuerst den Hauptdarsteller, um dann im Anschluss die Mise-en-scène allmählich weiter zu enthüllen und so den Blick auf zusätzliche Details freizugeben. Auch die (zugegebenermaßen) pathetische, aber dadurch auch so intensive Parallelmontage im Finale, die dadurch symbolisch Scudders (gescheiterten?) Selbst-Exorzismus kommentiert und mittels Freeze Frames der Sequenz einen geradezu biblischen und artifiziellen Touch verleiht, darf als starker Regieeinfall gewertet werden.

Trotz simpler Story und altbekannten Versatzstücken weiß der neue Liam-Neeson-Krimi gut zu unterhalten, indem er mit einigen durchaus interessanten Figuren und tollen Regieeinfällen punktet und dadurch die erwähnten allzu schlichten und abgedroschenen Elemente zu kompensieren vermag. Es herrscht zwar eine Diskrepanz zwischen visueller Ambition und narrativer Kalkulation vor – der Plot ist Standard-Ware, die formale Umsetzung hingegen durchaus originell – doch das ist zu verschmerzen. Eigentlich könnte man jetzt denken, dass als Gesamtwertung maximal eine 5/10 rausspringt, aufgrund der durchdachten visuellen Einfälle und Neesons starker Performance muss es aber die 6/10 sein. Sehenswert ist „Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones“ nämlich allemal.

Autor: Markus Schu

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